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Gigantische Rückholaktion: So funktioniert das Reisebüro Heiko Maas

  • Es ist eine beispiellose logistische Leistung – und der Außenminister zeigt sich krisenfest.
  • Fast 200.000 Deutsche hat das Auswärtige Amt aus aller Welt nach Hause geholt.
  • Rund 30.000 sind noch gestrandet. Ausgangssperren machen es unmöglich, alle zu erreichen.
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Berlin. Asisa Bastian hat vom Campingplatz aus freie Sicht auf die Pegasus Bay. Nahe Christchurch, auf der Südinsel Neuseelands, schmiegt sich der Sandstrand im Halbkreis an den Pazifik, ein Idyll am Ende der Welt. Aber der Blick der Biologin aus Bonn haftet doch immerzu auf ihrem Smartphone. Asisa Bastian checkt E-Mails, Facebook-Gruppen gestrandeter Neuseeland-Urlauber und die Internetseite der deutschen Botschaft. “Wir hängen leider sehr viel am Smartphone, um bloß nichts zu verpassen”, sagt sie.

Nirgendwo sonst auf der Welt sitzen zurzeit so viele Deutsche fest wie in Neuseeland. Rund 10.000 Bundesbürger warten auf Evakuierungsflüge. Eigentlich sollten diese vor einer Woche starten. Doch wegen des weltweit eingestellten Flugverkehrs riegelte auch die neuseeländische Regierung den Luftraum ab und verhängte strenge Ausgangsbeschränkungen für Einheimische wie Touristen.

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Hoffen auf das Ende des Urlaubs

Gerade noch rechtzeitig konnte Asisa Bastian mit ihrem Ehemann Boris und dem sechs Monate jungen Sohn Emil vor gut zehn Tagen auf einem der letzten Campingplätze in der Region unterkommen, der noch für Reisende geöffnet war. Seither spielt sich das Leben von Familie Bastian in engem Radius ab. Alle zwei Tage fahren sie den kleinen Campervan 50 Meter über den Platz, um das Abwasser und die Toilette zu leeren und Frischwasser zu tanken. Die sanitären Einrichtungen des Campingplatzes dürfen sie nicht nutzen, eine Schutzmaßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus.

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Die Bastians hoffen auf das baldige Ende eines Urlaubs, den sie sich doch ganz anders vorgestellt haben. Sie hoffen auf das Auswärtige Amt in Berlin.

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Dort, am Werderschen Markt nahe Unter den Linden, lief vor gut zwei Wochen die größte Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik an. Rund um die Uhr arbeiten der Spitzendiplomat Frank Hartmann und sein Team im Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amtes daran, Bundesbürger aus sämtlichen Erdwinkeln zurück nach Deutschland zu holen. Sie lassen sich aus allen deutschen Auslandsvertretungen die Daten ausreisewilliger Reisender übermitteln, tauschen Informationen mit Reiseveranstaltern aus und buchen Charterflüge. Und immerzu erreichen sie über die Social-Media-Kanäle des Amtes neue Anfragen frustrierter Urlauber oder besorgter Angehöriger.

Das Auswärtige Amt hat sich in ein gigantisches Reisebüro verwandelt. Und Außenminister Heiko Maas gibt gern den tatkräftigen Reiseleiter.

“Wir haben bis heute 194.000 deutsche Touristen zurückbringen können”, verkündet Maas am Freitag. Die Koordinierung mit den Regierungen anderer EU-Staaten laufe inzwischen gut. Für die kommende Woche kündigt der SPD-Politiker die Rückkehr weiterer Tausender Urlauber nach Deutschland an.

Die wichtigste Mission

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Maas durchlebt derzeit die wohl wichtigste Mission seiner Amtszeit. Der Fleiß eines Außenministers lässt sich nicht anhand der Zahl von in seinem Ressort erarbeiteten Gesetzen und Verordnungen ermessen. Der Chefdiplomat Deutschlands wirkt durch Worte und Gesten – und muss darauf hoffen, dass diese wahrgenommen und zu seinen Gunsten ausgelegt werden.

Doch mit der weltweiten Rückholaktion in der Corona-Krise erhält der oft als durchsetzungsschwach kritisierte Maas die unverhoffte Chance auf einen ganz konkreten Leistungsnachweis. Die logistische Großleistung des Auswärtigen Amtes wird mit seiner Amtszeit verbunden sein. Die eindrucksvollen Zahlen der Rückholaktion werden mit seinem Namen genannt werden.

Die erste Phase dieser Aktion war einigermaßen überschaubar: In den Touristenhochburgen rund um das Mittelmeer, von Spanien über Marokko bis nach Ägypten, ließen sich große Gruppen Pauschalreisender noch vergleichsweise schnell zusammenführen und ausfliegen. Doch Individualreisende, die sich in Südamerika, Asien oder Afrika abseits vertrauter Pfade bewegen, stellen das Amt vor große Herausforderungen. Noch immer harren Tausende Deutsche in mitunter gefährlichen Weltgegenden aus. Zu den größten Gruppen zählen rund 7000 Urlauber in Südafrika, 4000 in Thailand, rund 2700 in Indien und 2000 in Peru. Dass die große Rückholaktion für alle Betroffenen mit einem Happy End ausklingen wird, ist ungewiss.

Maas dämpft die Erwartungen

Maas dämpft die Erwartungen: Es werde Fälle geben, “wo jemand im kolumbianischen Urwald ist oder auf den Philippinen auf einer Insel sitzt und wo aufgrund der Ausgangssperre keinerlei Fortkommen mehr möglich ist”, sagt der Minister. Zwar kümmere sich sein Haus auch um diese Fälle – “aber wir können natürlich nicht garantieren, dass jeder Einzelfall gelöst wird”.

Bis vor wenigen Stunden hatte Felix Uhlig die Sorge, dass auch er und seine Partnerin zu unlösbaren Einzelfällen würden. Sie saßen fest in den peruanischen Anden, unweit von Machu Picchu. Gesehen hat der Hamburger die Inka-Stätte nicht, die strenge Ausgangssperre hinderte ihn daran. Immerhin, das Hotel war gut. “Es gab dort vier Alpakas, die frei herumliefen, wir haben viel gelesen und in der Hängematte entspannt”, erzählt Felix Uhlig. Die Tage unterschieden sich nicht voneinander.

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Am Freitagnachmittag ist der Hamburger Felix Uhlig wieder in Deutschland gelandet – nach nervenaufreibenden Tagen in den Bergen Perus.

Einmal verließen sie das Hotel und besuchten die Stadt Urubamba. “Dort wurde man als europäisches Pärchen von den Einheimischen angeschaut, als wäre man persönlich das Virus”, erzählt der 36-Jährige. “Wir haben uns dann schnell entschlossen, die restlichen Tage im Hotel zu verbringen.” Meldungen, wonach Polizei und Militär die Ausgangssperre mit Waffengewalt umsetzen dürfen, bestätigten Uhlig und seine Freundin in ihrem Entschluss, im Hotel auszuharren und sich auf die Rückholliste der Bundesregierung setzen zu lassen.

Den Kontakt zum Auswärtigen Amt erlebte Felix Uhlig als ausgesprochen nervenaufreibend. Informationen über den Aufenthaltsort des Paares wurden falsch oder gar nicht weitergegeben, kurzfristige Aufforderungen, sich binnen Stunden an einem Abflugort einzufinden, ließen sich aufgrund der strengen Ausgangssperre und großer Distanzen nicht umsetzen. “Das Auswärtige Amt hatte falsche Vorstellungen von den Gegebenheiten vor Ort”, sagt Felix Uhlig.

Dennoch klingt er entspannt, als er am Freitag von seinem ungewollten Abenteuer berichtet. Der Hamburger sitzt da bereits im Flieger zurück nach Frankfurt. Eine Flugbegleiterin hat den Passagieren soeben ein Infoblatt zu Covid-19 ausgehändigt. Schon auf dem Heimflug beschleicht Uhlig wieder Fernweh. “Wir haben noch ein paar Anzahlungen bezahlt bei verschiedenen Touranbietern”, sagt er. Vielleicht ließen die sich noch einlösen, Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres: “Wir wollen auf jeden Fall das sehen, was wir jetzt nicht sehen konnten.”

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Verbindungen werden brüchig

Die Deutschen gelten weltweit als besonders reisefreudig. Nur Amerikaner und Chinesen reisen mehr. Urlaub, das stand bisher nicht für Risiko. Ein weltumspannendes Netz von Reiseanbietern vermittelte jenen, die es sich leisten können, Sicherheit fernab des eigenen Zuhauses. Doch die Corona-Krise hat dem Reisen die Unbeschwertheit genommen. Selbst Verbindungen zwischen Verbündeten erscheinen brüchig.

So haben die Krisendiplomaten in Berlin zu ihrer eigenen Verwunderung fast eine Woche lang großen Aufwand betreiben müssen, um die Rückführungsflüge aus Neuseeland wieder aufnehmen zu können – immerhin aus einem befreundeten Rechtsstaat. Am Freitag hob eine Maschine der Air New Zealand auf der Nordinsel ab. Am Samstag soll das Flugzeug mit 342 Passagieren an Bord in Frankfurt landen. Am Montag sollen die Flüge von der Südinsel Neuseelands gen Deutschland beginnen.

Auf dem Campingplatz nahe Christchurch verfolgt Asisa Bastian auf ihrem Smartphone die guten Nachrichten über ausreisende Urlauber. Doch sie bleibt skeptisch. “Warten wir es ab, es kann ja immer noch etwas dazwischenkommen”, sagt sie. “Ich will mich erst freuen, wenn wir tatsächlich im Flieger sitzen.”

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Spahn sieht ersten Hoffnungsschimmer im Kampf gegen Viruskrise
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Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigt sich angesichts der geringeren Neuinfektionen optimistisch.  © Reuters
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