Grenzerfahrung Deutschland

  • Die einen zocken, andere schlagen Alarm – nur die Grünen schweigen.
  • Deutschland befindet sich aktuell an vielen Fronten im absoluten Grenzbereich.
  • Heute starten wir in die bisher wichtigste Woche des Jahres.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Kontraste lassen uns Missstände deutlicher erkennen. Davon gibt es in Deutschland einige. Bundestags­abgeordnete, Minister­präsidenten und Kanzler­kandidaten stellten gestern im Gedenken an die deutschen Opfer der Pandemie Kerzen ins Fenster. Bürger entzündeten hingegen Kerzen vor Rathäusern und Staatskanzleien, um die Politik für ihre schmerzlichen Verluste mitverantwortlich zu machen. Auf Twitter trendet der Hashtag #Einkerzen statt #Lichtfenster. Das Motto der Protestierenden: „Zündet sie doch selbst an.“

Der Bundestag hat am Wochenende planmäßig die Debatte über das neue Infektions­schutzgesetz ruhen lassen, während Intensivmediziner ihre Warnungen weiter in den luftleeren Raum rufen. Meine Kollegin Laura Beigel hat einigen von ihnen zugehört. „Jeden Tag stürzt hier im Moment ein Flugzeug ab“, erklärt etwa Bernd Böttger von der Uniklinik Köln. Jeder Tag, der ohne neue Regeln verstreicht, wird seine Opfer fordern, sind sich Virologen sicher. Dieses Virus ist heimtückischer, als viele Deutschen wahrhaben wollen. Denn Long Covid trifft vermehrt junge Menschen.

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Erst am Mittwoch soll der Bundestag eine einheitliche Corona-Notbremse beschließen, von der Experten bereits jetzt sagen, dass sie nicht reichen wird. Dementsprechend kommen einige Länder dem Bund zuvor. Was wiederum zu deutlich unterschiedlichen Regeln im ganzen Land führt. In Mecklenburg-Vorpommern wird das Leben ab heute beispielsweise massiv herunter­gefahren. Bereits ab einer Inzidenz von über 100 sollen Ausgangs­beschränkungen von 21 bis 5 Uhr möglich sein. In Thüringen wird dagegen weiter per Click and Meet geshoppt – solange die Inzidenz stabil unter 200 liegt. Schüler lassen sich testen, aber nur, wenn sie wollen. Man setzt auf Freiwilligkeit, berichten meine Kollegen Fabian Wenck und Alessandra Röder in ihrem Länderüberlick der ungleichen Corona-Regeln.

Die blockierte Union

Und schließlich: Annalena Baerbock oder Robert Habeck? Nach monatelangem Abwarten präsentieren die Grünen heute, wer für sie die erste Kanzlerkandidatur ihrer Geschichte übernehmen soll. Ohne Schmutz, ohne Aufregung im Vorfeld. Die Union versinkt dagegen im eigenen Unrat. Die Fronten zwischen Armin Laschet und Markus Söder scheinen sich über das Wochenende derart verhärtet zu haben, dass eine freundschaftliche, einvernehmliche oder wenigstens sachorientierte Entscheidung in weite Ferne gerückt ist, berichten meine Kollegen Kristina Dunz und Andreas Niesmann aus Berlin. Die Entscheidung kann heute fallen, vielleicht bei der Fraktionssitzung am Dienstag. Oder sogar noch später. Fest steht: Der Rückhalt für Laschet bröckelt. Gestern Abend sprach sich die Junge Union mit überwältigender Mehrheit für Söder als Kanzlerkandidaten aus.

Video
Union: Machtkampf zwischen Laschet und Söder spitzt sich zu
1:08 min
Die von Armin Laschet und Markus Söder selbst gesetzte Frist läuft ab: Bis Ende der Woche wollten sie sich einigen, wer Kanzlerkandidat der Union wird.  © dpa-Video
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Deutschland steht vor einer richtungs­weisenden Woche. Die nächsten Tage werden darüber entscheiden, ob das Gesundheits­system wirklich an den Rand des Zusammenbruchs kommt. „Sollte es so weit kommen, werden Markus Söder und Armin Laschet nicht mehr über das Kanzleramt nachdenken müssen. Dann geht es um die Frage, welche Verantwortung sie ganz persönlich für den Tod von Tausenden Menschen tragen“, kommentiert Niesmann.

Ein gedankenloses Zocken um Macht und Status erkennt man eben nur, wenn man auch die Kontraste dazu wahrnimmt.

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Zitat des Tages

Ich kann mich auch nicht hinsetzen und sagen, ich mache morgen mit Lena Gercke Schluss, weil ich noch nie mit der zusammen war. Es war nichts und ist nichts.

Julian Nagelsmann, Trainer bei RB Leipzig und heiß gehandelter Nachfolger von Hansi Flick beim FC Bayern, auf die Frage, was er machen würde, wenn ein Angebot des Rekordmeisters käme

Leseempfehlungen

Impfreisen: In den Urlaub fahren und dabei eine Corona-Impfung erhalten – das ist inzwischen tatsächlich möglich. Ein norwegischer Veranstalter hat erste Touristen nach Russland geflogen, dort bekamen sie das Vakzin Sputnik V gespritzt. Wie realistisch sind weitere Impfreisen in naher Zukunft – und sind sie ethisch vertretbar?

­Tierquälerei: Filmaufnahmen zeigen die verstörende Realität in einem spanischen Tierversuchslabor. Es heißt Vivotecnia und wird von einem deutsch-spanischen Unternehmer geführt. Tierschützer demonstrieren seit Tagen vor dem Firmensitz in Madrid, und auch die Regionalregierung hat inzwischen reagiert, berichtet unser Korrespondent Martin Dahms.

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Fußball: Zwölf europäische Topklubs wollen eine Superliga gründen – in Konkurrenz zur Champions League. Die Idee ist nicht neu, aber nun machen die Klubbosse offenbar Ernst. Die Fußballverbände Fifa und Uefa reagieren mit scharfer Kritik. Deutsche Klubs sind bisher nicht mit von der Partie.

Aus unserem Netzwerk: Die erkaufte Systemrelevanz

Ein Unternehmer aus Sachsen ordert 5000 Rollen Toilettenpapier und macht so aus seinem Modegeschäft einen system­relevanten Gemischt­warenladen. Am Montag darf der „Klopapier Super Store“ jetzt nach wochenlanger Schließung wieder öffnen, berichtet die „Leipziger Volkszeitung“. Neben Hygieneartikeln können Kunden dann auch Bekleidung kaufen.

Termine des Tages

Koalitions­fraktionen beraten über Corona-Notbremse: Die Bundestags­fraktionen von CDU/CSU und SPD beraten um 11.30 Uhr in Videokonferenzen über Änderungen am Infektions­schutzgesetz zur besseren Bekämpfung der Corona-Pandemie. Das Parlament hatte vergangene Woche erstmals über den Entwurf der Regierung beraten, am Mittwoch will es darüber abstimmen.

Außenminister der EU-Staaten beraten über Ukraine-Konflikt: Die Außenminister der EU-Staaten wollen heute in einer Videokonferenz über die jüngste Zuspitzung des Konflikts zwischen der Ukraine und Russland beraten. Zu den Gesprächen soll zeitweise auch der ukrainische Außenminister Dmitri Kuleba zugeschaltet werden. Sein Land fordert von der EU eine stärkere Unterstützung zum Beispiel durch neue Sanktionen gegen Russland.

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Was heute wichtig wird

Der Prozess gegen den weißen Ex-Polizisten Derek Chauvin wegen der Tötung des Afroamerikaners George Floyd steht vor dem Abschluss. Am Gericht in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota beginnen um 16 Uhr die Schlussplädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Der Podcast des Tages

Eine besondere Geschichts- und Gegenwartsstunde: RND-Hauptstadt­korrespondent Tobias Peter hat in unserem Podcast „Die Schulstunde“ mit dem früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck gesprochen. Gauck, der erstmals in seinem Leben zu Gast in einem Podcast ist, erzählt über seine Schulzeit in der DDR, beschreibt seine Sicht auf die junge Generation und wirbt für eine starke Rolle der Schülervertreter. Das alles unter der Fragestellung: „Kann man Freiheit lernen, Herr Gauck?“

„Der Tag“ als Podcast

Die News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

Ihr Alex Krenn

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