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  • Gregor Gysi ist neuer außenpolitischer Sprecher der Linken: Nach 2015 wieder zurück im Rampenlicht

Kein Mann für die zweite Reihe: Gysi ist zurück im Rampenlicht

  • Gregor Gysi, 72, war bis 2015 Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag.
  • Jetzt wählte ihn die Fraktion zu ihrem außenpolitischen Sprecher.
  • Die Fraktionsspitze setzt offenkundig auf Gysis Popularität – und seine für SPD und Grüne verträglichen Ansichten.
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Berlin. Am Donnerstagabend durfte Gregor Gysi mal wieder ans Rednerpult. Da hatte die Linke im Bundestag nämlich eine Debatte aufsetzen lassen, Überschrift: „Gesundheits­system statt ,Atombomber‘ finanzieren.“ Dazu schickte sie den langjährigen Fraktionsvorsitzenden in die Bütt.

Bereits am Dienstag hatte der 72-Jährige das eigentliche Comeback gefeiert. Fünf Jahre nachdem ihn Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch an der Fraktionsspitze abgelöst hatten, bestimmte ihn die 69-köpfige Fraktion nun zu ihrem neuen außenpolitischen Sprecher – als Nachfolger des 25 Jahre jüngeren Stefan Liebich, der aus eigenem Entschluss nicht mehr kandidierte.

Dass ein Mann aus der einst ersten Reihe der deutschen Politik später in der dritten Reihe nochmal einsteigt, ist ausgesprochen ungewöhnlich. Aus jüngerer Vergangenheit fällt einem da nur Wolfgang Tiefensee von der SPD ein, der nach seiner Zeit als Bundesverkehrsminister in Berlin mittlerweile als Wirtschaftsminister in Thüringen amtiert.

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Biografie geschrieben

Als Gysi 2015 wegen der chronischen Streitereien in der Linken durchaus auch ein bisschen entnervt den Hut nahm, war er 67 und damit im besten Rentenalter. Seinerzeit erzählte er gern, dass sein Terminkalender weiterhin für Monate voll sei. 2017 legte der flinke Rechtsanwalt seine Autobiografie vor. Titel: “Ein Leben ist zu wenig”. Im Jahr zuvor wählte ihn die Europäische Linke, ein Zusammenschluss sozialistischer und kommunistischer Parteien, zu ihrem Chef – ein wenig öffentlichkeitswirksames Amt, das Gysi inzwischen wieder abgegeben hat.

Für den Umstand, dass er jetzt wieder in den Ring klettert, gibt es mehrere Gründe.

Die neue Fraktionsführung um Bartsch und die Wagenknecht-Nachfolgerin Amira Mohamed Ali schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie hat erstens die Popularität im Auge, die Gysi zumindest bei Älteren immer noch genießt. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2021 kann die Linke diese Popularität gewiss gut gebrauchen. Gerade in Ostdeutschland, wo ihre in die Jahre gekommenen Stammwähler sitzen, schwächelte sie zuletzt – zugunsten der AfD.

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Zweitens gibt es neben Liebich in der Linksfraktion kaum Außenpolitiker, die jenseits der Fraktionsgrenzen noch irgendwie vermittelbar wären – schon gar nicht bei SPD und Grünen, mit denen es nach der Bundestagswahl womöglich Sondierungsgespräche zu führen gilt.

In der Fraktion dominieren auf dem Feld vorzugsweise Vertreter aus Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen, die Sympathien für Despoten in Syrien und Venezuela oder die Separatisten in der Ukraine haben, nicht aber für die Europäische Union, geschweige denn für die USA. Säßen sie mit am Tisch, wären Sondierungsgespräche sicher rasch zu Ende – anders als mit dem leutseligen und rhetorisch begabten Ost-Berliner, vor dem sich niemand im Regierungsviertel fürchtet.

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Knatsch um Redezeiten

Gysi selbst ist wiederum keiner, der zum Hinterbänkler geeignet wäre. Dreimal hat er in dieser Legislaturperiode im Plenum reden dürfen – für einen wie Gysi natürlich eindeutig zu wenig. Er ist schon auch ein bisschen das Zirkuspferd, das ab und zu mal in die Manege muss, um seine Künste vorzuführen. Es ist daher auch kein Wunder, dass es bereits vor längerer Zeit Reibereien mit der Fraktionsspitze gab – eben wegen der Redezeiten. Überdies berichtete das Magazin Kontraste 2018, dass Gysi an 36 von 40 namentlichen Abstimmungen nicht teilgenommen hatte. Bartsch war nicht amüsiert und mahnte Besserung an.

“Ich habe, nachdem mich die Fraktionsführung gefragt hatte, ob ich in der Außenpolitik für die Fraktion sprechen will, eine Zeit lang überlegt und mich dann dafür entschieden, weil ich damit wieder eine klare Aufgabe im Bundestag übernehmen konnte", sagte Gysi jetzt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Die vielen Glückwünsche, die mich seitdem von Bürgerinnen und Bürgern erreichen, zeigen mir, dass es irgendwie auch erwartet wurde.” Er fügte hinzu: “Nun geht es an die Arbeit, und als Erstes setze ich mich dafür ein, was der Bundestag zwar schon 2010 beschlossen hat, von allen Bundesregierungen seither aber vergessen wurde: den Abzug der US-Atombomben aus Deutschland.”

Übrigens gab es, weil niemand gegen Gysi antrat, in der Fraktionssitzung am Dienstag keine Abstimmung. Dafür gab es aber viele Fragen an den Kandidaten, etwa nach seiner Haltung zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr – und entsprechend viele Antworten. Die Fraktionskollegin Ulla Jelpke soll geklagt haben: “Du bist ja nie da.” Gysi, selten um eine Antwort verlegen, soll erwidert haben: “Jetzt bin ich wieder da.”

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