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Greenpeace immer häufiger in der Kritik – und jeden Tag die Welt retten

  • Greenpeace ist erfolgreicher denn je: So viel Geld und Förderer hatte die Organisation noch nie.
  • Zugleich steht sie nach der missglückten Aktion bei der EM heftig in der Kritik.
  • Ein Blick ins Innere von Deutschlands schillerndster Umweltbewegung.
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Hannover. Der erste Samstag im Juli, drei Greenpeace-Aktivisten in grünen T‑Shirts stehen in der Hildesheimer Innenstadt neben dem Wochenmarkt und warten auf Menschen, die sie für ein Leben mit weniger Plastik­verpackungen gewinnen können. Ein Tipi mit Greenpeace-Logo haben sie aufgebaut, eine Karte, auf der Passantinnen und Passanten mit Nadeln markieren können, wo man in der Stadt Dinge auch ohne Verpackung kaufen kann, und Stehtische mit Unterschriften­listen.

Einer von den Aktivisten ist Detlef Ramisch, 64 Jahre alt, von Beruf Planer im Sanitär- und Heizungs­handwerk. 2010 hat er die Greenpeace-Gruppe in seiner Stadt mitgegründet, seitdem hält er Vorträge über Kreislauf­wirtschaft und Lebensmittel­verschwendung, spricht in Schulen und klebt Plakate. Für diesen Tag hat er ein Ziel: „Wir wollen, dass es mehr wird.“ Mehr Gelegenheiten in seiner Stadt, Dinge ohne Verpackung zu kaufen.

Mühsame Angelegenheit

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Doch die Arbeit für eine bessere Welt ist an diesem Tag eine mühsame Angelegenheit. Nach drei Stunden stecken acht Nadeln in der Karte, 16 haben für „Mehrweg statt mehr Müll“ unterschrieben. Detlef Ramisch hält wenig davon, solche Zahlen zum Maßstab seines En­gage­ments zu machen. „Mir ist jede einzelne wichtig“, sagt er und erzählt, wie sie einmal 140 Unterschriften gegen den Bau eines Amazonas­staudamms gesammelt haben.

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Er und seine Mitstreiter gehören zur Basis einer der wichtigsten Umwelt­organisationen weltweit. Greenpeace, das sind in Deutschland auch Tausende Engagierte in 100 Gruppen im ganzen Land. In der Wahrnehmung jedoch steht Greenpeace vor allem für spektakuläre Aktionen, für Schlauchboote vor Walfängern und Transparente an Schornsteinen.

Deutsche Greenpeace-Sektion ist mit Abstand am größten

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Greenpeace jedoch wurde so zur „mit Abstand erfolgreichsten global agierenden Umwelt­organisation der vergangenen Jahrzehnte“, wie der Soziologe Dieter Rucht vom Berliner Wissenschafts­zentrum für Sozial­forschung sagt. Die deutsche Sektion ist dabei die mit Abstand größte aller 45 Länder, in denen Greenpeace aktiv ist – und der Aufwärtstrend ist hierzulande ungebrochen.

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In der kommenden Woche wird die Organisation Zahlen präsentieren, die das Vertrauen, das die Deutschen Greenpeace entgegenbringen, eindrucksvoll belegen: Demnach ist die Zahl der Förder­mitglieder, die Greenpeace regelmäßig finanziell unterstützen, im vergangenen Jahr von 608.000 auf genau 630.495 gestiegen. Statt 71 Millionen Euro wie 2019 nahm Greenpeace jetzt sogar 80,3 Millionen Euro an Spenden ein. Nie zuvor seit der Gründung 1980 hatte Greenpeace Deutschland so viel Geld zur Verfügung.

Die grüne Macht in Deutschland

Auf der anderen Seite jedoch ist die Arbeit für eine Umwelt­organisation nicht einfacher geworden. Robben­schlächter zum Beispiel waren anfangs ein geradezu dankbarer Gegner – der Klimawandel ist das deutlich kompliziertere Problem. Bei den Aktionen unterliegt Greenpeace einem regelrechten Innovationsdruck: Die besetzten Schlote, mit denen Greenpeace anfangs Aufmerksamkeit für seine Anliegen schuf, schaffen es kaum mehr auf die oberen Plätze der Nachrichten­seiten.

„Also müssen sie sich entweder eine neue Aktion einfallen lassen – oder sie müssen eine andere Kategorie von Aktionen wählen“, erklärt der Soziologe Rucht. Im Falle des Gleitschirm­fliegers, der vor dem EM-Spiel Deutschland gegen Frankreich in die Arena in München schwebte, endete dies jedoch mit dem Absturz des Fliegers und zwei verletzten Zuschauern – ein PR-Desaster für Greenpeace. Danach erreichte viel Protest die Hamburger Zentrale, empörte Mails, zudem habe es auch Kündigungen von Fördernden gegeben, ohne dass Greenpeace sie beziffert. Die Organisation hat sich dann auch in einem Schreiben an die eigenen Unterstützerinnen und Unterstützer entschuldigt – woraufhin es wiederum Zuspruch gegeben habe, wie ein Sprecher erklärt.

Video
EM-Frankreich-Spiel: Greenpeace-Gleitflieger verletzt zwei Personen
1:38 min
Ein Mann war kurz vor dem Anpfiff durch das Dach der Fußball­arena in München geflogen. Kurz darauf verlor er die Kontrolle über seinen Gleitschirm.  © Reuters

Auch dass Greenpeace-Aktivistinnen und ‑aktivisten Hunderte Schlüssel von VW-Neuwagen in Emden verschleppten und auf die Zugspitze brachten, um VW zu mehr Klimaschutz zu bringen, brachte „nicht die große Zustimmung“, wie Rucht konstatiert.

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Die Jugend wiederum geht in Massen mit Fridays for Future (FFF) auf die Straße, statt sich bei den ergrauten Häuptern von Greenpeace zu sammeln. Und beim Regenbogen, einst das Symbol der Umweltorganisation, denken die meisten inzwischen an Lesben, Schwule und Transgender statt an Greenpeace.

Dabei hat das Klima angesichts weltweit spürbarer Folgen des Wandels eine starke Lobby dringender nötig denn je. Die Heilserwartung vieler Deutscher ist, gemessen an der Zahl der Spenderinnen und Spender, hoch. „Greenpeace, hilf!“, scheinen sie zu sagen. Schlechte Zeiten also für Identitätskrisen einer Umweltschutz­organisation.

Unterstützer ohne Stimmrecht

Wie radikal also darf Klimaschutz nun sein? Oder im Sinne von Greenpeace gefragt: Wie radikal muss Klimaschutz sein?

Die deutsche Green­peace-Zen­tra­le in der Hamburger Hafencity, auf den zweieinhalb Etagen arbeiten die meisten der rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hier bündelt sich die Macht von Greenpeace, die Folge einer speziellen Struktur: Die mehr als 600.000 Fördererinnen und Förderer haben kein Stimmrecht, der Verein Greenpeace hat lediglich 40 Mitglieder. „Eine enorme Diskrepanz zwischen denen, die tatsächlich auf die Geschicke von Greenpeace Einfluss nehmen, und der Riesenzahl von regelmäßigen Unterstützern“ macht der Soziologe Rucht deshalb aus. Insofern muss man Martin Kaiser einen einflussreichen Mann nennen.

Kaiser steht zusammen mit Roland Hipp an der Spitze von Greenpeace

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Der 56-Jährige steht zusammen mit Roland Hipp seit 2016 als Geschäftsführer an der Spitze von Greenpeace Deutschland. Der studierte Forstwirt ist seit 1998 bei Greenpeace. Kaiser beginnt als „Wald-Campaigner“, belagert mit kanadischen Indianern deutsche Zeitungshäuser, um gegen die illegale Abholzung kanadischer Wälder zu kämpfen, erfolgreich übrigens, und fährt mit der „Rainbow Warrior“ zum G7-Gipfel nach Japan.

Er wechselt in die politische Abteilung, registriert beseelt, wie Angela Merkel 2008 mehr Geld für Artenschutz zusagt, als alle Skeptikerinnen und Skeptiker vermutet hatten, und kehrt frus­triert aus Kopenhagen zurück, nachdem dort 2009 die Klimakonferenz grandios gescheitert ist.

Von Politik hat er da erst mal genug. „Meiner Geschäfts­führung habe ich da gesagt: ‚Ihr könnt mich in die Arktis schicken oder den Urwald, aber von Verhandlungs­räumen will ich nichts mehr sehen.‘“

Nur hält der Vorsatz nicht lange. Als er 2016 an die Spitze von Greenpeace rückt, reduziert er zunächst mal die Themen, um die man sich kümmert, von rund zwei Dutzend auf sieben. Nicht mehr Gentechnik, giftige Stoffe in Osteuropa, auch der Atomausstieg ist durch. Greenpeace soll sich auf das Wesentliche konzentrieren.

„Wenn wir die Klima- und die damit verbundene Artenschutzkrise nicht zum absoluten Schwerpunkt machen“, so ist Kaisers Schluss, „wird das nicht wirkmächtig genug sein.“ Aber welche Mittel kann ein Ziel rechtfertigen – auch wenn es eines ist, das alle teilen?

Kaiser zu Aktion in München: „Das hätte nicht passieren dürfen“

Martin Kaiser verurteilt die Aktion in München. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt er. „Wir haben davon gelernt.“ Erfahren habe er übrigens von der Aktion selbst erst, als er sich im Fernsehen eigentlich das EM-Spiel anschauen wollte. Die Aktivistinnen und Aktivisten arbeiteten eigenständig, besprochen würden mit ihm lediglich Themen und Ziele von Kampagnen.

Zugleich jedoch verteidigt er die Aktion in Emden, derentwegen die Staats­anwaltschaft jetzt ebenfalls gegen Greenpeace-Aktivisten und ‑Aktivistinnen ermittelt. Die Schlüssel der Neuwagen hätten sie lediglich „von den offenen Fahrzeugen symbolisch abgezogen“ und dann auf die Zugspitze gebracht, „um sie auf der Zugspitze zurückzugeben und zu sagen: Das ist die Schlüsselfrage unserer Gesellschaft“.

Greenpeace-Aktivistinnen und ‑Aktivisten haben an der Zugspitze ein VW-Logo und ein Banner mit der Aufschrift „Von wegen Klimaschutz“ ausgerollt. Hintergrund ist die Aktion um in Emden abgezogene VW-Schlüssel. © Quelle: Sven Hoppe/dpa

Es sind zwei Dinge, die man wissen muss, wenn man verstehen will, wie auch Greenpeace selbst auf solche Aktionen schaut. „Aktivistinnen und Aktivisten überschreiten nicht bewusst Gesetze, sondern deren Motivation ist: Wir treten ein für höherwertiges Recht und die Umsetzung dieses Rechts.“ Im Kampf für das Klima glauben sie sich selbst im Recht – auch wenn sie dabei mit anderen Gesetzen kollidieren. Die Grenzen seien dann, dass die Aktionen „friedlich und gewaltfrei“ ablaufen – darüber gehe man nicht hinaus.

Radikal, beteuert Kaiser, „sind wir nur bei der Umsetzung dessen, was die Wissenschaft vorgibt“.

Greenpeace wählt Gegner

Der zweite Punkt betrifft die Wahl des Gegners. Auch Martin Kaiser ist klar, dass BMW oder Mercedes beim Wechsel zur E‑Mobilität nicht schneller sind. Aber VW ist der größte Autokonzern der Welt – so wie Edeka, die Greenpeace gerade wegen des Billigfleisches im Visier hat, der größte Lebensmittel­händler in Deutschland ist. Mit der Wahl seines Gegners definiert man auch die eigene Größe.

„Wir müssen uns mit den Größten anlegen“, sagt Martin Kaiser. „Das ist die Rolle von Greenpeace.“

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Klimakrise: Fridays for Future kündigt globalen Klimastreik an
1:31 min
Am 24. September – zwei Tage vor der Bundestagswahl – soll wieder global gestreikt werden. So kündigte es die Umweltschutz­organisation Fridays for Future an.  © Reuters

Nur werden sie dafür auch genug Unterstützerinnen und Unterstützer haben? Greenpeace ist ein Kind der Achtzigerjahre, groß geworden mit saurem Regen, Tschernobyl und Dünnsäure­verklappung in der Nordsee. „Eine generationelle Angelegenheit“ nennt der Soziologe Rucht Greenpeace. Und dass es die Jüngeren heute in Scharen dorthin zieht, in eine Großorganisation, in der sie „Rädchen im Getriebe einer Groß­organisation“ seien, daran habe er Zweifel.

Skepsis bei FFF-Aktivisten

Genau diese Art von Skepsis hört man auch raus, wenn man Fridays-for-Future-Unterstützerinnen und ‑Unterstützer heute nach Greenpeace fragt. Lange habe sie geglaubt, die „klassischen NGOs“ würden die Klimakrise schon lösen, sagt FFF-Aktivistin Annika Rüttmann. Doch mit den ersten Schulstreiks habe sie verstanden, dass es eine starke Jugendbewegung brauche: „Eine Bewegung, in der alle mitarbeiten und auf Augenhöhe politische Wirksamkeit spüren und entfalten können.“

Es ist allerdings der Punkt, an dem Detlef Ramisch in Hildesheim widersprechen würde. Als Groß­organisation sieht er sich und seine 30 Mitstreiter, vom Studenten bis zum Rentner, dagegen eher nicht, eher schon als kleine Gruppe, in der jede und jeder dringend gebraucht wird. Ihre nächste Aktion soll auf dem Rathausplatz stattfinden, Lokalpolitiker haben sie dazu eingeladen, 62 Rückmeldungen hätten sie schon. Und das, sagt Ramisch, „ist doch schon eine ziemlich gute Zahl“.

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