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Gleichstellung in der Corona-Krise: Lasst uns mit alten Gewohnheiten brechen

  • Die Folgen der Corona-Pandemie sind für Frauen besonders einschneidend, und die Krise könnte hart erkämpfte Fortschritte der Gleichstellung zunichtemachen.
  • Doch es gibt auch Grund zu Hoffnung.
  • Ein Gastbeitrag der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde.
Christine Lagarde
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Frankfurt. Das Coronavirus hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet, und die Pandemie hat uns im vergangenen Jahr große Opfer abverlangt. Zu viele haben ihr Leben oder einen geliebten Menschen verloren. Andere haben um ihr Überleben gekämpft – physisch, emotional und auch finanziell.

Nach einem Jahr Pandemie zeigt sich ganz deutlich, dass die sozialen und wirtschaftlichen Folgen für Frauen besonders einschneidend sind. Frauen arbeiten unverhältnismäßig häufig in den vom Virus am stärksten betroffenen Branchen. Sie sind öfter im informellen Sektor tätig, der nicht von staatlichen Hilfsprogrammen erfasst wird. Und viele Frauen müssen den Spagat meistern, sich um junge und ältere Familienangehörige zu kümmern und gleichzeitig ihrer eigenen Arbeit nachzukommen.

Es gibt auch Hoffnung

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Diese Entwicklungen sind besorgnis­erregend, denn sie könnten dazu führen, dass die hart erkämpften Fortschritte bei der Geschlechter­gleichstellung wieder zunichte­gemacht werden. Das dürfen wir nicht zulassen.

Es gibt aber auch Hoffnung auf Veränderungen. Existenzielle Krisen bringen unsere Art zu leben durcheinander und sie lassen uns einige unserer Werte überdenken. Die Pandemie hat uns nicht nur wesentliche Schwachstellen unserer Gesellschaft vor Augen geführt – sie hat uns auch gezwungen, die Dinge auf andere Art anzupacken. Und genau hier sehe ich die Chance für eine Wende zum Besseren.

Am Weltfrauentag möchte ich daher an uns alle appellieren, an Frauen und Männer, alte Gewohnheiten infrage zu stellen und neue Strukturen zu schaffen, die besser zu unseren heutigen Bedürfnissen passen. Es gibt viel zu tun, zu Hause, bei der Arbeit und wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht.

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Zum Frauentag: Merkel warnt vor alten Rollenmustern
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat davor gewarnt, in der Corona-Pandemie in überwunden geglaubte Rollenmuster zurückzufallen.
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Unbezahlte Arbeit ist ungleich verteilt

Die Arbeit beginnt zu Hause, an dem Ort, der während der Pandemie­beschränkungen zu unser aller Lebensmittelpunkt wurde. Die Pandemie hat uns klar vor Augen geführt, wie ungleich die unbezahlte Arbeit zwischen Frauen und Männern verteilt ist. Gleichzeitig hat sie gezeigt, dass es in Partnerschaften auch anders gehen kann. In manchen Familien übernahmen Väter den größten Teil der Betreuung, da sie von zu Hause arbeiten mussten oder in Kurzarbeit waren, während die Mütter systemrelevante Berufe außer Haus ausübten.

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Sollte es dabei bleiben, kann ein solcher Bruch mit traditionellen Normen Frauen die Möglichkeit geben, ihre Ziele und Wünsche anderweitig zu verwirklichen – bei der Arbeit oder im gesellschaftlichen Leben. Eine stärkere Teilhabe von Frauen im Beruf – unterstützt durch entsprechende staatliche Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeit­regelungen für Frauen und Männer – wäre ein großer Schritt zur Reduzierung des geschlechts­spezifischen Lohngefälles.

Frauen in der EU verdienen im Durchschnitt 14,1 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Wenn Kinder in einem Haushalt aufwachsen, in dem die häuslichen Pflichten gleichmäßiger verteilt sind, dann sind auch ihre Vorstellungen von der Rollenverteilung in der Familie stärker von Gleichberechtigung geprägt als bei früheren Generationen.

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Feminismus: „Ich habe viel Hoffnung, aber es gibt auch noch viel zu tun“
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Nele Möhlmann ist Mitglied des Bündnisses Feministischer Rat Hannover. RND-Redakteurin Lea Drabent hat sie gefragt, wo der Feminismus 2021 steht.  © Lea Drabent

Wir brauchen mehr Frauen in Technik und Wissenschaft

Auch am Arbeitsplatz ist noch viel zu tun. Die Pandemie hat uns daran erinnert, welch zentrale Rolle Frauen im Arbeitsleben spielen. Von den rund 18 Millionen Beschäftigten, die im Euro-Raum im Gesundheits- und Pflegebereich tätig sind, sind drei Viertel Frauen. Im Bildungssektor ist der Frauenanteil etwa ebenso hoch. Beide Bereiche waren während der Pandemie unentbehrlich. Nun, da wir gesehen haben, wie wichtig diese Berufe für die Gesellschaft sind, sollten wir sie entsprechend anerkennen und bezahlen.

Wir brauchen aber auch mehr Frauen, die in den Bereichen Wissenschaft, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik arbeiten. Vor allem würde ein höherer Anteil von Frauen in diesen besser bezahlten Berufen dazu beitragen, den geschlechts­spezifischen Lohnunterschied zu verringern. Zudem sind Arbeitsplätze in diesen Bereichen auch wichtige Triebfedern für Innovation und Fortschritt und haben grundlegende Bedeutung für den Übergang zu einer digitaleren und nachhaltigeren Wirtschaft.

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Etablierte Wege infrage stellen

Lassen Sie uns also etablierte Karrierewege infrage stellen – und Frauen und Mädchen ermutigen, dorthin zu gehen, wohin bisher zu wenige Frauen gelangt sind. Heute starten wir bei der EZB die nächste Runde unserer Stipendien für Wirtschafts­studentinnen, mit denen wir etwas gegen den niedrigen Anteil von Frauen in diesem Bereich tun wollen.

Auch bezüglich des Anteils der weiblichen Führungskräfte gibt es noch viel Arbeit. Die Pandemie hat uns gezeigt, welchen Wert weibliche Führungskräfte vor allem in Krisenzeiten besitzen. Untersuchungen während der Pandemie ergaben: Frauen wurden von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen als effektivere Führungskräfte beurteilt im Vergleich zu Männern. Weibliche Führungskräfte pflegten einen besseren Umgang mit ihren Beschäftigten.

Auch in den EU-Regierungen sind Frauen unterrepräsentiert

Allerdings sind nur 18,5 Prozent der EU-Regierungschefs Frauen. Obwohl sie mehr als die Hälfte der EU-Bevölkerung ausmachen (51 Prozent), stellen Frauen gerade einmal ein Drittel der Abgeordneten in den nationalen Parlamenten. Keine der nationalen Zentralbanken des Euro-Raums, deren Gouverneure von den jeweiligen nationalen Regierungen ernannt werden, wird von einer Frau geleitet.

Auf den Vorstandsetagen der Unternehmen ist der Frauenanteil ähnlich gering. Lediglich 7,5 Prozent der Chefs der größten börsennotierten Unternehmen Europas sind Frauen.

Bei der EZB haben wir den Anteil weiblicher Führungskräfte zwischen 2013 und 2019 mehr als verdoppelt. Nun wollen wir diesen Anteil bis 2026 weiter auf 40 Prozent steigern.

Lassen Sie uns also die Art und Weise hinterfragen, wie wir unsere Führungsebenen gestalten, und für mehr Vielfalt in unseren Vorständen, Parlamenten und Regierungen sorgen. Wenn die häusliche Arbeit gleichmäßiger aufgeteilt wird und Frauen vielseitigere Karriere­möglichkeiten haben, können sie sich noch stärker in die Gesellschaft einbringen, sich politisch engagieren und zur Stimme für all jene werden, die gehört werden müssen.

Lassen sie uns gemeinsam vorangehen und mit alten Gewohnheiten brechen, um als stärkere, gerechtere und nachhaltigere Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen.

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