Glaube und Glaubwürdigkeit

  • Die Frühjahrsvoll­versammlung der Deutschen Bischofs­konferenz kämpft mit den Auswirkungen der Missbrauchs­skandale.
  • Vor allem der Kölner Erzbischof Kardinal Woelki steht massiv in der Kritik.
  • Währenddessen wollen Bund und Länder einen Corona-Spagat hinbekommen: Öffnungen trotz steigender Zahlen.
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

wenn man in diesen Zeiten von zusammen­gebrochenen Servern staatlicher Stellen hört, dann denken die meisten wohl an das Chaos bei der Impfterminvergabe in vielen Bundesländern. In Köln jedoch ist in diesen Tagen eines offenbar ähnlich beliebt wie ein Platz bei der Corona-Impfung: ein Termin zum Kirchenaustritt. Jedenfalls waren die Computersysteme des Amtsgerichts der Domstadt zuletzt am Freitag komplett überlastet, weil die Behörde neue Austrittstermine freigeschaltet hatte. Tausende Kölnerinnen und Kölner wollen sich von ihrer Kirche lossagen. Grund für den Vertrauensverlust ist eine ziemlich ausufernde Pannenserie in der Aufarbeitung des Missbrauchs im Erzbistum Köln. Die Hauptrolle in dieser seit Wochen andauernden Krise spielt der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki.

Der wird in der heute beginnenden Frühjahrsvoll­versammlung der Deutschen Bischofskonferenz seinen Kollegen einiges erklären müssen. Denn die Austrittswelle ist längst nicht mehr auf Köln beschränkt. Auch andere Würdenträger klagen über Austritte und Proteste. Joachim Frank, der als Kirchenexperte beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ den Skandal aus nächster Nähe begleitet, hat für uns die Debatte um Missbrauch, unter Verschluss gehaltene Gutachten und Kritik der Basis vor der Versammlung der Bischofskonferenz beleuchtet. Einige der Bischöfe, so erzählten es ihm Eingeweihte, werden mit Woelki Tacheles reden wollen. Nur eines könnte den Kölner Kardinal vor allzu schroffer Debatte schützen: Die Bischofsversammlung findet erstmals per Videokonferenz statt.

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Nicht nur der Katholizismus, auch der Föderalismus geht heute wieder einmal in Klausur. Die Chefs und Chefinnen der Staatskanzleien verhandeln – ebenfalls per Video – mit Kanzleramtsminister Helge Braun den Rest der Woche über die Beschlussvorlagen zur nächsten Ministerpräsidenten­konferenz Anfang März. Die Herausforderung gleicht einem Spagat, bei dem man sich schwer verletzen kann: Sie müssen über weitere Öffnungsschritte beraten, obwohl die Inzidenzzahlen nahelegen, dass sich der Abwärtstrend der vergangenen Woche gerade schon wieder umkehren könnte.

Das Dilemma war vorhersehbar: Während die meisten Forscher schon seit Wochen davor warnen, dass sich im Schatten der insgesamt sinkenden Zahlen bis Anfang März eine dritte Welle aufbauen könnte, die dann getrieben von der Virusmutation eine steile Infektionskurve zeichnen könnte, hatten die Minister­präsidenten im Verbund mit diversen Interessengruppen vehement „Perspektiven“ angemahnt – und damit weitere Öffnungsschritte gemeint. Man darf also gespannt sein, was die deutschen Regierungszentralen sich bis Ende der Woche überlegen, um die Quadratur des Kreises hinzubekommen. Im Gespräch war gestern offenbar eine Öffnung in Paketen: persönliche Kontakte, Schulen und Sport sowie Restaurants und Kultur. Eine wichtige Rolle soll bei möglichen Öffnungen die massive Ausweitung von Schnelltests spielen.

Eigentlich war geplant, dass sich bereits ab kommenden Montag alle Bürgerinnen und Bürger kostenlos in Testzentren, Arztpraxen oder Apotheken mit einem Corona-Antigen-Test testen lassen können – und zwar ohne besonderen Anlass. Doch die Bundesregierung legte die Pläne vorerst auf Eis, wie die RND-Hauptstadt­korrespondenten berichten. Die neue Teststrategie solle mit der Debatte über mögliche Öffnungsschritte verknüpft werden, hieß es am Montag in Regierungskreisen. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es seien bei den Schnelltests „noch einige Fragen“ zu klären. Nun soll das Vorhaben gemeinsam mit den Länderchefs am 3. März besprochen werden.

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