Gewalt an Frauen geht alle etwas an – vor allem Männer

In Paris protestierten am Samstag Zehntausende Menschen für ein Ende der Gewalt gegen Frauen.

In Paris protestierten am Samstag Zehntausende Menschen für ein Ende der Gewalt gegen Frauen.

Berlin. Zehntausende Frauen und einige Männer haben am Wochenende in Paris und Rom gegen die Misshandlung von Frauen protestiert. Am heutigen Montag, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, erstrahlen in mehr als 100 deutschen Städten Gebäude in Orange.

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Das ist kein ritualisierter Protest, es ist auch keine feministische Folklore. Der Ruf der Frauen nach Respekt und Sicherheit ist ein Akt kollektiver Selbstverteidigung.

Für viele Frauen ist ihr Zuhause ein gefährlicher Ort

Die Proteste machen ein scheinbar unsichtbares Problem sichtbar. Sie zerren es aus den eigenen vier Wänden heraus auf die Straße. Kein Ort ist für Frauen so gefährlich wie ihr Zuhause, niemand ist so gefährlich wie der eigene Partner.

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Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann, seine aktuelle oder ehemalige Partnerin zu töten. An jedem dritten Tag gelingt das. Diese entsetzliche Statistik stammt vom Bundeskriminalamt. Juristen sprechen von Trennungstötungen. Jeder Fall ist anders. Eines aber haben sie gemein: Es sind geschlechtsbezogene Taten. Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind. Weil sie in den Augen der Täter der ihnen zugeschriebenen Rolle nicht entsprechen.

Häusliche Gewalt ist ein Tabuthema. Eine Seltenheit ist sie nicht. Die Zahl der Frauen, die von ihrem Partner angegriffen wurden, entsprach mit bundesweit rund 114.000 erfassten Fällen in den vergangenen Jahren der Zahl der Wohnungseinbrüche. Weil Straftaten – zumal dann, wenn sie von einer nahestehenden Person verübt werden – nicht immer gemeldet werden, ist das tatsächliche Ausmaß von häuslicher Gewalt noch größer. Das darf eine Gesellschaft, die sich Gleichberechtigung auf die Fahnen schreibt, nicht hinnehmen.

Von Familientragödie ist die Rede, wo es um Mord geht

Und doch passiert oft genau das. Das gesellschaftliche Bewusstsein für das Ausmaß von geschlechtsspezifischer, oft sexualisierter Gewalt ist nicht genügend ausgeprägt. Sie wird kaschiert. Etwa dann, wenn Medien von einer „Familientragödie“ oder einem „Eifersuchtsdrama“ berichten, wo doch knallharte Brutalität vorliegt. Solche Begriffe verharmlosen das Verbrechen. Zudem schwingt da der Vorwurf einer Mitschuld des Opfers mit.

Vor einer Missdeutung geschlechtsbezogener Gewalt ist auch die Justiz nicht gefeit. So stufen Richter nach Angaben des Deutschen Juristinnenbundes Trennungstötungen oft nicht als Mord ein, also als Tat aus niedrigen Beweggründen. Sondern als Totschlag – mit entsprechend milderen Strafen für die Täter.

Die Richter berufen sich auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes von 2008. Dieses stellt Mord in Abrede, wenn „die Trennung von dem Tatopfer ausgeht und der Angeklagte durch die Tat sich dessen beraubt, was er eigentlich nicht verlieren will“. Der Besitzanspruch von Männern gegenüber Frauen dient hier als Grundlage der Rechtsprechung. Den getöteten Frauen ruft man „Selbst schuld!“ hinterher.

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Ob Gewalt an Frauen einen Aufschrei hervorruft, hängt von der Herkunft des Täters ab

Einen Aufschrei ruft Gewalt gegen Frauen hervor, wenn den Tätern ein migrantischer Hintergrund zugeschrieben werden kann, wenn sogenannte Ehrenmorde, Genitalverstümmelungen oder Zwangsehen als Beleg für die zivilisatorische Rückständigkeit bestimmter Kulturkreise herhalten sollen. Dann aber überwiegt nicht die Sorge um Frauen, sondern das Bedürfnis, Vorurteile zu bestätigen. Tatsächlich ist Gewalt gegen Frauen über soziale Schichten und ethnische Milieus hinweg ein Problem. Wer seine persönliche Betroffenheit über geschlechtsbezogene Gewalt von der Herkunft der Täter abhängig macht, macht die misshandelten Frauen ein zweites Mal zu Opfern.

Die Bundesregierung nimmt das Thema ernst. Sie hat sich international verpflichtet, Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, hat Runde Tische eingerichtet und stellt Geld für den dringend nötigen Ausbau von Frauenhäusern bereit. Gefragt ist aber nicht nur die Politik, gefragt ist jeder Einzelne: Eltern, Lehrer, Medienschaffende.

Die Achtung von Frauen wird in Erziehung und Sozialisation vermittelt – oder eben nicht. Rollenbilder sind entscheidend. Mitunter müssen sie hinterfragt werden, etwa wenn Härte und Dominanzstreben als männlich gelten – nicht aber Empathie. Der Kampf gegen geschlechtsbezogene Gewalt darf nicht allein den Frauen überlassen werden. Er muss zur Männersache werden.

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