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Nawalnys Gesundheitszustand: Ibuprofen statt wirksamer Behandlung

  • Berichte über die Erkrankung von Alexej Nawalny und seine mangelhafte Behandlung in der Strafkolonie Pokrow lösen große Sorgen aus.
  • Wie es dem Oppositionspolitiker wirklich geht, weiß niemand – die Einschätzung seines Gesundheitszustandes beruht auf Ferndiagnosen und Nawalnys Beschreibung seiner Symptome.
  • Die EU und die USA fordern einen unabhängigen Arzt zur Behandlung Nawalnys – Russland verweigert dies.
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Moskau. Während Donald Trump noch US-Präsident war, wurden ihm immer wieder ärztliche Ferndiagnosen gestellt, die ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung oder andere psychische Defekte attestierten. Die Distanzbefunde waren stets umstritten, weil sie nicht mit den üblichen Verfahren verifiziert werden konnten. Doch da der mutmaßliche Patient gar nicht an einer Untersuchung interessiert war, erledigte sich die Angelegenheit immer von selbst.

Anders verhält es sich nun bei Alexej Nawalny. Der russische Oppositionspolitiker wünscht sich dringend, von einem Arzt seines Vertrauens untersucht zu werden. Und weil ihm dieser Wunsch nun schon seit mehr als zwei Wochen nicht erfüllt wird, ist ein handfester Konflikt entstanden. Denn beunruhigende Ferndiagnosen werden inzwischen auch Nawalny gestellt.

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Russische Polizei verschärft Sicherheitsmaßnahmen rund um Nawalny-Gefängnis
2:11 min
Der Kremlkritiker Alexej Nawalny hat angekündigt, seinen Hungerstreik fortzusetzen, obwohl sich sein Gesundheitszustand zuletzt verschlechtert habe.  © Reuters
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Der 44-Jährige befindet sich seit Mitte März in der Strafkolonie Pokrow etwa 100 Kilometer östlich von Moskau, nachdem er Anfang Februar zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. Das Urteil hatte in Russland und auch international für Empörung gesorgt – es gilt als politisch motiviert.

Russische Nachrichtenagentur Interfax: Zustand „stabil, befriedigend“

Eine Woche nach seiner Verlegung in die Strafkolonie Pokrow begann Nawalny, sich über starke Rückenschmerzen und Taubheit im rechten Bein zu beschweren. Am 24. März wurde daraufhin eine Magnet­resonanz­tomografie (MRT) durchgeführt und ihm im Anschluss das Standard­schmerzmittel Ibuprofen verschrieben. Der Strafvollzug ließ über die Nachrichtenagentur Interfax mitteilen: „Im Ergebnis der Untersuchung wurde sein Zustand als stabil, befriedigend eingeschätzt.“

Nawalny selbst sah das allerdings vollkommen anders: Auf seiner Website veröffentlichte er einen Brief, in dem er sich darüber beschwerte, dass sich sein Zustand verschlechterte und ihm die Medikamente verweigert würden, die ihm der Arzt früher verschrieben habe.

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Hiobsbotschaften auf Instagram

Weil ihm die aus seiner Sicht notwendige ärztliche Hilfe weiterhin verweigert wird, verweigert Nawalny seit dem 1. April die Nahrungsaufnahme: „Ich habe den Hungerstreik erklärt“, schrieb er auf Instagram, „mit der Forderung, das Gesetz einzuhalten und den eingeladenen Arzt zu mir zu lassen.“

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Zu Beginn dieser Woche setzte der Oppositionspolitiker die nächste Hiobsbotschaft auf Instagram ab: „Innerhalb kurzer Zeit wurde bereits der dritte Häftling aus meiner Abteilung mit Tuberkulose ins Lazarett eingeliefert. In meinem Trakt befinden sich 15 Personen, das heißt 20 Prozent sind mit dem gefährlichen Erreger infiziert, das liegt deutlich über der epidemiologisch zulässigen Schwelle.“

Nur einen Tag später teilten Nawalnys Anwälte mit, dass ihr Mandant nun selbst in der Krankenstation des Lagers liege, denn er weise Symptome auf, die eine Tuberkulose­infektion befürchten ließen: Husten und erhöhte Temperatur.

Alarmiert über den Gesundheits­zustand Nawalnys machten sich seine Anwälte am vergangenen Mittwoch auf, ihn in der Strafkolonie in Pokrow zu besuchen. Tatsächlich durften sie ihn sehen, doch was sie danach zu berichten hatten, klang alarmierend: „Er verliert nun auch das Gefühl in seinen Händen“, sagte Olga Michailowa dem unabhängigen Internet­fernsehsender Doschd. Bei der MRT-Untersuchung am 24. März seien zudem zwei Hernien, sogenannte Bauchwandbrüche, diagnostiziert worden, wie die Sanitäter Nawalny mitgeteilt hätten.

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Zur Behandlung seien Nawalny der Schmerz- und Entzündungs­hemmer Diclofenac und das Vitamin Niacin verschrieben worden. „Das sind Mittel, die für die Behandlung dieser Beschwerden seit 30 Jahren nicht mehr angewendet werden“, sagte Nawalnys Anwältin Michailowa. Einer der Leistenbrüche sei ziemlich schwierig zu behandeln und nicht ausreichend analysiert worden. „Nach Schlussfolgerungen unseres Neurologen ist die verordnete Behandlung unwirksam. Sie könnte seinen Zustand verschlechtern.“

Nawalny sei erschöpft, weil er seinen Hungerstreik fortsetzen würde und nur Wasser trinke, sagte Michailowa weiter. „Er sieht schlecht aus, und er fühlt sich nicht gut.“ Schon vor dem Hungerstreik habe Nawalny Gewicht verloren, inzwischen belaufe sich der Gewichtsverlust auf rund 13 Kilo – er wiege inzwischen nur noch 80 Kilogramm. Sein Fieber sei aber gesunken: von 39 Grad am Montag auf nun 37,2 Grad.

Wadim Kobsew, ein weiterer Anwalt Nawalnys, schrieb auf Twitter: „Alexej geht allein, hat aber Schmerzen beim Gehen. Was die Verwaltung des Straflagers dagegen unternimmt, ist lediglich, ihn vom Hungerstreik abzubringen.“

Wie die Lagerleitung Letzteres anstellt, beschrieb Nawalny auf Instagram am Donnerstag: „Ich gehe in die Küche, um Wasser zu trinken, und was sehe ich: Plötzlich brät der diensthabende Wärter Hühnchen und danach röstet er Brot. Vorher unterlag Hühnerfleisch einem totalen Verbot und war nirgendwo erhältlich. Alle Regeln wurden aufgehoben. Fest und Liberalisierung.“

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Über die Gerüche, die ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen sollen, kann der 44-Jährige in seinem Posting nur müde lächeln: „Sie glauben fromm daran, dass jemand seine Prinzipien aufgibt, wenn er mit einem köstlichen Brathähnchen dafür belohnt wird.“

Zustand Nawalnys könnte mit Vergiftung zusammenhängen

Während ihr Patient in der Strafkolonie offensichtlich Haltung bewahrt, macht sich Nawalnys Hausärztin Anastasia Wassiljewa ernsthafte Sorgen um ihn. Schon am vergangenen Dienstag fand sie sich vor dem Gefängnistor ein, um ihn zu untersuchen: „Durch die Symptome, die er jetzt aufweist, kann er meiner Auffassung nach in einen kritischen Zustand bis hin zum Tod geraten“, sagte sie. Doch ihr Hilfsangebot wurde nicht angenommen. Sie wurde nicht zu Nawalny vorgelassen und sogar für einige Stunden festgenommen.

Vorher schon hatte der Toxikologie Ismail Efendijew von der Medizinischen Universität Aserbaidschan in einem Videoblog von Nawalnys Team erklärt, dass es durchaus denkbar sei, dass Nawalnys Gefühlsverlust in den Beinen und seine Gewichtsabnahme auf die Vergiftung mit dem chemischen Kampfstoff Nowitschok im vergangenen August zurückzuführen sei: „Die Opfer der Vergiftung mit einem Nervenkampfstoff können noch bis zu drei Jahre nach der Genesung erneut Symptome entwickeln.“

Die Berichte über Nawalnys Gesundheitszustand lösen im Westen Sorgen aus: Die EU forderte Russland auf, dem Inhaftierten Zugang zu medizinischer Versorgung zu gewähren. Die USA erinnerten die russische Regierung an ihre Verantwortung für Nawalnys Gesundheit, und Amnesty International sprach sogar von Folter, weil Russlands Oppositionsführer einem Schlafentzug ausgesetzt werde und keinen Zugang zu einem Arzt habe.

Der Kreml widersetzte sich den Forderungen: Nawalny werde wie jeder andere Häftling angemessen medizinisch versorgt, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag: „Er hat aber kein Recht auf eine Sonderbehandlung.“

Wie es Nawalny wirklich geht, weiß außerhalb des Straflagers Pokrow allerdings kaum einer genau. Solange kein unabhängiger Arzt zu ihm vorgelassen wird, beruhen die Einschätzungen seines Gesundheits­zustandes auf Ferndiagnosen von Ärzten wie Anastasia Wassiljewa oder Ismail Efendijew.

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