Gesucht: Asiens neue Megacity

  • Rund 90 Prozent ausländischer Investitionen mit China erfolgten bislang via Hongkong.
  • Doch damit könnte bald Schluss sein: Das umstrittene Sicherheitsgesetz in der früheren Kronkolonie beendet de facto das Prinzip der zwei Systeme.
  • Und es wirft auch die Frage nach einem neuen Wirtschaftshub in Asien auf.
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Wer spüren will, wie eng in Hongkong chinesischer Alltag mit westlichen Einflüssen verwoben ist, geht am besten zur Pferderennbahn von Happy Valley. Das 1845 angelegte Gelände bietet Platz für bis zu 55.000 Menschen. Es ist umgeben von Hochhäusern und immer mittwochabends der Treffpunkt der Stadt.

Während Einheimische dort auf der Tribüne mitunter ihr Erspartes verspielen, treffen sich die Expats, die Geschäftsleute aus London und anderen Metropolen der Welt, in der Regel unten an den Bierständen. Die gelten in der 7,5-Millionen-Einwohner-Metropole als perfekter Ort zum Netzwerken. Hongkong ist seit jeher wichtigstes Einfallstor für den Handel mit China, der Plausch unter Geschäftsmännern beim Pferderennen kann sich also bezahlt machen.

Treffpunkt in Hongkong: Die Pferderennen von Happy Valley. © Quelle: imago images/ZUMA Wire
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Die Lebensader Hongkongs

Rund 90 Prozent aller ausländischen Investitionen mit der Volksrepublik führen über die frühere Kronkolonie – was neben anderem einen simplen Grund hat: Die hier gültige Währung, der Hongkong-Dollar, ist im Gegensatz zum chinesischen Yuan lose an den US-Dollar gekoppelt. Für Investoren ist das Währungsrisiko also deutlich kalkulierbarer. „Der freie Fluss von Kapital, Waren und Informationen, wie er in Hongkong praktiziert wird, ist die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg“, heißt es bei der Federation of Hong Kong Business Associations, einem weltweiten Netzwerk von Wirtschaftsgesellschaften. Das Geld internationaler Unternehmen bildet nicht weniger als die Lebensader Hongkongs. Zumindest bislang.

In diesem Monat erschreckte eine Nachricht das Wirtschaftsleben auf Hongkong Island, dem Finanzdistrikt der Stadt: Die chinesische Sonderverwaltungszone ist – wie ihre Schwester Macau – aus dem Index of Economic Freedom, dem Index der wirtschaftlichen Freiheit der Washingtoner Heritage Foundation, gestrichen worden. Begründung: Obwohl die Bürger dort weiter mehr wirtschaftliche Freiheit genössen als der durchschnittliche Einwohner Chinas, „haben die Entwicklungen in den vergangenen Jahren eindeutig gezeigt, dass diese Politik letztendlich von Peking aus kontrolliert wird“. Mehr als 25 Jahre hatte die einstige Kronkolonie den Index angeführt.

Das im vergangenen Sommer von der Pekinger Zentralregierung installierte Sicherheitsgesetz kratzt am Prinzip „Ein Staat, zwei Systeme“, das seit der Rückgabe der früheren Kronkolonie durch die Briten im Jahr 1997 das Fundament des Hongkonger Erfolgs bildete. Die teilweise strengen Gesetze der Volksrepublik galten in der Regel nicht in der Sonderverwaltungszone. Doch der Wind hat sich im vergangenen Jahr gedreht. Nach Monaten der Proteste durch die Demokratiebewegung schob Peking der Sonderrolle Hongkongs mehr oder weniger einen Riegel vor. In vieler Hinsicht.

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Zehntausende demonstrierten 2019 auf Hongkong Island gegen das von der Regierung geplante Auslieferungsgesetz. © Quelle: Erin Hale/dpa

Eine Brücke nach China

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Seit 2018 verbindet eine neue, 30 Kilometer lange Brücke Hongkongs Insel Lantau mit dem chinesischen Festland sowie mit Macau. Kurz danach wurde eine neue Schienenverbindung von Kowloon nach China in Betrieb genommen. Schon damals schien das Signal eindeutig: So international Hongkong sein mag, so britisch in seiner Vergangenheit – die Zukunft liegt in Peking.

Aus Sicht von Maximilian Kärnfelt, Analyst beim Mercator Institute for China Studies (Merics), bleibt die neue, engere Bindung an China wirtschaftlich nicht ohne Folgen. „Mit der Zeit wird die Bedeutung Hongkongs schrumpfen“, sagt er. Die Sonderverwaltungszone werde sich zu einer „Mainland City“ entwickeln, einer ganz normalen chinesischen Großstadt.

Das neue Sicherheitsgesetz scheint den Weg zu ebnen: Es ermöglicht China nun unmittelbaren Einfluss auf die Politik Hongkongs. Es stellt Handlungen unter Strafe, die als „subversiv gegen die Staatsmacht“, „terroristisch“ oder als „Verschwörung mit ausländischen Kräften“ eingestuft werden. Es ermöglicht dem chinesischen Sicherheitsbüro in Hongkong zudem, in bestimmten Fällen nach der chinesischen Strafprozessordnung zu handeln.

Blick auf die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke.

Ein neuer Megahub in Asien?

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Könnten andere asiatische Metropolen also bald die Rolle Hongkongs als wirtschaftlicher Megahub übernehmen? „Das hängt auch davon ab, wie sich China selbst entwickelt“, sagt Analyst Kärnfelt.

Bislang haben rund 9000 ausländische Firmen eine Niederlassung in Hongkong, 1300 davon aus den USA. Vor allem bei ihnen reifen Überlegungen für eine Verlagerung. Einer Umfrage der US-Handelskammer in Hongkong aus dem vergangenen Jahr zufolge, plant etwa ein Drittel ihrer Mitglieder, Kapital oder Geschäftsfelder aus der Sonderverwaltungszone abzuziehen.

Vor allem Singapur und Shanghai werden am ehesten Chancen eingeräumt, Hongkong als Wirtschaftshub Asiens abzulösen. Aber beide seien, anders als Hongkong, keine Finanzzentren mit anerkanntem rechtsstaatlichen System, den sogenannten Rule of Law, innerhalb Chinas, sagt Analyst Kärnfelt.

Singapur – bereits jetzt eine der internationalsten Städte Asiens – könnte gerade wegen seiner Eigenständigkeit wirtschaftlich das Nachsehen haben. Wer in Asien investieren will, kommt für gewöhnlich kaum am 1,4 Milliarden Einwohner starken Markt China vorbei. Dessen scheint man sich in Peking bewusst zu sein.

„Entwurf zur Verbesserung des Wahlsystems“

Vor zwei Wochen beschloss man dort einen „Entwurf zur Verbesserung des Wahlsystems“ in Hongkong. Er sieht vor, dass in der Sonderverwaltungszone künftig nur noch „Patrioten“ kandidieren dürfen. Das gilt als Reaktion auf die Kommunalwahlen 2019: Damals hatten die prodemokratischen Kräfte bei einer Rekordwahlbeteiligung von 71 Prozent insgesamt 17 der 18 Distrikte Hongkongs gewonnen, während das propekinger Lager von den Wählerinnen und Wählern in die Schranken verwiesen worden war.

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Knapp 50 Regierungskritiker wurden unlängst in Hongkong verhaftet, darunter der prominente Medienunternehmer Jimmy Lai. Andere flüchteten ins Ausland – wie einer der Anführer der sogenannten Regenschirmproteste aus dem Jahr 2014, Nathan Law.

Pekings Sicherheitsgesetz, erklärte der britische Premier Boris Johnson im vergangenen Jahr, sei ein „klarer und schwerwiegender Verstoß“ gegen die gemeinsame chinesisch-britische Erklärung von 1985. Darin war festgelegt worden, wie bestimmte Freiheiten für die nächsten 50 Jahre nach der Übernahme Hongkongs durch China im Jahr 1997 geschützt werden sollen.

Prochinesische Politiker sehen dies indes anders: Weil ihr die Mehrheit fehle, habe Peking die Hongkonger Regierung unterstützen müssen, erklärte die Vorsitzende der pekingfreundlichen New People’s Party, Regina Ip Lau Suk-yee, in der vergangenen Woche in der BBC-Sendung „Hard Talk“. Denn Hongkong sei Teil von China, unterstrich sie, nicht von Großbritannien.

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