Genosse Böhmermann - der SPD bleibt auch nichts erspart

  • Der Satiriker Jan Böhmermann ist jetzt offiziell Mitglied der SPD.
  • Verwehren konnte man ihm das nicht, kommentiert Andreas Niesmann.
  • Gelungene Satire aber sieht aus Sicht unseres Autoren anders aus.
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Berlin. Den Worten eines sichtlich verzweifelten SPD-Ortsvereinsvorsitzenden ist eigentlich wenig hinzuzufügen: "Unglaublich wie wir uns heute Abend wieder mal den Kakao, durch den wir gezogen wurden, freiwillig reinziehen", schrieb der Mann am Dienstagabend beim Kurznachrichtendienst Twitter - und brachte damit die Stimmung vieler Genossen auf den Punkt.

Jan Böhmermann ist jetzt also Mitglied der SPD. Der Mann, der Günther Jauch und die halbe Republik mit einem Video über den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis an der Nase herumgeführt, der mit einem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan eine Staatsaffäre ausgelöst und der vor Veröffentlichung der Ibiza-Affäre von dem kompromittierenden Strache-Video gewusst hat, besitzt nun das rote Parteibuch.

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Unter normalen Umständen wäre das für die SPD eine gute Nachricht. Die Partei Willy Brandts war immer Stolz auf ihre Nähe zu Künstlern und Kulturschaffenden. Prominente Mitglieder und Unterstützter aus der Kulturszene wie Klaus Staeck, Iris Berben, Roland Kaiser oder Clemens Schick stellten die Sozialdemokraten gerne ins Schaufenster. Böhmermann würde eigentlich gut in diese Reihe passen, doch der Satiriker möchte nicht nur Sympathisant oder Unterstützter sein. Er will Parteivorsitzender werden - zumindest sagt er das.

Show und Klamauk, mit denen er seine angebliche Kandidatur gestartet hat, deuten allerdings eher darauf hin, dass Böhmermann der SPD nicht helfen will, sondern die Partei nur zum nächsten Opfer seines Spotts auserkoren hat. Womöglich gilt auch beides. Sicher ist nur: Im Zweifel geht es Böhmermann - um Böhmermann.

Für die Parteiführung ist die Angelegenheit heikel

Die Parteiführung um Generalsekretär Lars Klingbeil stellen die Ambitionen des Moderators vor ein Problem: Ausweislich seiner Äußerungen der letzten Jahre wird man Böhmermann eine sozialdemokratische Grundhaltung kaum absprechen können. Es gibt deshalb kein stichhaltiges Argument, ihm die Mitgliedschaft zu verweigern. Und wer Mitglied einer Partei ist, darf auch deren Vorsitz anstreben, so ist das nun mal in einer Demokratie. Gleichzeitig muss die SPD-Spitze aber um jeden Preis verhindern, dass ihre Partei der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

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Klingbeil hat sich dafür entschieden, Böhmermanns Parteieintritt offiziell zu begrüßen und von ihm das gleiche Engagement wie von allen anderen Neumitgliedern einzufordern: Plakate kleben, Straßenwahlkampf, Hausbesuche. Dass Böhmermann dieses Einsatz ernsthaft zeigen wird, darf getrost bezweifelt werden. Er hat ein anderes Ziel: den Parteitag im Dezember.

Weil das Mitgliedervotum über die neue Parteispitze rechtlich nicht bindend ist, kann dort noch jeder Genosse für den Vorsitz kandidieren. Ein nominierender und drei unterstützende SPD-Ortsvereine würden ausreichen.

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Sollte Böhmermann die finden, hätte die SPD ein ernstes Problem. Zwar würde der Satiriker bei den Delegierten nicht den Hauch einer Chance gegen das Siegerduo des Basisvotums haben, aber Böhmermann würde Redezeit bekommen - und die geballte Aufmerksamkeit der Medien. Der Parteitag, von dem das so dringend erwartete Aufbruchssignal ausgehen soll, würde Gefahr laufen, zur Witzveranstaltung zu verkommen.

Satire darf alles - und weil das so ist, darf Böhmermann SPD-Mitglied werden, eine Kampagne als Kandidat um den Parteivorsitz starten und jede Menge Witze auf Kosten der Sozialdemokratie machen. Verbieten kann und will ihm das niemand.

Sonderlich lustig finden muss man es allerdings auch nicht. Satire ist vor allem dann gut, wenn sie die Starken und Mächtigen aufs Korn nimmt. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands jedoch ist schon lange nicht mehr stark - und ihre Macht bröckelt. Die Genossen kämpfen um das Überleben als politische Kraft. Es kann sein, dass ihnen ein ähnliches Schicksal droht wie den in der Bedeutungslosigkeit verschwundenen Sozialisten in Frankreich.

Jan Böhmermann profiliert sich nun also auf Kosten einer am Boden liegenden Partei. Er selbst hat dabei nur wenig zu verlieren. Wenn die Sache nicht in seinem Sinne läuft, kann der Satiriker am Ende immer sagen: "Ätsch - alles nur Spaß." Die SPD kann das nicht. Für sie ist der Spaß längst vorbei.

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