Generation heimatlos: geflüchtet aus Hongkong

  • Sie wurden in einer britischen Kolonie geboren und taten sich schwer damit, in China aufzuwachsen.
  • Vor allem junge Menschen gingen in Hongkong auf die Straße – und mussten deswegen ihre Heimat verlassen.
  • Die beiden Aktivisten Nathan Law und Ray Wong haben in Europa Asyl erhalten.
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Auch in den europäischen Nachrichtensendungen ist er immer mal zu sehen gewesen, wenn es um die jüngsten Entwicklungen in Hongkong ging: Nathan Law gehörte zu den Gesichtern der Demokratiebewegung in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Mit gerade einmal 21 Jahren führte er 2014 die sogenannten Regenschirmproteste an. Er ließ sich in den Legislativrat der Stadt wählen und wurde später für seine Beteiligung an den Protesten zu einer Haftstrafe verurteilt. Law war kein Einzelfall: Es waren vor allem die jungen Hongkonger, die gegen den wachsenden Einfluss Chinas auf die einstige britische Kronkolonie aufbegehrten.

„Die Möglichkeit, zur Freiheit der Vergangenheit zurückzukehren, schwindet inzwischen“, sagt Law, inzwischen 27 Jahre alt, heute. Der Unterschied: Er sagt es nicht mehr vor Fernsehkameras in Hongkong, sondern im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) aus London – dorthin ist der Aktivist im vergangenen Jahr geflohen. Das sogenannte Sicherheitsgesetz aus dem vergangenen sowie die verschärfte Wahlordnung aus diesem Jahr haben die Demokratiebewegung der einstigen Kronkolonie de facto lahmgelegt. Peking regiert über die Regionalregierung durch – und setzt derzeit alles daran, dass niemand mehr die Autorität des Regimes infrage stellt.

Der prodemokratische Aktivist Nathan Law nahm im vergangenen Jahr mit einem Plakat („Wir stehen zu Hongkong“) an einem Protest während eines Treffens zwischen dem chinesischen Außenminister Wang Yi und dem italienischen Außenminister Di Maio teil. © Quelle: Andrew Medichini/AP/dpa
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Haftstrafe in Hongkong nach den Protesten

Wer konnte, floh ins Ausland. Andere wurden verhaftet, wie der Aktivist Joshua Wong. Wegen seiner führenden Rolle bei den Protesten sitzt der 24-Jährige seit vergangenem Dezember eine fast eineinhalbjährige Haftstrafe ab.

Law hingegen entschied sich im vergangenen Juli für die Flucht nach Großbritannien. Im April wurde sein Asylantrag genehmigt. „Ich wusste, als ich ins Flugzeug stieg, dass ich nicht mehr nach Hongkong zurückkehren könnte“, blickt Law zurück an jenen Tag, als er sein Leben und seine Heimat hinter sich ließ. „Vor meiner Abreise wurde ich wochenlang verfolgt“, sagt er. „Ich werde mit Sicherheit beschuldigt, den Staat untergraben zu haben, und ins Gefängnis geworfen – ganz einfach, weil ich mich zur Wahl gestellt habe.“

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Law ist eine Art Prototyp der Generation Hongkong, jener 20- bis 30-Jährigen, die zwischen den Systemen aufwuchsen. Sie wurden zumeist geboren in der Zeit, als Hongkong als Kronkolonie Teil Großbritanniens war. Ihre Jugend aber verbrachten sie nach der Rückgabe Hongkongs an China im Jahr 1997 in einem System, das ihnen fremd war.

Zwischen China und Großbritannien

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„Gefangen zwischen zwei Welten“, beschreibt es der britische Asienkorrespondent Ben Bland in seinem Buch „Generation HK“. Sie konnten nicht mehr wie ihre Eltern die Bindung zum britischen Kolonialsystem aufbauen – sie waren aber auch zu alt, um einen engen Bezug zum chinesischen Festland zu entwickeln. „Für viele junge Menschen bedeutet heute Hongkonger zu sein, kein Festland-Chinese zu sein“, analysiert Bland in seinem Buch.

Ray Wong ist ein ehemaliger Aktivist aus Hongkong und seit 2018 als politischer Flüchtling in Deutschland anerkannt. © Quelle: picture alliance/dpa

Auch Ray Wong gehört zu dieser Generation. Der heute 27-Jährige war dabei, als junge Hongkonger seit 2014 gegen den wachsenden Einfluss Chinas auf die Straße gingen. In der Demokratiebewegung war der junge Mann äußerst engagiert: 2015 gründete Wong eine Partei, die 2016 bei den Zwischenwahlen 15 Prozent der Stimmen holte – und schon kurz darauf von den Regionalwahlen ausgeschlossen wurde. Heute meldet sich der einstige Aktivist aus dem niedersächsischen Göttingen – er floh Ende 2017 via Taiwan nach Deutschland, wo er Asyl erhielt. Wäre er geblieben, hätte er im Januar 2018 vor Gericht gestanden, wo man ihn schließlich in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft verurteilte.

„Das Härteste war, dass ich niemandem von meiner Flucht erzählen konnte“, blickt Wong im Gespräch mit dem RND zurück. Auch Mitwisser hätten in Hongkong verurteilt werden können, den Kontakt zu seiner Familie musste er abbrechen. „Ich hatte Depressionen, Angst, Appetitlosigkeit.“ In Deutschland musste der erfolgreiche Aktivist von null beginnen – in der Flüchtlingsunterkunft, zunächst ohne Deutschkenntnisse, ohne soziales Leben. Heute studiert Wong in Göttingen Politik und Philosophie.

Ein Land, zwei Systeme?

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Wie konnte alles so schiefgehen? Die Demokratiebewegung in Hongkong begann friedlich – und sie hatte im Ursprung ein legitimes Anliegen: dass der Vertrag zwischen Großbritannien und China eingehalten wird bzw. der der Sonderverwaltungszone. Dieser sieht eigentlich einen Übergangszeitraum von 50 Jahren vor, in denen Hongkong weitgehende Selbstverwaltung im Rahmen Chinas eingeräumt wird. Ein Land, zwei Systeme – so lautete die Grundformel.

„Demokratie ist das fehlende Puzzleteil der Formel ‚Ein Staat, zwei Systeme‘, ohne die die Autonomie der Stadt gegen die Intervention Pekings nur schwer aufrechtzuerhalten ist“, analysiert Nathan Law. „Hongkong war nie eine Demokratie“, sagt auch Mitaktivist Ray Wong. Nun aber forme Peking daraus eine ganz gewöhnliche chinesische Stadt. Das Resultat: Eine ganze Generation verliert derzeit ihre Heimat – entweder, weil sie ins Ausland flüchtet, oder weil die Gesetzeslage vor Ort in Hongkong den Alltag grundlegend verändert. Die Generation Hongkong entwickelt sich zu einer Generation heimatlos.

Neustart im Ausland

Die vor allem im Jahr 2019 gewachsene Gewalt bei den Protesten sehen viele als Ursache für das harte Eingreifen Pekings. Wer damit begann, ist heute umstrittener denn je. „Gewalt ist das falsche Wort“, betont Wong. „Es war mehr ein aggressiver Weg zu protestieren.“ Die Bilder von brennenden Barrikaden und zerstörten U-Bahn-Stationen gingen um die Welt. Für Nathan Law aber sind die Urheber klar: „Es war die institutionelle Gewalt, die die Situation verschärfte und die Dinge in eine hoffnungslose Sackgasse brachte.“ Die Hongkonger hätten von Anfang an nach einer friedlichen Lösung gesucht.

Ihre führenden Rollen in der Demokratiebewegung bezahlten nicht nur Wong und Law mit einem Neustart im Ausland – Zehntausende sind inzwischen aus Hongkong geflüchtet. Andere wurden inhaftiert. Der Kontakt zu den Daheimgebliebenen ist fast unmöglich. „Ich verhindere absichtlich die Kommunikation mit meinen ehemaligen Kollegen, weil es sie gefährden könnte“, erläutert Law. „Sie könnten nach nationalem Sicherheitsrecht wegen Absprache mit ausländischen Streitkräften verklagt werden.“ Ein hartes Los in jungen Jahren.

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Würden die Aktivisten von einst wieder auf die Straße gehen? „Trotz all meiner Schwierigkeiten habe ich es nie bereut, für Hongkong gesprochen zu haben“, sagt Nathan Law. Auch Ray Wong sieht es so: „Die Hongkonger Demokratiebewegung war ein Weckruf für westliche Nationen, dass China nicht Wort hält.“

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