Machtkampf ums Gendern – die gespaltene Nation

  • Die Frage, ob und wie man andere Geschlechter als das männliche in der Sprache besser zur Geltung bringen kann, spaltet die Nation.
  • Das hat sprachästhetische Gründe.
  • Vor allem aber geht es darum, wer das Sagen hat in der Gesellschaft.
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Wer Christoph Ploß noch nicht kannte, dem hat sich der CDU-Bundestagsabgeordnete und Landesvorsitzende aus Hamburg im Mai bekannt gemacht. „Zu Hause am Abendbrottisch sollte selbstverständlich jeder, der das möchte, nach Herzenslust gendern können“, sagte er da in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Aber von Beamten, Lehrkräften und Dozenten erwarte ich, dass sie im Dienst gültige Regeln und Normen nicht einfach willkürlich verändern.“ Deshalb sei für staatliche Stellen ein Gesetz nötig, wie es auch in Frankreich diskutiert werde – ein Gesetz also, das Staatsbediensteten das Gendern verbiete.

Zwar fand nicht nur Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) den Vorstoß „peinlich“. Doch das Aufsehen war groß, und das war wohl die Hauptsache. Der erste Talkshowauftritt des 35-Jährigen ließ nicht lange auf sich warten. Er hatte der ohnehin aufgeladenen Debatte über das Gendern schließlich eine neue Facette hinzugefügt. Wie die Debatte sich weiterentwickelt, ist unterdessen schwer abzusehen. Das liegt auch daran, dass sie sich auf mehreren Ebenen ereignet.

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Testballon der Justizministerin

Zunächst einmal fällt auf, dass das Gendern dort, wo die Politik in Deutschland überwiegend gemacht wird, nahezu keine Rolle spielt: im Bundestag, im Bundesrat oder in der Bundesregierung – sprich: im Berliner Regierungsviertel. Weder gibt es ein Gesetz, das eine stärkere Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in der Sprache forcieren, noch eines, das es unterbinden soll.

Was es gab, war lediglich ein Testballon von Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD), die im Herbst ein komplettes Gesetz im generischen Femininum formulieren ließ. Plötzlich war durchweg von „Geschäftsführerin“, „Verbraucherin“ und „Schuldnerin“ die Rede. Feministinnen jubilierten. Das Bundesinnenministerium unter Horst Seehofer (CSU) protestierte. Lambrecht gab klein bei. Die Begründung des Hauses Seehofer lautete übrigens, es bestehe die Gefahr, dass das Gesetz nur für Frauen gelten könnte. Dass Gesetze bei Verwendung des generischen Maskulinums allein für Männer gelten könnten, diese Gefahr sah man im Innenministerium offenbar nicht.

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Beim Gendern geht es um das Wie und um Sprachästhetik

In der Gesellschaft wird die Debatte auf zwei Ebenen geführt. Da geht es zunächst um das Wie des Genderns und sprachästhetische Erwägungen. Dass ein „liebe Kollegen“ ersetzt wird durch ein „liebe Kolleginnen und Kollegen“, ist relativ unumstritten; Gleiches gilt für die Idee, die hinter dem Gendern steckt – Frauen in der Sprache mehr Geltung zu verschaffen. Schwieriger wird es schon, wenn es statt Rednerliste „Redeliste“ heißen soll oder statt Zuhörer „Zuhörende“. Das gilt als nicht akzeptable Veränderung, wenn nicht gar Manipulation des Bestehenden. Endgültig heiß umkämpft sind Binnen-Is, Gendersterne oder Doppelpunkte. Sie gelten als Verhunzung.

Gendergegner: der Hamburger Abgeordnete Christoph Ploß (CDU) im Bundestag. © Quelle: imago images/Christian Spicker

Die Gesellschaft für Deutsche Sprache findet, der Einsatz von Gendersternchen und Genderdoppelpunkten sei nicht von den in Deutschland geltenden Rechtschreibregeln gedeckt. Auch die Mehrheit der Deutschen – nämlich 65 Prozent – hält einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest Dimap zufolge nichts von derlei Innovationen.

Die Debatte entbrennt auch um die Frage der Relevanz

Immer wieder wird in dem Zusammenhang die Frage aufgeworfen, ob denn das Thema wirklich so wichtig sei. Es gebe ja viel wichtigere Themen: soziale Gerechtigkeit, das Klima oder die Digitalisierung. Von dort wiederum ist es nicht weit zum Streit über die sogenannte Identitätspolitik, die von der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“ zuletzt so definiert wurde: „Die Identitätspolitik läuft darauf hinaus, das Augenmerk auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten zu lenken, die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheits­gesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein.“ Als Beispiel für solche „Marotten“ nennt Wagenknecht sexuelle Orientierung, Hautfarbe und Ethnie. Arme heterosexuelle weiße Menschen würden den Opferstatus nicht erhalten, schreibt sie.

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Hier dürfte der Kern des Konflikts liegen. Die Befürworter des Genderns wollen eine Gruppe sichtbar machen. Die Gegner fürchten oder behaupten, damit solle ihnen oder der Mehrheit der Gesellschaft etwas übergestülpt werden, was diese weder wolle noch brauche – ja, sie selbst sollten im Extremfall unsichtbar sein. Es steht der Vorwurf der Bevormundung im Raum.

Abwehr in Ostdeutschland – wegen Bevormundung

So ist es denn auch kein Zufall, dass dieser Vorwurf nicht zuletzt von jenen geäußert wird, die Bevormundung erlebt haben – von ehemaligen DDR-Bürgern nämlich, wie der Vater von Christoph Ploß einer war. Entsprechend sagte die einstige und in den letzten Jahren ins rechte Lager abgewanderte DDR-Schriftstellerin Monika Maron: „Mich regt auf, wenn Sprache administriert wird.“ Zwar wird sie in Wahrheit gar nicht administriert.

Vielmehr gibt es eine – soweit man sehen kann – kleinere links-akademische Minderheitsgesellschaft, die das Gendern aktiv betreibt, und eine eher nicht akademische Mehrheitsgesellschaft, die es nicht tut. Doch der Anschein genügt. Im Übrigen ist auch das typisch für die Genderdebatte: Die Bedrohung, die aus der Perspektive der Gegner vom Gendern ausgeht, wird größer gemacht, als sie ist – und der eigene Freiraum kleiner.

Fest steht, dass es in den letzten Jahren noch andere Felder gab, die Spaltungspotenzial hatten: die Flüchtlingspolitik oder der Umgang mit der Corona-Pandemie. Nur haben sich die Spaltungen in den letzten Jahren vertieft. Die Genderspaltung kommt noch obendrauf. Und sie berührt ein Medium, das eigentlich verbinden sollte, es aber zunehmend weniger tut: die Sprache eben. Beide Seiten bestehen derweil auf Respekt. Die einen auf Respekt gegenüber nicht männlichen Geschlechtern, die anderen auf Respekt gegenüber ihrer Autonomie, so zu sprechen, wie sie es für richtig halten. Nur sachliche Gespräche über die Art des Sprechens, die finden nicht statt.

In Zweifel geraten, auch bei der politischen Linken

In der politischen Linken, aus der das Gendern kommt, ist es längst in Zweifel geraten – nicht nur bei Sahra Wagenknecht. Wohl wird bei SPD, Linken und Grünen vielfach gegendert. Doch das Gendern gilt wegen des spaltenden Charakters nicht als politisches Projekt. Niemand stellt es in Wahlkämpfen ins Zentrum. In anderen europäischen Ländern, in denen linke Parteien in den letzten Jahren ebenfalls stetig schwächer wurden, ist es ähnlich.

„Wir müssen Sprache vereinfachen, statt alles komplexer zu machen“, sagte der französische Schriftsteller und Philosoph Didier Eribon kürzlich mit Blick unter anderem auf die in seinem Land erstarkende Rechte. Er weiß besser als andere: Beim Gendern gibt es mehr zu verlieren als zu gewinnen.

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