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Gekippte Impfpriorisierung: Ärzte und Experten kritisieren Vorstoß einiger Länder

  • Einige Bundesländer heben die Impfpriorisierung bei den Hausärzten auf, darunter Bayern und Berlin.
  • Doch wie sinnvoll ist das aktuell überhaupt?
  • Seitens der Ärzte kommt Kritik, denn der Impfstoff ist noch immer knapp.
Felix Franke
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Berlin. Die Impfpriorisierung fällt ab Montag in einigen Bundesländern – zumindest bei den Hausärzten. In Berlin, Bayern und Baden-Württemberg sind künftig alle Menschen berechtigt, sich in Arztpraxen impfen zu lassen. Auch Sachsen möchte die Priorisierung zum 24. Mai aufheben, die ursprünglich vulnerable Gruppen schützen sollte.

Mediziner plädiert für Beibehaltung der Priorisierung

Doch der Gesundheitsexperte der Grünen, Janosch Dahmen, plädiert für eine Aufrechterhaltung der Priorisierung: „Über 52 Millionen Menschen sind noch gar nicht geimpft. In diesem Stadium ist es ganz wichtig, dass die Priorisierungsliste grundsätzlich beibehalten wird“, sagt der Mediziner dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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„Die Priorisierung folgt der Grundlogik, dass wir möglichst viele Menschenleben in Deutschland retten. Und das Prinzip ist weiter wichtig angesichts der extrem hohen Last, die wir (...) nach wie vor auf den Intensivstationen haben.“

Dennoch spricht sich der Bundestagsabgeordnete für etwas Pragmatismus aus: „Wenn aber beispielsweise eine Arztpraxis ihre Patienten der Priorisierungsgruppen eins oder zwei durchgeimpft hat, sollte sie nicht Däumchen drehen müssen, bis alle anderen auch fertig sind mit dem Impfen.“ Die Priorisierungsliste müsse trotzdem als Leitschnur Bestand haben.

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Zudem fordert Dahmen: „Beim Thema Impfen sollte die Bundesregierung offensiver kommunizieren. Also aufklären, warum wann wer an welcher Reihe ist und warum es im Einzelfall noch etwas dauern kann.“

Außerdem solle die Bundesregierung erklären, warum weiterhin ein geordneter Prozess erforderlich ist – auch auf diesen letzten Metern der Pandemie. „Erstens müssen wir verhindern, dass Menschen immer noch schwer erkranken und versterben. Zweitens müssen wir darauf achtgeben, das Gesundheitssystem nicht lahmzulegen – in der Arztpraxis oder an anderen Stellen“, erklärt der Politiker dem RND.

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Sorge bei Ärzten über Reaktion der Patienten

Auch seitens der Ärzte kommt Kritik für den Vorstoß der Länder. „Momentan und leider auch in den nächsten Tagen sind die Impfstoffmengen (...) viel zu knapp, um sofort alle zu impfen, die auch geimpft werden wollen“, teilt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mit.

„Wir appellieren an die Politik, keine falschen Erwartungen bei den Bürgerinnen und Bürgern zu wecken: Ankündigungen, ab Montag würden Priorisierungen wegfallen, führen leider dazu, dass viele Menschen denken, jetzt sofort könnten sie sich impfen lassen. Dem ist natürlich mitnichten so!“

Frust, Zorn und Ärger würden dann die Ärzte und vor allem ihre Praxisteams treffen. „Die Praxen müssen sich ja auch vorbereiten. Da ist es kontraproduktiv, wenn etwa der Gesundheitssenat in Berlin Ankündigungen macht, ohne dass mit der Kassenärztlichen Vereinigung darüber vorher gesprochen wurde“, heißt es seitens der KBV.

Video
Impfrekord: 1,35 Millionen Menschen in Deutschland an einem Tag geimpft
0:47 min
Deutschland hat den Impfrekord gebrochen. Am Mittwoch haben über 1,3 Millionen Menschen die erste Dosis verabreicht bekommen.  © dpa
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Schon Anfang Mai wurde das Vektorvakzin von Astrazeneca für alle Altersgruppen freigegeben. Doch besonders die mRNA-Impfstoffe Biontech und Moderna sind knapp, wie der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, erklärt. „Die Menge an mRNA-Impfstoffdosen, die den Hausarztpraxen wöchentlich geliefert werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch viel zu gering.“ Zudem seien die Lieferungen bei Weitem nicht zuverlässig genug, um Termine weit in die Zukunft zu planen.

„Die jetzt erfolgte vollständige Aufhebung in einigen Ländern hätte einer umfassenden Absprache bedurft“, kritisiert Weigeldt. In Berlin etwa seien die Ärztinnen und Ärzte vollkommen überrumpelt worden. „Die Hausarztpraxen arbeiten jetzt schon in großen Teilen am Limit, viele medizinische Fachangestellte sind kurz vorm Zusammenbruch – die Telefone klingeln ohne Unterlass, und die Mailordner sind voll“, beschreibt er.

Weigeldt hätte sich stattdessen ein „Auslaufen der Priorisierung, das sich nach der vorhandenen Impfstoffmenge und den Möglichkeiten in den Praxen richtet“, gewünscht. Doch von politischer Seite würden falsche Erwartungen und Hoffnungen geweckt, „die die Praxen nun enttäuschen müssen“. Der Mediziner fürchtet: „Der Andrang und der Frust vieler Patientinnen und Patienten werden sicherlich groß sein, sich aber an unserem Tresen entladen und nicht bei den Verantwortlichen in den Ländern.“

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