Gegen Merkel und für Trump: Wie Frank Castorf sich nach rechts verrennt

Der ehemalige Intendant der Berliner Volksbühne, Frank Castorf.
Quelle: dpa
Berlin. Der “Spiegel” hat Frank Castorfs markantesten Satz in die Überschrift genommen. Jedes andere Medium hätte das auch getan. Der Satz des langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne lautet: “Ich möchte mir von Frau Merkel nicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss.”
Es geht, natürlich, um die Corona-Krise und den Umgang damit.
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Der Satz ist für sich genommen hanebüchen genug. Doch wer das aktuelle Interview des Magazins mit dem laut “Spiegel” “wohl einflussreichsten Theaterregisseur der vergangenen 30 Jahre” komplett liest, der merkt schnell: Er ist nur die Spitze eines ziemlich großen Eisbergs.
Zunächst einmal ist es ja so, dass Staats- und Regierungschefs in der ganzen Welt – jedenfalls die verantwortungsvollen unter ihnen – ihre Bürger derzeit wegen der Corona-Pandemie auffordern, sich in Hygiene zu üben. Das ist nämlich die nächstliegendste und zugleich einfachste Form der Prävention.
Ein näherer Blick auf das Coronavirus
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Quelle: Reuters
Wer so tut, als sei die Kanzlerin damit allein, um anschließend seinen Verdruss daran zum Ausdruck zu bringen, der offenbart in erster Linie eines: dass er auch nach bald 15-jähriger Regentschaft Probleme damit hat, von einer Frau regiert zu werden.
Dazu wiederum ist zweierlei zu sagen. Erstens: Wer sich wie ein kleiner Junge verhält, der wird auch so behandelt – und zwar mit Recht. Zweitens: Diese Art von Chauvinismus, der sich noch dazu als links geriert, den braucht kein Mensch mehr. Der ist überflüssig. Der kann weg.
Das kann weg
Doch wie gesagt: Beim Lesen des kompletten Interviews wird es nicht besser, sondern schlimmer.
So sagt Castorf etwa: “Demonstrationen, das heißt die praktizierte Meinungsfreiheit, sind so gut wie verboten. Die Kunstfreiheit und die Glaubensfreiheit sind es auch.” Nein, sie sind nicht verboten. Verboten ist, sich wegen des Ansteckungsrisikos in Gruppen draußen zu bewegen. Die Meinungsfreiheit besteht fort.
Jeden Tag wird von ihr tüchtig Gebrauch gemacht, in Presse, Rundfunk und Fernsehen – sowie millionenfach in den digitalen Netzwerken. Castorf scheint das nicht sehen zu wollen. Stattdessen sagt er: “Ich habe meiner Freundin, die in Paris lebt, geschrieben, dass ich mich noch nie so beengt gefühlt habe in meinem Leben.” Für jemanden, der bis 1989 in der DDR zu Hause und politischer Drangsal ausgesetzt war, ist auch das eine erstaunliche Aussage.
Aber apropos DDR. In dem Interview steht zu lesen: “Die Deutschen verdanken ihre geschenkte Freiheit historisch Russland und Amerika, die sie 1945 befreit haben. Wenn sie jetzt anfangen, aufgehetzt durch ihre Regierung, nicht bloß sich selbst dauernd gegenseitig zu erziehen, sondern die ganze Welt, dann finde ich das unverschämt.”
Richtig ist: Nachdem sowjetische – nicht russische – Truppen 1945 halfen, (Ost)Deutschland von der nationalsozialistischen Diktatur zu befreien, ließen sie anschließend an gleicher Stelle eine zweite Diktatur errichten. Es ist – siehe oben – auch nicht so, dass die deutsche Regierung in der Corona-Krise die Welt aufhetzt. Es ist vielmehr so, dass sich die deutsche Regierung unter anderem an Italien oder Spanien orientiert, wo die Einschränkungen wesentlich drastischer sind – während sie weit hinter der Strenge der Maßnahmen auch im benachbarten Frankreich zurück bleibt.
Das hindert den langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne gleichwohl nicht, “einen republikanischen Widerstand” gegen all das zu fordern, was ihm jetzt von der Regierung zugemutet wird – jene Art von Widerstand offenbar, den selbsternannte Linke, bekannte Rechte, Esoteriker und Verschwörungstheoretiker seit einigen Wochen exakt vor jener Volksbühne proben, an der besagter Frank Castorf so lange Chef war. AfDler und Pegidisten könnten große Teile des Interviews ohnehin problemlos unterschreiben.
Gepaart mit Überheblichkeit
Gewiss, Castorf landet auch mal einen Treffer – wie Jäger einen Treffer landen, die mit der Schrotflinte auf ein Gebüsch zielen, in dem sich irgendwo ein Tier befindet. So etwa, wenn er beklagt, neuerdings an der Fleischtheke angeherrscht zu werden, weil er zu wenig Abstand halte – oder wenn er darauf verweist, dass man die Forderung, Leben zu schützen, trotz allem nicht verabsolutieren dürfe, weil das Sterben nun mal zum Leben gehöre.
Im Übrigen jedoch strotzt das Interview vor Unwahrheiten und falschen Vergleichen. Frank Castorf präsentiert sich als ein Vertreter jenes neuen Typs von Intellektuellen, die die Welt nicht etwa geistig durchdringen, sondern sich im Gegenteil etwas darauf einbilden, dass sie die Welt weithin nicht zur Kenntnis nehmen – um dann auf der Basis eines schmalen Ausschnitts der Welt abenteuerliche Thesen zu entwickeln.
Dabei ist diese Form der Realitätsverweigerung notwendigerweise mit Überheblichkeit verknüpft. So sagt Castorf über sich: “Ich arbeite im Theater, da erhält man sich die Bereitschaft zum Fantasieren, zum Nachdenken über das, was außerhalb geschieht.” Als ob alle anderen diese Bereitschaft verloren hätten.
Ein Vierteljahrhundert lang herrschte Castorf an der Volksbühne wie der Papst im Vatikan – unumschränkt und von seinen Groupies bewundert. Nun möchte er sich nicht von Virologen und Politikern sagen lassen, was er zu tun und was er zu lassen hat. Da hält er es lieber mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. “Trump ist immerhin der gewählte Repräsentant des amerikanischen Volkes”, sagt der alte weiße Mann allen Ernstes. “Aber er wird lächerlich gemacht, zum Idioten erklärt, weil er in der Krise anders handelt als die Deutschen.”
Dass einer, der Merkel nicht mag, für den weltweit größten und widerlichsten Frauenverächter eine Lanze bricht – allerspätestens das richtet sich selbst.

















