• Startseite
  • Politik
  • Gefälschte Impfpässe stellen Bundesregierung vor Herausforderungen

Gefälschte Impfpässe stellen Bundesregierung vor Herausforderungen

  • Vollständig gegen das Coronavirus Geimpfte sollen ab dem Wochenende von einigen Einschränkungen ausgenommen werden.
  • Der gelbe Impfpass, der bislang als Nachweis dient, lässt sich jedoch leicht fälschen.
  • Das stellt die Bundesregierung auch bei der geplanten Einführung eines digitalen Impfnachweises vor Herausforderungen.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Ab dem Wochenende sollen einige Grundrechtseinschränkungen für Genesene und vollständig gegen das Coronavirus Geimpfte zurückgenommen werden. Als Nachweis über den Impfschutz dient bislang der gelbe Papier-Impfpass.

Die Einträge für Corona-Impfungen lassen sich jedoch leicht fälschen. Das stellt die Bundesregierung auch bei der Einführung eines digitalen Impfnachweises vor Herausforderungen.

Ein handschriftlich eingetragenes Datum, ein aufgeklebtes Etikett, ein Stempel und eine Unterschrift. Mehr braucht es nicht, um sich in Deutschland als geimpft auszuweisen.

Anzeige

Bei den meisten Impfungen dient der Impfpass vor allem dem Geimpften selbst und seinen Ärzten als Überblick über vorhandene Immunisierungen. Sobald jedoch Erleichterungen und die Wahrnehmung von Grundrechten an den Immunitätsstatus geknüpft sind, ruft das Fälscher auf den Plan.

Video
„Covpass“: Digitaler Nachweis für Corona-Impfungen ab heute verfügbar
1:06 min
Pünktlich zum Sommer soll der lange geplante digitale Nachweis für Corona-Impfungen kommen. Es geht um eine praktische Ergänzung zum Impfheft auf Papier.  © dpa

120 Euro für gefälschten Impfpass

In der Messenger-App Telegram werden bereits seit mehreren Wochen gefälschte Impfpässe verkauft. 120 Euro verlangen einige Händler pro Impfpass, andere sogar 150. Bezahlt werden sollen die Fälschungen möglichst anonym mit der Kryptowährung Bitcoin.

Anzeige

Das ARD-Magazin „Report Mainz“ beschaffte sich im April zwei solcher gefälschten Impfpässe – versehen mit dem vermeintlichen Stempel eines Frankfurter Impfzentrums. Von echten Impfnachweisen waren die Fälschungen den Reportern zufolge kaum zu unterscheiden.

Video
EU-Corona-Pass und Impfungen: Tourismusbranche erwartet Reise-Boom ab Mitte Juli
1:12 min
Hoffnungsschimmer für die Tourismusbranche nach langer Corona-Zwangspause: Die G20-Länder gaben am Dienstag ein Signal zum Neustart der Branche.  © dpa
Anzeige

Neben gefälschten Impfpässen kursieren in Impfgegner-Gruppen auf Telegram auch Anleitungen zum Selberfälschen. Blanko-Impfpässe gibt es für wenige Euro legal im Internet zu kaufen. Und auch die Etiketten der Impfstoffhersteller lassen sich leicht fälschen. Das deutsche Unternehmen Biontech hat sogar selbst ein Vordruckformular für die Etiketten ins Netz gestellt.

Fälscher müssten nur noch die Chargen-Nummern des Impfstoffs eintragen. Weil viele Menschen Fotos ihrer Impfpässe mit erkennbaren Chargen-Nummern in den sozialen Medien veröffentlicht haben, stellt auch das kaum eine Hürde dar. Vorkehrungen gegen solche einfachen Fälschungen, wie etwa die Nutzung von Hologrammen oder Spezialpapier, haben die Impfstoffhersteller nicht getroffen.

Polizei stößt an ihre Grenzen

Für Betreiber von Geschäften oder Friseursalons, die Geimpfte künftig auch ohne negatives Testergebnis betreten dürfen, sind gefälschte Impfnachweise daher nicht von echten zu unterscheiden. Und auch die Polizei, die Ausgangsbeschränkungen überprüft, dürfte dabei an ihre Grenzen stoßen.

Die gefälschten Impfpässen stellen auch bei der ab Juni geplanten Einführung eines europäischen digitalen Corona-Impfnachweises ein Problem dar. Wer bereits vor dem Start des digitalen Nachweises beide Impfdosen erhalten hat, soll dies aus dem Papierimpfpass übertragen lassen können.

Nach den bisherigen Plänen soll dieser Eintrag nicht nur in den Impfzentren oder Arztpraxen möglich sein, die die Impfung vorgenommen haben, sondern auch in Apotheken. Dabei könnten einige Fälschungen möglicherweise nicht erkannt werden.

Anzeige

Spahn: „Ziemlich sichere Veranstaltung“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) versichert zwar, dass der digitale Impfausweis selbst nicht fälschbar sei. „Der digitale Ausweis wird eine ziemlich sichere Veranstaltung sein“, sagte er am Dienstag auf dem Ärztetag. Das Problem mit gefälschten analogen Impfpässen und dem Übertragen ins Digitale sieht jedoch auch der Minister.

An dem Vorhaben, den digitalen Eintrag auch in Apotheken vornehmen zu lassen, will er gleichwohl festhalten – weil sonst die Impfärzte und -zentren überlastet würden.

„Wir müssen das auf breitere Füße stellen. Aber die Wahrheit ist auch, je breiter die Füße sind, desto weniger kann einer nachschauen, ob derjenige tatsächlich geimpft worden ist“, sagte Spahn. Man sei noch auf der Suche nach dem richtigen Mittelweg. Eines stellte Spahn allerdings ganz klar: Das Fälschen eines Impfpasses sei eine strafbare Dokumentenfälschung.

Hausärzteverband: Verantwortung nicht den Arztpraxen zuschieben

Anzeige

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, hält die Fälschungssicherheit des geplanten digitalen Impfnachweises zwar für einen wichtigen Aspekt. „Die Verantwortung dafür kann allerdings unter keinen Umständen einfach den Hausarztpraxen zugeschoben werden“, sagte Weigeldt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Wir haben mit der Versorgung unserer Patientinnen und Patienten, den vielen Testungen sowie den Impfungen doch ohnehin schon viel zu tun – unsere Mitarbeitenden arbeiten aktuell im Dauerturbo.“ Zudem müsste zunächst einmal eine praxisnahe und leicht umsetzbare Technik stehen, die auch in den Praxen verfügbar ist.

„Und wenn man auf die bisherige Geschwindigkeit und praktische Handhabbarkeit bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen zurückblickt, sieht man, dass sich Deutschland da nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat.“

Vor Überlastung von Ärzten gewarnt

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Maria Klein-Schmeink, sagte dem RND, es sei zwar eine mögliche Lösung, die Ausstellung der digitalen Zertifikate nur in den Impfzentren oder Arztpraxen vornehmen zu lassen, wo die Impfung stattgefunden hat.

Es müsse aber verhindert werden, dass die Stellen dadurch überlastet werden. Der Bürokratieaufwand dürfe nicht zu hoch getrieben werden. „Deshalb müssen wir zusätzliche kreative Lösungen finden.“ Die Einbeziehung der Apotheken hält sie deshalb für „durchaus erwägenswert“.

Domscheit-Berg erwartet Verzögerung beim digitalen Impfpass

Die netzpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Anke Domscheit-Berg, sieht noch ein viel grundsätzlicheres Problem bei der Einführung des „Grünen Zertifikats“, dem europäischen Impfnachweis. Die Verifikation der darin gespeicherten Daten soll im Rahmen einer „Public-Key-Infrastruktur“ über Software-Schlüssel geschehen, die im gesamten europäischen System anerkannt werden.

Jede Arztpraxis, jedes Impfzentrum und gegebenenfalls auch jede angebundene Apotheke, die Eintragungen vornimmt, muss dafür über einen privaten Schlüssel verfügen.

„Völlig sicher bekommt man das kaum“

„Es reicht, wenn ein einziger dieser Schlüssel irgendwo im europäischen Gesamtsystem korrumpiert ist – also wenn er gestohlen wird, oder missbräuchlich verwendet, um damit beliebig viele gefälschte Zertifikate zu erstellen, für die sich dann sicher auch Vertriebswege finden werden“, sagte Domscheit-Berg dem RND.

Ein so großes System mit zahlreichen Beteiligten weitgehend sicher zu machen sei eine große organisatorische Herausforderung. „Völlig sicher bekommt man das kaum“, sagte die Abgeordnete.

Sie vermute deshalb, dass die geplante Umsetzung bis Ende Juni gar nicht zu schaffen ist. Daher stelle sich die Frage nach der sicheren Übertragung von Papiernachweisen in das digitale System vielleicht frühestens im Herbst.

Forderungen, dass nur die impfenden Stellen selbst einen Eintrag in den digitalen Impfnachweis vornehmen dürfen, halte sie unabhängig davon nicht für Praktikabel, sagte Domscheit-Berg, „weil sie gerade Impfstellen mit enormer zusätzlicher Bürokratie belasten würde“.

Aktuell werde jede impfende Stelle zum Impfen gebraucht und solle daher von Bürokratie entlastet werden. „Die Pandemie wird schließlich nicht durch einen digitalen Stempel gebremst, sondern durch möglichst viele Impfungen in möglichst kurzer Zeit.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen