• Startseite
  • Politik
  • Gedenkstunde für Corona-Tote am Sonntag: Hinterbliebene erzählen bei Staatsakt von ihrem Leid

„Es war die Hölle“: Hinterbliebene erzählen bei Staatsakt vom Corona-Leid

  • Bundesweit wurde an diesem Sonntag der Verstorbenen während der Corona-Pandemie gedacht.
  • Zur zentralen Gedenkstunde in Berlin hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeladen.
  • Vor allem die Reden der Hinterbliebenen machten das Leid des vergangenen Jahres spürbar – das nicht allein die Corona-Kranken traf.
|
Anzeige
Anzeige

Berlin. Tagelang hatte sie auf ein Wunder gehofft – vergebens. Bevor er wegen seiner Covid-Erkrankung ins künstliche Koma gelegt und maschinell beatmet wurde, hatte ihr Mann Hannes, 59, sie noch angerufen: Er sei in der Klinik in besten Händen und freue sich aufs Wiedersehen.

So erzählt es seine Witwe, Anita Schedel aus Bayern, in der zentralen Gedenkstunde für die Verstorbenen der Corona-Pandemie an diesem Sonntag in Berlin. Ihr Mann war selbst Arzt, hatte sich Corona wohl im Klinikum eingefangen, starb wenige Tage nach der Diagnose. „Ich bin ins Nichts gefallen“, sagt Anita Schedel.

„Als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen“

Anzeige

Sie dankt dem Bundespräsidenten für diese Gelegenheit, an die Zehntausenden zu erinnern, denen es wie ihrem Mann ging, und sie mahnt, die Pandemie weiter ernst zu nehmen: „Jeder Einzelne, dem mein Schicksal und das der Angehörigen und Freunde der 80.000 Corona-Toten in Deutschland erspart bleibt, ist es wert.“

Anita Schedel aus Bayern verlor ihren Mann Hannes an Corona: Er starb im Alter von 59 Jahren an einer Covid-19-Infektion. Frau Schedel hatte im März an einem Gespräch mit dem Bundespräsidenten teilgenommen und sprach nun auf der Gedenkveranstaltung in Berlin. © Quelle: Michael Sohn/POOL AP/dpa

Bundesweit fanden am Sonntag auf Anregung von Frank-Walter Steinmeier Gedenkveranstaltungen für die Verstorbenen während der Pandemie statt. Der Bundespräsident hat im Jahr seit dem Corona-Ausbruch in Deutschland immer wieder Kontakt zu Erkrankten, Genesenen, Hinterbliebenen. Er erhielt Briefe von Corona- wie von Lockdownopfern, rief dazu auf, zum Gedenken an die Opfer, Kerzen ins Fenster zu stellen.

Anzeige

An der zentralen Gedenkstunde im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt nahmen nun neben Steinmeier auch die Spitzen des Staates, darunter Kanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, sowie Hinterbliebene und religiöse Würdenträger teil – in kleiner Runde unter strengsten Hygieneauflagen.

Anzeige

„Wir sind ermüdet von der Last der Pandemie, und wundgerieben im Streit um den richtigen Weg“, sagt Steinmeier. „Auch deshalb brauchen wir einen Moment des Innehaltens, einen Moment jenseits der Tagespolitik, einen Moment, der uns gemeinsam einen Blick auf die menschliche Tragödie der Pandemie erlaubt.“

Dazu zähle auch, dass Sterben in der Pandemie – auch ohne Corona-Infektion – oft ohne Beistand und Abschied geschehe: „Eine Gesellschaft, die dieses Leid verdrängt, wird als ganze Schaden nehmen“, warnt er.

Video
Berlin: zentrale Gedenkfeier für die Verstorbenen in der Corona-Pandemie
1:49 min
Bundespräsident Steinmeier sagte am Sonntag in Berlin, dass die Pandemie tiefe Wunden geschlagen und schreckliche Lücken gerissen habe.  © Reuters

Dass das Gedenken nicht allein den Corona-Toten gilt, betont Steinmeier mehrfach. Er denke auch an andere Betroffene: „An die Menschen, die an den Spätfolgen einer Infektion leiden. An jene, die seelisch krank geworden sind vor Einsamkeit und Enge. An Menschen, die Gewalt erlitten haben. Wir denken an jene, die in wirtschaftliche Not geraten sind und um ihre Existenz bangen. An die Kinder, die auf Schule und Freunde verzichten müssen.“

Er wisse, dass es bei manchen auch Verbitterung und Wut gebe. Es habe Fehler gegeben, aber auch schwierige Abwägungen, die nie widerspruchsfrei sein könnten.

Stellvertretend für jene, die Angehörige an andere Krankheiten verloren, aber wegen der Kontaktbeschränkungen zusätzlich litten, berichtet Finja Wilkens aus Niedersachsen, wie ihr Vater mit 53 Jahren an Krebs starb, aber im Krankenhaus wochenlang keinen Besuch empfangen konnte. „Wir wollten es nicht, und doch haben wir ihn alleine gelassen“, sagt die junge Frau. „Kein Kontakt, kein Einblick, kein Handhalten oder einfach da sein: Es war die Hölle für uns.“ Sie mahnt: „Jeder Mensch hat es verdient, in Würde zu sterben, und niemand sollte diesen Weg alleine gehen müssen.“

Anzeige
Finja Wilkens aus Niedersachsen bei der Gedenkstunde in Berlin. Ihr Vater ist während der Pandemie im Alter von 53 Jahren an Krebs gestorben. © Quelle: Michael Sohn/POOL AP/dpa

Viele Hinterbliebene danken Pflegepersonal und Ärzten, so wie der Bundespräsident. „Diese Mitmenschlichkeit, sie ist ein Lichtblick in dunkler Zeit“, sagt Steinmeier, auch in Bezug auf die Hilfsbereitschaft und Solidarität, die die Pandemie in der Gesellschaft hervorgebracht habe. Nun dürfe die Polarisierung nicht überhandnehmen: „Lassen wir nicht zu, dass die Pandemie, die uns schon als Menschen auf Abstand zwingt, uns auch noch als Gesellschaft auseinandertreibt!“

Vor dem Staatsakt hatten die Spitzen der christlichen Kirchen gemeinsam mit jüdischen und muslimischen Geistlichen sowie Künstlern, Angehörigen und Genesenen in einem ökumenischen Gottesdienst in der Gedächtniskirche der Verstorbenen gedacht. „Krankheit, Sterben und Tod lassen sich in diesem langen Jahr nicht wegdrücken, sie schneiden tief ein in das Leben vieler Menschen“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

„Für die Verarbeitung werden wir viel Zeit brauchen“, betonte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, „erst recht unsere Kinder, unsere Heranwachsenden, für die diese Krise die Ausdehnung einer gefühlten Ewigkeit hat.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen