Gedenken in stürmischen Zeiten

  • Charlotte Knobloch und Marina Weisband reden im Bundestag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des National­sozialismus.
  • Unweit davon stellt Wirtschafts­minister Altmaier heute seinen Jahres­wirtschafts­bericht vor. Die Prognose: verhalten.
  • Auch weil erneut über Lockdown­verschärfungen diskutiert wird.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

Charlotte Knobloch und Marina Weisband trennen zwei Generationen, aber kämpferische deutsche Jüdinnen sind sie beide. Und beide sprechen heute, am Holocaustgedenktag, als Gastredner im Deutschen Bundestag. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz, seit 25 Jahren ist dieses Datum in Deutschland offiziell dem Gedenken an die Opfer des National­sozialismus gewidmet. Dieses Jahr wird noch an ein weiteres Datum erinnert: Vor 1700 Jahren wurden die ersten Juden auf dem Gebiet des späteren Deutschlands urkundlich erwähnt.

Ein waches und wachsames Gedenken an den Völkermord der Nazis scheint in diesen Zeiten wieder notwendiger denn je. Nicht erst seit der Corona-Krise nehmen die Spannungen in der Gesellschaft zu – und damit einhergehend auch die Sichtbarkeit antisemitischer Tendenzen. Im großen Doppelinterview mit RND-Berlin-Reporter Jan Sternberg sprechen Knobloch (88), seit 1985 Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde in München und von 2006 bis 2010 Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Weisband (33), Psychologin, Co-Vorsitzende des digitalen Thinktanks D64 und Grünen-Mitglied, schon vor ihren Reden im Parlament über ihre Erfahrungen als Jüdinnen in Deutschland.

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Sie machen deutlich, dass sie dafür kämpfen wollen, dass ihr Land demokratisch und solidarisch auch durch die aktuelle Krise kommt. Gleichzeitig erzählen sie auch von Anfeindungen – und gefährlichen Tendenzen: „Ich habe im Herbst eine Querdenker-Versammlung vor meiner Haustüre gehabt. Ich habe gemeint, ich höre wieder die Stimme von Goebbels. Das war so einschneidend, das war so wutentbrannt, wie die Redner gesprochen haben. Und die Bravorufe haben entsetzlich geklungen. Da hab ich mich gefühlt, als würde das Dritte Reich wiederauferstehen. Dem muss Einhalt geboten werden. Das geht nicht“, sagt Knobloch.

Im vergangenen Jahr demonstrierten Tausende gegen die Corona-Regeln – mit teilweise kruden und demokratie­verachtenden Botschaften. © Quelle: imago images/Müller-Stauffenberg

Weniger Wachstum als gedacht

Der Gedenktag bestimmt zwar das politische Berlin an diesem Mittwoch, aber die Regierungsgeschäfte laufen weiter. Bundes­wirtschafts­minister Peter Altmaier stellt den Jahreswirtschafts­bericht 2021 vor. Erwartet wird, dass die Regierung ihre Konjunktur­prognose senkt – womöglich auf um die 3 Prozent Wachstum. Der Lockdown dauert länger als gedacht, die Impfungen gehen nur schleppend voran und die Verbreitung neuer Virusvarianten lassen auch die Hoffnung auf ein schnelles Wiedererwachen der Wirtschaft im Frühjahr sehr unsicher erscheinen.

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Im Gegenteil: Aktuell wird im Kanzleramt offenbar sogar über weitere Einschränkungen nachgedacht, etwa im Reiseverkehr zumindest zwischen Europa und den Risikogebieten, die stark von den neuen Mutationen betroffen sind. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach wohl in internen Runden davon, dass der Rückgang der Infektionszahlen nicht schnell genug gehe. Die „Bild“ zitiert sie mit den Worten: „Uns ist das Ding entglitten.“

Deutschland braucht Perspektive

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Diese Aussage entwickelt vor dem Hintergrund, dass heute vor einem Jahr in Deutschland die erste Corona-Infektion festgestellt wurde, besondere Schlagkraft. Es macht sich gerade eine Perspektivlosigkeit breit, die gefährlich ist, meint RND-Hauptstadtbüro­leiterin Eva Quadbeck. Die jahresanfängliche Aufbruchsstimmung weicht dem Frust über eine chaotische Impfkampagne, den vielen Toten und der Lockdownmüdigkeit.

Es braucht jetzt einen klareren Kurs, wie viel öffentliches Leben bei welchen Infektionszahlen möglich ist. Oder einfach ausgedrückt: Perspektive.

Für die Friseure und vor allem für ihre Kunden hat das Wort Lock-down längst eine sehr bildsprachliche Bedeutung. So hängen viele Haarprachten längst deutlich über das übliche Maß hinaus von deutschen Köpfen herunter. Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks jedenfalls berichtet dem RND von einem regelrechten Ansturm auf Friseurtermine für die Zeit nach dem 14. Februar, dem nächstmöglichen Ende der Schließungen. Der Hauptgeschäfts­führer sieht das als Zeichen für die Notwendigkeit seiner Dienstleistungen und hofft inständig auf eine baldige Wiedereröffnung.

Dabei gibt es in der Krise längst nicht nur Verlierer. Des einen Lockdown ist des anderen Hochkonjunktur. Vor allem die Techgiganten aus den USA feiern Rekord um Rekord. Heute Nacht stellen neben Facebook auch Apple und Tesla ihre Quartalszahlen vor. Die Anleger rechnen offenbar erneut mit guten Zahlen, die Börsenkurse jedenfalls von Apple und Tesla treiben steil nach oben.

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Zitat des Tages

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Zum Glück hatte ich das Richtige an, im Nachhinein gesehen.

Camilla Rothe, Ärztin am Münchner Tropeninstitut, die heute vor einem Jahr den ersten deutschen Corona-Patienten untersuchte – mit Schutzkleidung

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„An oder mit Corona“: Diese so oft gehörte Erläuterung der Todeszahlen in der Corona-Epidemie lässt einigen Interpretations­spielraum. Das Universitäts­klinikum Schleswig-Holstein (UKSH) hat jetzt Obduktions­ergebnisse von Personen veröffentlicht, die Corona mit einem tödlichen Verlauf hatten. Das erstaunliche Ergebnis, von dem die „Lübecker Nachrichten“ berichten: Fast alle sind demnach tatsächlich an einer Lungenentzündung infolge von Corona gestorben, das Virus sei nicht nur eine Begleiterkrankung gewesen.

Die Termine des Tages

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  • Wie weiter mit dem Impfstoff? Andrea Ammon, Direktorin des Europäischen Zentrums zur Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) wird neueste Zahlen zum Voranschreiten der Impfkampagne in der EU vorstellen, Hans-Georg Eichler von der der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) wird über Zulassungsverfahren in der EU berichten. Reinhard Hönighaus, Pressesprecher der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland, beantwortet Fragen zur Impfstoffstrategie und der gemeinsamen Beschaffung der Vakzine.
  • In Kassel beginnt ein Prozess gegen eine 50 Jahre alte Frau, die als falsche Ärztin mehrere Patienten getötet haben soll. Die Angeklagte soll sich mit gefälschten Papieren eine Stelle als Assistenzärztin beschafft und eigenverantwortlich Anästhesien durchgeführt haben, in deren Folge fünf Menschen an Behandlungs­fehlern starben.

Wer heute wichtig wird

Muss über einen neuen Auftrag zur Regierungsbildung entscheiden: Italiens Präsident Sergio Mattarella.

Etwas mehr als 500 Tage hatte das zweite Kabinett von Giuseppe Conte gehalten. Am Dienstag jagte der italienische Premier ohne eigene Mehrheit im Parlament im Auto von einem Termin zum nächsten, um in seinem Kabinett, im Parlament und bei Staatspräsident Sergio Mattarella seinen Rücktritt bekannt zu geben. Bereits heute sollen die Beratungen darüber beginnen, wie es weitergeht. Dabei kommt es nun auf Mattarella an. Der Präsident bat Contes Regierung, vorerst im Amt zu bleiben, und behielt sich das Recht vor, Conte erneut das Mandat zur Regierungsbildung zu erteilen. Zumindest die im Mitte-links-Bündnis verbliebenen Politiker der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, der Sozialdemokraten und der linken Liberi e Uguali (Die Freien und Gleichen) wollen mit dem parteilosen Anwalt weitermachen.

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