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Gedenken in Plauen: Die friedliche Revolution begann in der Provinz

  • Die friedliche Revolution begann 1989 nicht in Dresden, Leipzig oder Berlin, sondern im kleinen Plauen.
  • Am Montag wurde in Plauen des Beginns des Revolutionsherbstes vor 30 Jahren gedacht.
  • Daran nahmen nicht nur ehemalige Bürgerrechtler teil, sondern auch Schüler, die heute Lehren aus der Revolution von damals ziehen.
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Plauen. Wenn man Jakob Springfeld fragt, was für ihn an der friedlichen Revolution das Wichtigste ist, dann sagt er: „Dass alles friedlich blieb. Davon können wir am meisten lernen.“ An die Ereignisse selbst kann sich Springfeld naturgemäß nicht erinnern; er ist erst 17 Jahre alt. Auch in der Schule stand 1989 bisher kaum auf dem Lehrplan. Im Geschichtsunterricht sei gerade der Zweite Weltkrieg dran, sagt der Gymnasiast aus Zwickau. Und doch ist die Revolution für Springfeld wichtig. Denn er engagiert sich bei Fridays for Future. Auch da müsse man darauf achten, dass es keine Radikalisierungen gebe und man alle mitnehme. Prinzipiell weiß der Teenager zu schätzen, „in welcher guten und freien Gesellschaft wir leben“.

15.000 Menschen begannen den Revolutionsherbst

Jakob Springfeld nahm am Montag im Malzhaus von Plauen an einem Forum der Grünen-Bundestagsfraktion teil. Sie hatte ehemalige Bürgerrechtler wie Werner Schulz oder Ulrike Poppe eingeladen, um mit jungen Leuten über Vergangenheit und Gegenwart zu diskutieren. Der Termin war Teil der Gedenkveranstaltungen in der sächsischen Stadt, in der am 7. Oktober 1989 mit einer machtvollen Demonstration von über 15.000 Menschen der Revolutionsherbst 1989 begann.

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Zunächst war da die Diskussion im Malzhaus, anlässlich derer Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt schon am Morgen erklärt hatte, Plauen werde im Zusammenhang mit den Ereignissen vom Herbst 1989 zu oft übersehen. „Es war der erste Sieg über ‎die Staatsmacht, Dresden und Leipzig folgten“, sagte sie und fügte hinzu, es gelte darauf aufmerksam zu machen, dass die Mauer vor 30 Jahren „nicht einfach so“ umgefallen sei. „Sie wurde zum ‎Einsturz gebracht von Tausenden Menschen in der damaligen DDR, die ihre Angst ‎abgeworfen hatten.“

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Zahlreiche Deutschlandfahnen prägten am 27.1.1990 im sächsischen Plauen die Demonstration für die deutsche Wiedervereinigung. © Quelle: picture-alliance / dpa

Jung und Alt diskutieren

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Junge und Alte versammelten sich später an verschiedenen Tischen. Sie diskutierten über Umweltschutz 1989 und 2019 – und den Kampf gegen den Rechtsextremismus. Eine junge Frau sagte, sie wolle weder Sozialismus noch Kapitalismus; aber man müsse über ungebremstes Wirtschaftswachstum sprechen. An einem anderen Tisch wurde deutlich, dass das Hauptproblem in Plauen nicht die AfD ist, sondern die Partei Der Dritte Weg, die in der Stadt eine Hochburg hat und als klar rechtsextremistisch gilt.

Am frühen Abend sprachen am Plauener Wende-Denkmal Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Alt-Bundespräsident Joachim Gauck - vor weit über 1000 Menschen. Kretschmer nannte die Revolution den „größten Glücksmoment, den wir in unserer Geschichte erleben durften". Gauck sagte: „Viele Leute sind ermutigt worden durch den Mut der Plauener." Im Übrigen appellierte er an die Versammelten, sie sollten „nicht den Ängsten folgen" und nicht „die Unkultur des Verdrusses zur Nationalkultur erklären; da machen wir nicht mit". Der 79-Jährige sagte stattdessen: „Der Name für die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung."

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Derweil hat Annika Gößl einen ganz eigenen Blick auf das, was vor 30 Jahren in Plauen geschah. Sie wurde nämlich 1988, ein Jahr vorher, geboren – und zwar in Oberfranken – und ist seit drei Jahren Lehrerin in der Stadt. „Bei uns war das in der Schule und im Studium kein Thema; da ging es um bayerische Landesgeschichte“, sagt sie. Nun jedoch ist Gößl mit einem Plauener verheiratet und hat „zum Glück mehr Einblicke“ gewonnen. „Das bedeutet mir wahnsinnig viel und wäre ohne die Wende gar nicht möglich gewesen.“ Die Frau aus Franken zeigt sich überzeugt: „Wir haben eine Verantwortung, das in den Köpfen wach zu halten.“

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