Gauck im Jubiläumsjahr: herausgefordert und angespornt

  • Alt-Bundespräsident Joachim Gauck wird im kommenden Jahr 80.
  • Zweieinhalb Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Amt genießt er es offensichtlich, weniger Rücksicht nehmen zu müssen.
  • Und er setzt sich 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution kritisch mit den Ostdeutschen auseinander.
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Plauen. Ende Juli ist Joachim Gauck buchstäblich ins Wasser gefallen. Der Mann, der vor zweieinhalb Jahren aus dem Amt des Bundespräsidenten schied, unternahm mit seinem Segelboot einen kleinen Ausflug auf der Ostsee – und kenterte. Allerdings blieb der Unfall folgenlos.

Am Montag nahm der 79-Jährige im sächsischen Plauen an zwei Gedenkveranstaltungen in Erinnerung an jene Großdemonstration mit über 15.000 Menschen teil, die ein wesentlicher Baustein der friedlichen Revolution war. Die Plauener erlebten dort einen Mann voll Saft und Kraft.

Nach der Amtsübernahme durch seinen Nachfolger Frank-Walter Steinmeier hatte sich der Pfarrer aus Rostock mit öffentlichen Äußerungen zunächst zurückgehalten. Zuletzt war Gauck dann häufiger in Erscheinung getreten. Dabei äußerte er sich freier als während seiner Amtszeit.

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Folgenlos gekentert

So nannte es Gauck kürzlich im Magazin „Focus“ „bedrohlich“, dass „viele in den linksliberalen Kreisen sehr pauschal alles ablehnen und sogar als Gefahr für die Demokratie verurteilen, was rechts von der politischen Mitte oder rechts von der Union ist“. Er fuhr fort: „Auch linksliberale Meinungsführer müssen lernen zu tolerieren, dass Teile unserer Gesellschaft anders ticken.“

Umgekehrt empfahl der Mecklenburger den Christdemokraten in Thüringen, nach der Landtagswahl am 27. Oktober auch mit der Linken über eine etwaige Koalition zu sprechen. Sie müssten „doch imstande sein, einen Hardcore-Kommunisten, der Mitglied in der Linken ist, zu unterscheiden von einem Ministerpräsidenten, der aus der gewerkschaftlichen Tradition stammt und der doch gezeigt hat, dass er mit einem linken Profil dieser Gesellschaft nicht schadet“, sagte er den Sendern RTL und N-TV. Damit war Bodo Ramelow gemeint. Beides hätte Gauck als Präsident so nicht sagen können. Seinerzeit, so ein Vertrauter, habe eben nicht der Privatmann gesprochen, sondern die Amtsperson.

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In Plauen wandte sich Gauck den Ostdeutschen zu – unüberhörbar kritisch. So sagte er zu Beginn seiner beiden Reden in der vogtländischen Stadt zwar, seit 1989 denke er viel besser über die Sachsen als vorher. Das war halb ernst, halb scherzhaft gemeint. Indes mahnte der Gast die Zuhörer mit Blick auf die AfD, sie sollten „nicht den Ängsten folgen“ und nicht „die Unkultur des Verdrusses zur Nationalkultur erklären“. Und er betonte: „Der Name für die Freiheit der Erwachsenen heißt Verantwortung.“ Freiheit und Verantwortung – das bleibt Gaucks Leitmelodie.

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Bei seinem zweiten Auftritt eine Stunde später stellte Gauck fest, „über große Bevölkerungsgruppen“ sei „plötzlich“ eine „Lust an Führung und autoritärem Gestus“ gekommen. Viele Ostdeutsche hätten ihre Rolle als Staatsbürger nach zwei aufeinander folgenden Diktaturen immer noch nicht gefunden. Kein Zweifel: Joachim Gauck fühlt sich durch das Doppeljubiläum zu 30 Jahren Mauerfall und 30 Jahren deutscher Einheit herausgefordert und angespornt.

Eine Frau, die den Alt-Bundespräsidenten schon länger kennt, sagte am Montag, dieser sei offenkundig „gut drauf“ und müsse weniger Rücksicht nehmen. Sie sagte das mit Zufriedenheit.