Gauck: Manche Ostdeutsche fürchten sich vor der Freiheit

  • Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck sprach in Plauen in Erinnerung an die friedliche Revolution 1989.
  • Er betonte, die politischen Probleme Ostdeutschlands seien auch Folge der DDR.
  • Sie werde noch mindestens eine Generation fortwirken.
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Plauen. Altbundespräsident Joachim Gauck hat beim Blick auf die DDR vor Nostalgie gewarnt. Bei einer Diskussionsveranstaltung im sächsischen Plauen in Erinnerung an die friedliche Revolution 1989 zitierte er die Philosophin Hannah Arendt, die nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekommen sei und einen „loss of reality“ – einen Realitätsverlust – festgestellt habe.

Die Ostdeutschen hätten unter zwei Diktaturen gelebt, sagte Gauck und fügte hinzu: „Wir können den Verlust an Wirklichkeit noch gar nicht ermessen.“

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Deshalb komme nun „plötzlich Lust an Führung und autoritärem Gestus über große Bevölkerungsgruppen“, sagte der 79-Jährige. Diese resultiere letztlich aus „Furcht vor der Freiheit“. Zwar gebe es diese Lust „auch mitten im saturierten Westen“ – in Skandinavien, den Niederlanden oder der Schweiz. Sie sei in Ostdeutschland aber besonders ausgeprägt. Es sei nicht ausreichend klar, dass die Existenz als Staatsbürger immer neu errungen werden müsse.

Lust am autoritären Gestus

Gauck betonte, es habe in der DDR ein „Modell der fortgesetzten Unterdrückung“ gegeben. Und jene, die an dieser Unterdrückung beteiligt gewesen seien, hätten bei ihm alle Sympathie verspielt. „Ihr werdet sie immer verspielt haben – es sei denn, Ihr kommt zur Besinnung“, sagte er. Unterdrückung sei kein Kavaliersdelikt. „Es bleibt ein Angriff auf das, was jedem Demokraten wichtig ist.“

Der ehemalige Präsident sieht vor diesem Hintergrund auch einen stärkeren Widerspruch zwischen Ostdeutschen und Ostdeutschen als zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen. Und er prophezeite: „Wir werden noch mindestens eine Generation Streit über die Vergangenheit haben.“

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