Warum Sport schon immer politisch war

  • Sport ist unpolitisch? Ein fahrlässiger Irrtum. Wie kann etwas, das auf Regeln und gegenseitigem Respekt gründet, etwas anderes sein als politisch?
  • Die großen Verbände jedoch stecken auch da in einer Glaubwürdigkeitsfalle, wie man bei der Fußball-EM gerade erlebt.
  • Wird so die Magie des Sports weiter zerstört?
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Berlin. Der europäische Fußballverband Uefa ist in vollem Lauf in seine eigene Abseitsfalle getappt. Alle Kampagnen gegen Rassismus und Ausgrenzung, mit hashtagfähigen Slogans wie #EqualGame oder #Respect versehen, hätte er sich sparen können.

Glaubwürdig ist die Uefa nach dieser Fußball-EM, insbesondere nach dem Gezerre um die Regenbogenfarben und den Kniefall, nicht mehr.

Das zeigt etwa eine Episode am vergangenen Wochenende in Budapest. In der ungarischen Hauptstadt spielten die Niederländer gegen die Tschechen. Das holländische Team hatte im Vorfeld seine eindeutige Haltung gegen Rassismus und Homophobie herausgestellt, Kapitän Gini Wijnaldum gab zu Protokoll, er fahre mit „gemischten Gefühlen“ nach Ungarn und er werde auf jeden Fall eine spezielle „One Love“-Kapitänsbinde tragen.

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Ungarische Ordner nahmen aber anscheinend niederländischen Fans Regenbogenfahnen ab – diese seien laut Uefa-Regeln „politisch“ und dürften weder in die offizielle Fanzone noch ins Stadion. Die Uefa sah sich zu einer „Klarstellung“ gezwungen: Man habe den ungarischen Verband informiert, dass Regenbogensymbole nicht politisch seien und in Einklang mit der „Equal Game“-Kampagne stünden.

Ein politisches Ziel - als unpolitisch verbrämt

Der Fußballverband gibt sich also ein politisches Ziel, nämlich den Kampf gegen Rassismus und Homophobie, definiert dieses Ziel aber selbst als unpolitisch – und verbietet in München politischen Akteuren, ein Symbol zu nutzen, das im Einklang mit dieser Kampagne steht. Wenn jedoch ungarische Ordner diesem Beispiel nacheifern und Regenbogenfahnen in Schließfächer verbannen, merkt die Uefa, was sie angerichtet hat.

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Hinter den Irrungen und Wirrungen der vergangenen Wochen steckt eine Grundfrage: Ist Sport politisch? Kann die Jagd nach Toren, Titeln, Rekorden frei von Politik geschehen? Mischt sich die politische Sphäre ungebeten in die sportliche Auseinandersetzung ein – oder gehört sie nicht einfach untrennbar dazu?

Zwischen Sprachspielen und Endspielen: Gunter Gebauer ist Philosoph und Fußballexperte.
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„Ich bin entsetzt, wie unprofessionell der Begriff des Politischen von den Verbänden gehandhabt wird“, sagt der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer. „Zu behaupten, Sport sei unpolitisch, ist fahrlässig. Überall, wo Menschen miteinander umgehen, ist Politik im Spiel. Politik ist die Aushandlung, Abmachung, Festlegung und Basis gemeinsamer Regeln und Werte. Der Sport ist sehr stark wertebestimmt. Er beruht auf Frieden und auf Gleichwertigkeit aller Menschen.“

Für Gebauer ist klar: keine Spiele ohne Politik, kein Sport ohne Menschenrechte. Doch die EM-Spiele im Land des antidemokratischen ungarischen Präsidenten Viktor Orbán sind nur ein aktuelles Beispiel. Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 war Wladimir Putins Russland. Die WM 2022 findet im von vielen als Sklavenhalterstaat bezeichneten Katar statt. Die Olympischen Winterspiele 2022 werden in Peking eröffnet.

Der große Sündenfall geschah schon 1936 - und weitere kamen dazu

Und in der Vergangenheit? Der große Sündenfall geschah schon 1936, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) Nazi-Deutschland die Spiele ließ. Die Fußball-WM 1978 wurde im von der Militärdiktatur beherrschten Argentinien angepfiffen. Die Folterungen von Oppositionellen gingen während der Spiele weiter.

Der deutsche Kapitän Berti Vogts sagte laut Medienberichten: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“ Und HSV-Legende Manni Kaltz wird so zitiert: „Ich fahre da hin, um Fußball zu spielen, nichts sonst. Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird. Ich habe andere Probleme.“

Vogts‘ Satz klingt im Ausspruch von Franz Beckenbauer nach, der in Katar „keine Sklaven“ gesehen haben will – „die laufen da alle frei rum“. Und Kaltz verkörpert den Typus des maximal unbedarften Profis, der sich von Politik fernhält und gerade dadurch politisch agiert. Heute gelten andere Anforderungen, und Kaltz hätte wohl mindestens einen Shitstorm abbekommen.

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Ungarn: Proteste gegen Orbáns LGBTQ-Gesetz
0:58 min
Ministerpräsident Orbán will alle Bücher und Filme für Kinder und Jugendliche verbieten, die eine andere Sexualität zeigen als die heterosexuelle.  © Reuters

Heute können Profis beim Publikum punkten, wenn sie wie der Holländer Wijnaldum und Deutschlands Torhüter Manuel Neuer Botschaften über ihre Kapitänsbinden transportieren. Wenn sie, wie der ungarische Torwart Péter Gulácsi, darauf hinweisen, dass Offenheit außerhalb seines Heimatlands ein Wert ist, den er nicht mehr missen will.

Wenn sie, wie der deutsche Torschütze Leon Goretzka gegen Ungarn, der von Rechtsextremen durchsetzten ungarischen Kurve ein Herzchen zeigen. Küsst die Faschisten, wenn ihr trefft.

Nach dem Tor zum 2:2 gegen Ungarn zeigt der deutsche Nationalspieler Leon Goretzka der ungarischen Kurve ein Herz. © Quelle: imago images/Eibner

Gebauer lobt die „starken Symbole“ auf dem Rasen. Er sagt: „Einige Länder und Profis kehren jetzt wieder zu den fundamentalen Werten zurück.“ Global gesehen jedoch fällt sein Urteil resignativer aus. „Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, die diese Werte nicht beachten und dennoch Weltmeisterschaften und Olympische Spiele ausrichten“, stellt er fest.

„Das kritisiere ich seit Jahren an den globalen Sportverbänden: Sie setzen ihre eigenen Regeln nicht gegenüber Autokraten durch. Wahrscheinlich kennen sie diese Regeln noch nicht einmal. Wenn ein Land wie China eine ethnorassistische Politik gegenüber den Uiguren betreibt, dürfte es keine Olympischen Spiele ausrichten. Wenn ein Autokrat wie Viktor Orbán Homosexuelle diskriminiert, dürfte Ungarn keine EM-Spiele ausrichten. Wenn die Stadien in Katar mit Sklavenarbeit gebaut werden, wenn dort Homosexualität mit Gefängnis bestraft wird, dürften sie keine WM ausrichten. Sie alle widersetzen sich den Grundlagen des Sports.“

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Die Verbände und die Autokraten – eine lukrative Beziehung

Doch alle machen mit – damit die Kassen klingeln. Die Uefa setzt London unter Druck, um im Finale am 11. Juli ein volles Wembley-Stadion zeigen zu können, Delta-Variante hin oder her. Budapest stehe als Ersatz bereit. Die britische Premier Boris Johnson knickte ein. „Autokraten und Populisten sind den Verbänden lieber, weil sie auf ihre Forderungen eingehen“, so Gebauer.

Doch die Welt ist gespalten, und das Kapital ebenfalls. An der Bandenwerbung in den EM-Stadien ist es gut zu erkennen. Westlich geprägte Konzerne wie Volkswagen kolorieren ihre Anzeigen regenbogenfarben, chinesische Konzerne schauen auf den Heimatmarkt und lassen chinesische Schriftzeichen durch Europa flimmern.

„Die Verbände leugnen einen politischen Kampf, weil sie in der Zwickmühle sind“, sagt Timm Beichelt, Professor für Europa-Studien an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) und Autor des Buches „Ersatzspielfelder“. Er sagt: „Sie stellen sich hinter ein möglichst unverfängliches Motto, weil auch längst nicht alle ihrer Mitglieder Werte wie Antirassismus oder Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten teilen. In Demokratien leiten sich diese wenigstens im Prinzip aus den Geboten der Menschenrechte und der politischen Gleichheit ab. In der Fifa und dem IOC sind aber die westlich geprägten Demokratien in der Minderheit, und auch die Uefa ist gespalten.“

Rassismus ist schlecht fürs Geschäft

Rassismus jedoch ist im Spitzensport vor allem eines: schlecht fürs Geschäft. Bei Homophobie sieht das zynischerweise anders aus. Ein schwarzer Profi kann sich nicht verstecken. Ein schwuler Profi, der sich outete, zerstört immer noch seinen Marktwert, weil Vereine fürchten, dass die Kurve ihn nicht akzeptiert.

Wie geht es weiter im globalen Sport? Ausgerechnet Skeptiker Gebauer macht vorsichtige Hoffnung. Er verweist auf die „guten“ Spiele, die es auch gab: München 1972, die Feier eines demokratischen, entspannten Westdeutschlands – überschattet indes durch das Attentat auf die israelische Delegation. Barcelona 1992, eine Belohnung für die Rückkehr eines Landes zur Demokratie. Die nächsten Sommerspiele sind ebenfalls autokratenfrei: Tokio, Paris, Los Angeles, Brisbane.

Doch das große Geld ist schon seit mehr als 40 Jahren untrennbar mit den großen Spielen verbunden. 1980 wurde Juan Antonio Samaranch IOC-Präsident. Er setzte den Plan von Adidas-Erbe Horst Dassler um, über den Handel mit Übertragungsrechten ein Multimillionengeschäft anzuzapfen. Die Korruption folgte sofort.

Und ebendiese Korruption, Intransparenz und die Verlockung durch das Geld von Autokraten nehmen den Sportverbänden weiterhin alle Glaubwürdigkeit. Olympia hat bereits viel von seiner Kraft eingebüßt. Dem Fußball könnte Ähnliches drohen, warnt Beichelt.

„Er könnte dadurch seine Authentizität verlieren. Er würde zu einem reinen Spektakel. Er verliert dann nicht nur Zuschauer, sondern vor allem seine Bedeutung als gesamtgesellschaftliches, transnationales und identitätsstiftendes Projekt.“

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