Ein Spiel gegen den Corona-Blues

  • Die Idee, wenige Wochen nach dem monatelangen Lockdown ein europaweites Fußballfest zu feiern, mutet etwas seltsam an.
  • Doch womöglich ist die EM genau das kleine Wagnis, das die Menschen jetzt brauchen.
  • Der Trend der fallenden Inzidenzen muss durch fallende Tore an der richtigen Stelle flankiert werden, kommentiert Dirk Schmaler.
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Für manche wird diese Nachricht noch eine Überraschung sein: Am Freitag, mit einem Jahr Verspätung, beginnt tatsächlich die Fußball-Europameisterschaft. Nie in den vergangenen Jahrzehnten, in denen der Fußball selbst ja zur allgegenwärtigen globalen Marketingkampagne ausgewachsen ist, kam ein großes Turnier leiser über uns als in diesem Jahr.

Die Mannschaften, die Fans, die Sponsoren, sogar die Werbetreibenden – sie alle blicken mit einer gewissen Distanz auf diese seltsam anmutende Idee, wenige Wochen nach dem monatelangen Lockdown nun plötzlich ein europaweites Fußballfest zu feiern, dem die Uefa trotzig den Namen Euro 2020 verpasst hat.

Das Turnier könnte die Stimmung nachhaltig verändern

Das Gute ist: Die Euro 2020 findet eben nicht im Corona-Katastrophenjahr 2020 statt, sondern im Sommer 2021. Und es kann gut sein, dass man in einem Monat auf dieses so unpässlich über uns gekommene Turnier sagen wird, dass es das Land, womöglich sogar den Kontinent, ein Stück weit befreit hat. Befreit aus dem Aufmerksamkeitskreislauf aus Impfstatistiken, Inzidenzzahlen und Klinikbettenbelegungen, aus der anhaltenden Unsicherheit darüber, dass niemand so ganz genau weiß, ob wir gerade dem Ende der Pandemie entgegengehen oder doch der vierten Welle.

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Und vielleicht auch befreit von der schlichten Angst um Leib und Leben, die vielen nach anderthalb Jahren Todeswarnungen noch tiefer in den Knochen steckt, als es ihnen selbst bewusst ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Fußballturnier die Stimmung im Land nachhaltig verändert.

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Der Zeitpunkt zumindest ist günstig. Das Virus war nie so schwach wie heute. Es ist nicht weg, aber die Impfungen lassen die Hoffnung zu, dass die Zeit der harten Isolation wirklich hinter uns liegt. Ein Fußballturnier ist nun womöglich genau das kleine Wagnis, was helfen kann, auch innerlich den Lockdown zu beenden.

Bringt die Fußball-EM bisschen Normalität zurück?

Der zögerliche, emotional unterkühlte Start in dieses Turnier muss dafür nicht schlecht sein. Er ist sogar authentischer als viele überzogene DFB-Marketingaktionen der vergangenen Jahre. Im besten Fall ertasten Mannschaft und Publikum in den nächsten vier Wochen gemeinsam einen Weg aus der Pandemie. Die Fußballer zeigen, dass man sich wieder mit dem gebotenen Ernst einem simplen Spiel widmen kann. Und die Zuschauer lernen, dass nicht mehr jede soziale Zusammenkunft ein Frevel ist. Der Fußball, der sich in den vergangenen Jahren – und in der Pandemie noch beschleunigt – so rasant von seinem Publikum entfernt hat, könnte seine alte Funktion noch einmal ausspielen und zumindest für ein wohltuendes, kollektives Aufatmen sorgen. Es muss ja nicht gleich ein neues Sommermärchen sein. Ein bisschen Normalität würde den meisten ja schon reichen.

Dafür muss allerdings einiges zusammenpassen. Die Corona-Situation ist nicht in allen der elf Spielorte in elf Ländern gleichermaßen beruhigend. Es wird deshalb auch darum gehen, die Probe in neuer Lockerheit nicht mit Leichtsinn zu verwechseln – zumal ja auch in den Stadien wieder Zuschauer zugelassen sind. Auch unter den Sportlern gibt es weiterhin Corona-Fälle, etwa in der spanischen Mannschaft. Das alles birgt Risiken, die EM kann, wie alles in dieser Zeit, jederzeit vom Virus gestoppt werden. Noch immer.

Schließlich muss der Trend der fallenden Inzidenzen zudem durch fallende Tore auf der richtigen Seite flankiert werden. Am Ende hängt es auch an der deutschen Mannschaft, ob dieses Turnier helfen kann, den Corona-Blues zu überwinden. Entscheidend ist auf’m Platz, sagt man im Fußball. Das gilt im Sommer 21 nicht nur für den Fußball selbst, sondern ein Stück weit auch für die Stimmung im Land.

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