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Gehen oder Bleiben?

Für Ostukrainer an der Front tickt die Uhr

Eine Familie kehrt in ihre durch russischen Beschuss beschädigte Wohnung in Kramatorsk zurück, um ein paar Habseligkeiten zu holen. Die Regierung hat die Bewohner aufgefordert, die Region Donezk angesichts der russischen Offensive zu verlassen, da sie sich auf den Herbst und Winter vorbereiten und befürchten, dass viele Menschen dort keinen Zugang zu Heizung, Strom oder sogar sauberem Wasser haben werden.

Kramatorsk. Maryna Hawrysch hält mühsam die Tränen zurück, als sie einer Gruppe von Freiwilligen hilft, ihre Eltern in einen Kleinbus zu setzen - zur Evakuierung aus Kramatorsk nahe der Front im Ukraine-Krieg. Ihr 84-jähriger Vater, Viktor Mariucha, wird auf einer Trage aus dem Haus gebracht, ihre gehbehinderte Mutter Lidia, 79 Jahre alt, auf beiden Seiten von Helfern gestützt.

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Die Eheleute haben über Jahrzehnte hinweg hier gelebt, und jetzt verlassen sie ihr Zuhause, um sich auf die Reise in ein Pflegeheim in der westlichen Ukraine zu machen. Ihre Tochter bemüht sich um tröstende Worte, aber als sich die Schiebetüren des Fahrzeuges schließen, brechen die Dämme. „Ich weiß, dass das hier das letzte Mal ist, dass ich sie jemals sehe“, schluchzt Maryna, die sich entschlossen hat, mit ihrem Mann in Kramatorsk zu bleiben, um dort weiter zu arbeiten. „Du siehst ihr Alter, ich kann sie nicht angemessen pflegen.“

Ich weiß, dass das hier das letzte Mal ist, dass ich sie jemals sehe.

Maryna Hawrysch, Bewohnerin in Kramatorsk

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Die Abreise der Eltern mit Unterstützung einer ukrainischen Hilfsgruppe erfolgt wenige Tage nach einer Anordnung von Präsident Wolodymyr Selenskyj an alle noch verbliebenen Einwohner in der umkämpften Region Donezk, sich so schnell wie möglich vor den näher rückenden Russen in Sicherheit zu bringen. Je mehr Leute jetzt das Gebiet verließen, desto weniger Gelegenheit zum Töten gebe es für die Angreifer, sagte Selenskyj.

Präsident Wolodymyr Selenskyj: Bevölkerung soll Donezk verlassen

Die Ukraine hat nach Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj die Zwangsevakuierung der Menschen in der umkämpften östlichen Region Donezk beschlossen.

Und ist es im August in der Ostukraine noch warm, laufen bei den Behörden bereits die Vorbereitungen auf die kalten Herbst- und Wintermonate. Dann, so befürchten sie, könnten viele der etwa 350.000 Einwohner, die sich dann noch in der Region aufhalten, keinen Zugang zu Heizung, Elektrizität und vielleicht sogar sauberem Wasser haben.

Groß angelegte Zwangsevakuierung

Nach Angaben der stellvertretenden ukrainischen Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk traf am vergangenen Dienstag ein Zug mit Flüchtlingen aus Donezk in der Zentralukraine ein, der Beginn einer Aktion, die von den Behörden als Zwangsevakuierung bezeichnet wird - mit dem Ziel, bis zum Herbst 200.000 bis 220.000 Menschen aus der Provinz zu holen.

In den Ausläufern von Kramatorsk - häufig unter russischem Beschuss - haben Freiwillige einen Sammelpunkt für Flüchtlinge eingerichtet, die dann von dort aus zum 85 Kilometer entfernten Bahnhof in Pokrowsk gebracht werden, der nächstgelegenen Bahnstation, die in Betrieb ist.

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Die 87-jährige Valentyna Abramanowska trägt nur eine Schwarz-Weiß-Fotografie bei sich, als sie mühsam den Kleinbus nach Pokrowsk besteigt. Das Bild, das ihre Mutter und Schwester zeigt, wurde vor fast 50 Jahren am Asowschen Meer aufgenommen - ein kostbares Stück Vergangenheit, das sie mitnimmt. „Gott helfe mir, Gott helfe mir“, sagt sie und bekreuzigt sich mit zitternden Händen. „Ich glaube, ich werde verrückt.“

Valentyna Abramanovska hält ein Schwarz-Weiß-Foto ihrer Mutter und ihrer Schwester in der Hand, das vor fast 50 Jahren aufgenommen wurde, während sie aus einer Kirche gebracht wird, um einen Zug in einen sichereren Teil des Landes im Westen zu besteigen.

Valentyna Abramanovska hält ein Schwarz-Weiß-Foto ihrer Mutter und ihrer Schwester in der Hand, das vor fast 50 Jahren aufgenommen wurde, während sie aus einer Kirche gebracht wird, um einen Zug in einen sichereren Teil des Landes im Westen zu besteigen.

Abramanowska erzählt von den Bombardierungen ihres Dorfes, „ein Albtraum“, wie sie sagt. Ihre Tochter habe sie dazu überredet, die Heimatregion zu verlassen. Die Ukrainerin hat nach eigenen Angaben noch Kindheitserinnerungen, an die deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg die Ukraine besetzt hielten. Aber für sie sind die russischen Bombardierungen in Donezk eine schlimmere Erfahrung. „Sie sind Bestien, Schakale. Gott vergebe mir, was ich sage“, erklärt Abramanowska. „Wie ist es möglich? Sie töten Kinder.“

Sie sind Bestien, Schakale. Gott vergebe mir, was ich sage.

Valentyna Abramanowska, Ukrainerin

Aber haben sich manche wie sie dafür entschieden, der Anordnung der Regierung zu folgen, sind andere zum Bleiben entschlossen. Dazu zählt Nina Grandowa. Ihre Wohnung im dritten Stock eines Hauses in Kramatorsk kam im Juli unter russischen Beschuss und wurde beschädigt, und ihr behinderter Ehemann Juri lebt seit Beginn der Invasion am 24. Februar im düsteren Keller des Gebäudes. Trotz aller Härten hat Grandowa bereits damit begonnen, draußen Holz einzusammeln - für Feuer zum Kochen während der Wintermonate.

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Nina Grandova besucht ihren behinderten Ehemann Jurij im Keller des Hauses, in dem er seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 lebt. Sie sagte, im Keller sei es für ihn sicherer, da er nicht jedes Mal, wenn die Sirenen ertönen, die vier Stockwerke ihrer Wohnung hinabgehen kann. «Ich kann nirgendwo hin, ich muss mich um meinen Mann kümmern», sagte sie. «Was passieren wird, wird passieren.»

Nina Grandova besucht ihren behinderten Ehemann Jurij im Keller des Hauses, in dem er seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 lebt. Sie sagte, im Keller sei es für ihn sicherer, da er nicht jedes Mal, wenn die Sirenen ertönen, die vier Stockwerke ihrer Wohnung hinabgehen kann. «Ich kann nirgendwo hin, ich muss mich um meinen Mann kümmern», sagte sie. «Was passieren wird, wird passieren.»

Die Ostukrainerin ist nach eigenen Angaben bereit, ein von den Behörden verlangtes Dokument zu unterzeichnen, mit dem Inhalt, dass jene, die bleiben, für ihr eigenes Leben verantwortlich sind. „Ich habe nichts, wohin ich gehen könnte. Ich muss für meinen Mann sorgen“, sagt Grandowa. „Was kommt, kommt.“

Derweil steigen im Bahnhof Pokrowsk Hunderte Flüchtlinge in einen Zug, um sich auf eine mehrere Stunden lange Reise nach Dnipro zu machen. Auf dem Bahnsteig wartet eine Frau mit ihrer kleinen Tochter, bis sie an der Reihe ist. Die Bombardierungen und die Furcht vor einem Winter ohne Heizung hätten sie zum Fliehen bewogen, schildert die junge Mutter aus der östlichen Stadt Bachmut. „Wir hatten schon Probleme mit Strom und kein Gas, und so glaube ich, dass Familien mit Kindern die ersten sind, die weggehen.“

Nur Augenblicke, bevor sich der Zug in Richtung Westen in Bewegung setzt, durchdringt das Heulen einer Luftschutzsirene den Bahnhof.

RND/AP

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