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Frühere DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier: “Wir sind ein Volk geworden”

  • Die Autorin, Regisseurin und frühere DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier blickt versöhnlich auf die deutsche Einheit.
  • Das Land sei in den vergangenen 30 Jahren zusammengewachsen, sagt sie - beklagt aber auch das Desinteresse im Westen und die Probleme mit der extremen Rechten im Osten.
  • Und sie spricht über ihre verhinderte Karriere als Politikerin.
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Berlin. Frau Klier, Ihr neues Buch heißt “Wir sind ein Volk! Oder?”. Sind Sie sich nicht ganz sicher, was wir sind?

Der erste Teil des Titels bezeichnet eine Tatsache, mit Ausrufezeichen. “Wir sind ein Volk!”, das sind wir in den vergangenen 30 Jahren geworden. Der zweite Teil, das “Oder?”, bezeichnet den leisen Zweifel, der daran bei manchen noch besteht.

Woran würden Sie diese Zweifel festmachen?

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Ich war jetzt gerade wieder viel in Westdeutschland unterwegs und hörte dort von vielen Leuten, dass sie eigentlich auch wieder gern ohne die Ostdeutschen leben könnten. Als vergangenes Jahr von interessierter Seite wieder eine Treuhanddebatte losgetreten wurde, damit die Ostdeutschen wieder Opfer des Westens sein sollten, hat man im Westen nur noch gestöhnt.

Weil man im Westen nichts mehr von den Härten der Deindustrialisierung, nichts mehr vom Treuhandtrauma wissen wollte?

Das ist alles eine einzige Lüge: Die Treuhand bestand immer mehrheitlich aus Ostdeutschen. Außerdem haben die DDRler ihre eigenen Produkte nicht mehr gekauft.

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Dennoch wird die Treuhand immer wieder genannt, stellvertretend für alle Schmerzen der Umbruchzeit.

Auch, um eigene Verantwortung auszulagern. Die Treuhand als westlicher Sündenbock wurde immer von der PDS, der späteren sogenannten Linkspartei, genutzt, um Wähler zu mobilisieren. Und jetzt macht die AfD dasselbe und schiebt der Treuhand in Ostdeutschland alle Schuld an der Deindustrialisierung zu. Das “Oder?”, dieser Zweifel an der Zusammengehörigkeit, ist im Osten größer, weil der Zweifel immer wieder geschürt wird. Im Westen schürt den keiner.

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Im Westen herrscht Desinteresse.

Das steht ganz weit oben. Wer keine Verwandten im Osten hatte, wer vielleicht am Bodensee oder im Rheinland wohnt, für den war und ist die ehemalige DDR weit entfernt. Das muss man auch ernst nehmen.

Sie haben eine einzigartige Ost-West-Biografie. Sie waren in der DDR als Regisseurin und Bürgerrechtlerin bekannt, wurden 1988 in den Westen abgeschoben und sind seit 1990 viel in beiden Landesteilen unterwegs. Kam die staatliche Einheit am 3. Oktober 1990 zu schnell?

Es gab natürlich die Angst, etwas übergestülpt zu bekommen. Ich hatte 1990 Kontakt zu den hessischen Grünen. Als die Volkskammerwahlen in der DDR anstanden, haben die gesagt: Wir wollen uns nicht in die Belange der DDR-Bürger einmischen, aber wir unterstützen gerne die Bürgerrechtler mit Kopierern, mit Geräten, mit Geld. Ich habe Bärbel Bohley vom Neuen Forum angerufen. Die Antwort war: “Wir nehmen nichts aus dem Westen.” Das entstand aus einer Unsicherheit, dass man nicht gleich wieder alimentiert und fremdbestimmt werden wollte. Dabei wollten sich die West-Grünen gar nicht einmischen, sondern nur unterstützen.

Andere Parteien hatten diese Berührungsängste nicht. Die Wahl am 18. März 1990 war eine Abstimmung für die schnelle Einheit. Die Menschen wählten die CDU von Helmut Kohl, obwohl der gar nicht auf dem Stimmzettel stand.

Kohl war der Handlungsmensch. Kohl hat das Ruder rumgerissen, zusammen mit Gorbatschow. Es musste jemand handeln in dieser Zeit.

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Sie wären 1990 fast selbst Politikerin geworden. Wie kam es dazu?

1990 erschien mein Buch “Lüg Vaterland. Erziehung in der DDR”. Bei der Arbeit dazu war mir klar geworden, dass sich West- und Ostdeutsche nicht mehr ohne Weiteres verstehen konnten, durch die 40 Jahre währende unterschiedliche Sozialisation. Ich fand, wir brauchen nach der staatlichen Vereinigung ein Begegnungsprogramm. Mit der Idee bin ich erst zu CDU und FDP gegangen. Die antworteten mir: Wir müssen jetzt zunächst die Wirtschaft voranbringen. Die hessischen Grünen waren aber interessiert und wollten mich für den Bundestag aufstellen. Ich habe zugestimmt unter der Bedingung, dass ich mich um das Programm kümmere und nach vier Jahren wieder aufhöre.

Und was passierte dann?

Ich bekam den Werra-Meißner-Kreis, wo Hessen und Thüringen aufeinanderstoßen. Bei der Wahl bekam ich 5 Prozent, die Grünen im Westen aber scheiterten knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. Ich bin dann noch zweimal von der CDU gefragt worden, habe aber für die Politik endgültig abgesagt. Ich wollte nicht in Sitzungen herumsitzen, sondern schöpferisch arbeiten. Ich bin parteilos und froh, dass ich unabhängig geblieben bin. Aber ich bin Fan von Angela Merkel.

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Warum wird die Ostdeutsche Merkel besonders heftig von Ostdeutschen kritisiert? Die Abgrenzung “sie ist keine von uns” fällt ja häufig.

Das Problem ist: Sie war immer eine von uns, nämlich von uns Bürgerrechtlern. Merkel setzt sich bis heute für Bürgerrechtler ein, sei es in Russland oder China, bis hin zu Nawalny. Sie ist einfach gut. Und was heißt “keine von uns Ostdeutschen”? Wir sind ja auch nicht alle einheitlich.

Überrepräsentiert ist der Osten nach wie vor bei rechtsextremen Übergriffen und der Zustimmung zur AfD. Woran liegt das?

Ich habe 1987 an der Zionskirche in Berlin-Prenzlauer Berg gesehen, wie Neonazis Punker attackierten. Neonazis waren in der DDR ab Anfang der Achtzigerjahre sichtbar. Die Staatsorgane mochten sie, weil sie akkuraten Kurzhaarschnitt trugen, deutschen Omas über die Straße halfen und pünktlich zur Arbeit gingen. Die Punker hingegen waren bei der Volkspolizei verhasst. An dem Tag feierten die Neonazis in der Gaststätte Sputnik den Abschied eines Kameraden, der sich zehn Jahre als Berufsunteroffizier zur Nationalen Volksarmee verpflichtet hatte. Die NVA war beliebt bei den Neonazis, die waren alle sehr waffenaffin. Sie feierten also bei gestrecktem Arm und Nazi-Liedern, keiner von den anderen Gästen hat was gesagt. Dann zogen sie in Marschformation zur Zionskirche und prügelten los.

Sehen Sie eine direkte Linie von der Duldung der Neonazis in der späten DDR bis zur Etablierung der radikalsten Kreise der AfD als Volkspartei im heutigen Ostdeutschland?

Teilweise ja, aber intern. Der Republikaner-Chef Franz Schönhuber fand die DDR ja auch das bessere Deutschland – ausländerfrei und ein ordentlicher Stechschritt.

Und später kamen Götz Kubitschek, Björn Höcke und andere aus dem Westen und fanden vor allem im ländlichen Osten ihre nationale Idylle.

Ja, aber jetzt haben sie es übertrieben. Daraus wird nichts mehr. Die AfD wird ihre Erfolge auch im Osten nicht wiederholen können.

Warum? Und warum konnte sie im Osten überhaupt so stark werden?

Weil ihre reißerischen Parolen im Osten für eine gewisse Zeit gut angekommen sind. Die Leute maulen gerne rum. Die DDR hat schon vor dem Mauerbau fast ihre gesamte kritische Intelligenz verloren, nach dem Mauerfall sind erneut viele weggegangen. Der Diskurs stimmt nicht mehr, wenn vor allem die Mauler mit ihren Stammtischparolen dasitzen. Von der sogenannten Linkspartei sind viele Leute rübergegangen zur AfD, weil die ihre Stimmung ansprach.

Und jetzt zieht dieser Populismus nicht mehr?

Ich glaube nicht, dass die AfD bei den Wahlen im kommenden Jahr ihre Erfolge wiederholen kann. Sie hat auch bei den jungen Leuten an Zustimmung verloren.

Bei den U-18-Wahlen in Sachsen vor einem Jahr landete die AfD hinter den Grünen auf dem zweiten Platz.

Bekannte von mir sind in die Sächsische Schweiz gezogen, der Mann ist Lehrer. Er sagt: Im Ort gibt es nichts anderes mehr als AfD. Die Eltern sind AfD, die Lehrer und die Kinder dann logischerweise auch. Wer sich dort einer anderen Partei annähert, fühlt sich unwohl. Solche Regionen gibt es auch.

Ihr Begegnungsprogramm von 1990 wurde nicht umgesetzt. Brauchen wir das heute noch zwischen Ost- und Westdeutschland? Viele Westdeutsche waren bis heute nicht im Osten.

Die könnten schon mal hinfahren. Der Osten hat so schöne Städte, so schöne Landschaften. Und die Menschen sind inzwischen auch nett. So wie umgekehrt auch.

War das mal anders?

Ich würde schon sagen, dass wir ein Volk geworden sind, dass wir zusammengewachsen sind. Es gab und gibt immer mal wieder Rückschläge, je nachdem, wie die wirtschaftliche und politische Situation gerade ist. Trotzdem sind sich viele ähnlich geworden. Bayern und der Norden sind viel unterschiedlicher als Ost und West, würde ich sagen.

Haben die 30 Jahre einfach die Unterschiede verwischt?

Die Menschen in der DDR wurden gedrillt, das ist verschwunden. Das ging mit der Kinderkrippe los. Die Frauen mussten arbeiten, dann einkaufen, sauber machen. Dann holten sie ihr Kind ab, sie waren müde und überlastet, brüllten das Kind an. Es wurde sehr viel gebrüllt und geschlagen in der DDR. Das mag es im Westen auch gegeben haben, aber im Osten kam die Diktatur dazu. Diese Prägung, die ich so furchtbar fand in der DDR, die gibt es nicht mehr. Das ist jetzt alles weg, Gott sei Dank. Die Leute sind ruhiger und freundlicher geworden, habe ich das Gefühl.

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