Fridays for Future: Wie radikal darf der Klimaprotest sein?

  • Der globale Klimastreik am Freitag wird größer als alles, was Fridays for Future bisher auf die Beine stellte.
  • Er könnte den Start zu einem heißen Herbst markieren.
  • Doch die Widersprüche innerhalb der Klimagerechtigkeitsbewegung werden größer – und die Sympathien könnten schnell verspielt sein.
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Berlin. Am lautesten hupt ein asiatischer Geschäftsmann in seinem SUV. Irgendwann gibt auch er auf. Hier kommt nur noch die Straßenbahn durch. Ihre Gleise liegen auf dem Mittelstreifen der Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain. Die Autospuren sind blockiert von gut drei Dutzend Protestierenden mit Fahnen, Masken und Flaggen. Auf ihnen ist ein X in einem Kreis zu sehen. Es könnte auch eine Sanduhr darstellen, die obere und die untere Seite sind geschlossen. Doch die Sanduhr ist leer. Die Zeit scheint abgelaufen.

Es ist das Zeichen von Extinction Rebellion (XR, „Aufstand gegen das Aussterben“), der Schwester von Fridays for Future, dem anderen weltweiten Arm der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung, wie sie sich neuerdings nennt. Das Zeichen prangte auch auf dem Megafon, das Greta Thunberg vergangene Woche vor dem Weißen Haus benutzte. Die Klimaprotestbewegung mischt sich, sie differenziert sich aus – und sie bekommt immer radikalere Ränder.

Allein in Deutschland wird in mehr als 500 Städten demonstriert, an so vielen Orten wie noch nie seit dem Beginn der Proteste 2018. Gewerkschaften, Unternehmer, Wissenschaftler – eine unübersehbare Zahl gesellschaftlicher Gruppen ruft zum Protest auf. Es wird einen weißen Block von Klinikpersonal geben und einen schwarzen Block, dessen Teilnehmer allerdings Anzüge tragen und zum Unternehmernetzwerk Entrepreneurs for future gehören. Mehrere Hunderttausend Teilnehmer werden insgesamt erwartet. Global nehmen 129 Länder teil.

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Der Verfassungsschutz wird vor Ort sein

Und auch der Verfassungsschutz wird vor Ort sein: In Hamburg und Niedersachsen warnte der Inlandsgeheimdienst vor der Zusammenarbeit der von der Behörde beobachteten Interventionistischen Linken (IL) mit den Klimademonstranten. Es gehe ihnen um die „Scharnierfunktion linksextremistischer Gruppen an das bürgerliche Spektrum, um dieses anschließend zu radikalisieren“, warnte der Hamburger Verfassungsschutz.

Neu ist das nicht: Als Greta Thunberg im März in Hamburg sprach, hatte sich auch Emily Laquer von der IL in die Nähe der Schwedin gedrängt – das Gesicht der G20-Proteste von 2017. Ihre Strategie: Vom Klimaschutz zur Kapitalismuskritik ist der Weg kurz, viele bräuchten vielleicht nur einen kleinen Anstoß.

Doch die neue Protestgeneration ist wach genug, um alte Gefahren zu vermeiden. „Kapitalismus? Bitte nicht wieder dieser langweilige Diskurs, in altbekannten Lagern“, sagt Sina Kaufmann auf dem Asphalt der Warschauer Straße.

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Sie hat das „Handbuch“ von Extinction Rebellion herausgegeben, ein neon-pinkes Pamphlet mit dem Titel „Wann wenn nicht wir*“. Die 33-jährige Schriftstellerin spricht lieber von „toxischen Strukturen“. Darunter kann vom Persönlichen bis zum Politischen jeder verstehen, was ideologisch genehm ist.

Sina Kaufmann von "Extinction Rebellion".
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Auf dem Pflaster der Warschauer Straße singen die selbsternannten Rebellen nun umgedichtete Widerstandslieder, „Rebella ciao“ etwa oder „Von der blauen Erde kommen wir, unser Klima stirbt genauso schnell wie wir“. Sie sind ruhig und höflich, die protesterfahrene Berliner Polizei ist es auch. „Bitte setzen Sie die Kundgebung auf dem Gehweg fort“, fordern die Beamten in Einsatzmontur. „Wir sitzen hier auch für Ihre Zukunft“, antworten Kaufmann und ihre Mitstreiter. „Die Polizei ist nicht unser Feind“, sagen die XR-Aktivisten. Autofahrer sollen mit Keksen und guten Worten besänftigt werden.

Nach 45 Minuten gehen die selbsternannten Rebellen zur Seite, nur einer lässt sich von den Beamten wegtragen. Ähnlich ruhig endete schon im Juni eine Aktion, bei denen sich 30 Aktivisten mit ihren Hälsen an den Zaun des Kanzleramts ketteten. Nach einigen Stunden beendeten Polizisten mit Bolzenschneidern die Aktion, auch damals blieben alle Beteiligten ruhig und respektvoll.

„Die Hauptstädte lahmlegen“

Umso extremer ist ihre Rhetorik. „Fridays for future hat wenig bewegt, außer das Klimathema auf den Tisch zu bringen. Jetzt müssen wir aufstehen und rebellieren“, sagt einer der Straßenblockierer. Der Londoner XR-Gründer Roger Hallam ruft zum „zivilen Widerstand“ auf, 50.000 Menschen pro Land sollen mit Straßenbesetzungen, Anketten, Festkleben und Sitzstreiks die Hauptstädte lahmlegen.

Vergangene Woche wurde er festgenommen, weil er angekündigte hatte, mit Drohnen den Flugverkehr in Heathrow zum Erliegen zu bringen. In Berlin soll der Stillstand bei einer Aktionswoche am dem 5. Oktober probiert werden. Auch am Freitag rufen in Berlin, Hamburg und anderswo Bündnisse dazu auf, im Anschluss an die Demos den Berufsverkehr lahmzulegen.

Ist der gigantische globale Klimastreik am Freitag nur der Auftakt zu einem heißen Herbst? Und besteht die Gefahr, dass die radikalen Teile der Bewegung die Sympathien verspielen, die Fridays for future in großen Teilen der Bevölkerung erworben haben? Um es sarkastisch zu formulieren: Gegen Jugendliche mit Pappschildern, die Freitagmittag um dem Block ziehen, kann eigentlich nur die AfD etwas haben. Wenn deren wütende Geschwister aber den Weg in den Feierabend blockieren, könnte die Stimmung bei den autofahrenden Bürgern ganz schnell kippen.

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Der Anfang eines heißen Herbstes

Luisa Neubauer weiß, wie heikel und gleichzeitig entscheidend die Situation vor dem gigantischen Streik-Freitag ist. Die 23-jährige Studentin ist das Gesicht von Fridays for Future in Deutschland. Sie ist gefragte Gesprächspartnerin in Talkshows und Streitgesprächen von Politiker, Wirtschaftsbossen, Verlegern. Ihre Rolle kann es nicht sein, sich irgendwo anzuketten. Kurz vor dem Aktionstag besucht sie das Hauptstadtbüro des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), aufgekratzt und erwartungsvoll vor dem vielleicht entscheidenden Tag – und gleichzeitig radikaler denn je in ihrer Wortwahl.

Die deutsche Klimaschutz-Aktivistin Luisa Neubauer. © Quelle: imago images / Stefan Trappe

Das Klimakabinett der Bundesregierung wird erste Maßnahmen vorstellen, die Regierung wird sagen, sie habe auf den Druck der Straße reagiert. Doch die Beschlüsse werden auf keinen Fall ausreichen, um die zentrale Forderung von Fridays for Future zu erfüllen: Die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens und des 1,5-Grad-Ziels.

„Das Idealszenario wäre, das Klimakabinett käme wirklich in die Gänge“, sagt sie, aber darauf wagt sie eigentlich nicht zu hoffen. „Die nächstbeste Möglichkeit wäre, dass am Freitag Hunderttausende aufgeklärte Menschen auf die Straße gehen und ernsthaft infrage stellen, wie es sein kann, dass sie immer noch von ihrer Regierung hingehalten werden, obwohl klar ist, was gemacht werden kann und wie.“

„Wir entfesseln gesellschaftliche Kräfte“, sagt Luisa Neubauer

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In Neubauers Planung wird der Freitag nicht der Endpunkt der Bewegung sein, sondern sehr wahrscheinlich der Beginn eines heißen Klimaherbstes. „Der Druck ist gigantisch und wird nicht weggehen“, sagt sie. „Wir entfesseln gesellschaftliche Kräfte, die weiterdenken als bei diesem einen Aktionstag.“

Damit meint sie die Verbände und Nichtregierungsorganisationen, die nun jede für sich das Klimathema entdeckt haben. Sie meint aber auch die radikaleren Schwestern von Fridays for Future, die sie ausdrücklich begrüßt: „Das ist das Schöne an der Klimagerechtigkeitsbewegung, dass es diese verschiedenen Formate gibt.“

Die Bewegung profitiert bisher davon, dass sie sich dem Links-Rechts-Schema fast völlig verweigert und dass sie die soziale Frage fast ausschließlich im globalen Rahmen stellt. Und vor allem profitiert sie davon, dass die Wissenschaft hinter ihr steht, die jahrzehntelang fast ungehörten Klimaforscher, die nun ungewohnte Aufmerksamkeit genießen. „Wenn sich eine Bewegung auf Wissenschaft stützt, dann gibt es keinen Grund, sich dem zu verweigern“, sagt Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, bei einem gemeinsamen Termin mit Fridays for Future dem RND. Und er sagt auch, dass die Ungeduld der jungen Leute berechtigt sei: „Ziviler Ungehorsam ist ein Druckmittel, aber am Ende muss die Regierung reagieren und sie sollte und sie kann auch reagieren. Sie hat die Mittel in der Hand.“

Luisa Neubauer erwartet „revolutionsartige Veränderungen“

Von zivilem Ungehorsam spricht auch Neubauer, und sie tut es nicht zum ersten Mal. „Lass uns doch mal ehrlich sein. Was feiern wir als große historische Bewegungen: Gandhi, Martin Luther King und Konsorten. Wie haben die große Veränderungen bewirkt? Durch große Bewegungen, und teilweise auch durch zivilen Ungehorsam“, sagt sie beim RND-Gespräch.

Sind die Vergleiche nicht eine Nummer zu groß? Nicht, wenn man die kommende Aufgabe der Klimabewegung so sieht wie sie: „Wir erwarten durch die Klimakrise Disruptionen, die gigantisch sind. Das gleicht revolutionsartigen Veränderungen, auch in der Weise, wie man ein Wirtschaftssystem dekarbonisiert. Es ist ein unfassbares Vorhaben, unsere Art zu wirtschaften umzustellen. Und um diese Veränderungen zu initiieren, die groß genug sind, um der Klimakrise gerecht zu werden, brauchen wir eine Anfangsenergie, die das lostritt.“

Sofort bekommt sie Gegenwind in den sozialen Netzwerken, muss auf Twitter klarstellen, dass sie selbstverständlich Gewalt gegen Menschen und Sachen ablehnt. Sofort melden sich die ersten, die damit drohen, ihre Sympathien für die Klimabewegung zurückzuziehen, wenn sie am Freitag wegen einer Blockade im Stau stehen. Die Stimmung, so scheint es, steht auf der Kippe.

Die Unternehmerin Antje von Dewitz sagt: „Der globale Klimastreik ist auch ein Dankeschön an die Kinder, die dieses Thema auf die Agenda gesetzt haben.“. © Quelle: imago images / epd

Das befürchten auch die Entrepreneurs for Future. Antje von Dewitz, Geschäftsführerin der Outdoor-Bekleidungsfirma Vaude, sagt dem RND: „Es kann schon sein, dass es ein schlechtes Bild auf die ganze Bewegung wirft, wenn sich einzelne Gruppen danebenbenehmen.“

Aber eigentlich hofft sie auf ein Fest, auf ein Happening – und sieht den Klimastreik am Freitag auch als Respektbezeugung an die so hartnäckigen Schüler: „Dass die Klimathemen jetzt so brisant verhandelt werden, dass sie so weit oben auf der politischen Agenda landen, ist den Kindern und Jugendlichen zu verdanken. Es ist deren Motivation zu verdanken, für die Sache einzustehen. Der globale Klimastreik ist auch ein Dankeschön an die Kinder, die dieses Thema auf die Agenda gesetzt haben.“

Auch bei ihr selbst hat das, was Neubauer einen „Flirt mit dem Klima“ nennt, ein Umdenken bewegt. Von Dewitz pendelt zwischen Berlin und dem Firmensitz am Bodensee, bisher bedeutete das mehrere Flüge pro Woche. Jetzt aber bleibt sie zwischen zwei Terminen im Norden lieber im Homeoffice in Berlin. „An diese Möglichkeit hätte ich vor einem Jahr noch nicht gedacht.“

Vielleicht hat Fridays for Future schon mehr erreicht, als sie selbst glauben. Und dennoch geht es jetzt erst los. Wenn die Bewegung scheitern sollte, auch an den bislang so virtuos verdeckten inneren Widersprüchen, wird sie spektakulär scheitern.