Zoff in der Klimabewegung?

Fridays-for-Future-Sprecherin relativiert Kritik an Letzter Generation: „Haben unterschiedliche Rollen“

Fridays-for-Future-Sprecherin Annika Rittmann hat die Protestformen der Letzten Generation scharf kritisiert – nun sagt sie: „Die Klimabewegung ist nicht gespalten.“

Fridays-for-Future-Sprecherin Annika Rittmann hat die Protestformen der Letzten Generation scharf kritisiert – nun sagt sie: „Die Klimabewegung ist nicht gespalten.“

Berlin. Frau Rittmann, Sie haben die Protestformen der Letzten Generation kritisiert. Gesamtgesellschaftliche Lösungen für die Klimakrise gebe es nicht, „indem wir Menschen im Alltag gegeneinander aufbringen“. Es gab viel Zustimmung und teilweise heftigen Widerspruch. Ist die Klimabewegung gespalten?

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Nein. Uns eint das Bewusstsein, dass das aktuelle unverantwortliche Regierungshandeln der Ampel die Menschen in die Klimakrise treibt. Aber unterschiedliche Gruppen der Klimagerechtigkeits­bewegung verfolgen unterschiedliche Strategien. Fridays for Future organisiert in erster Linie große Demonstrationen. Zudem legen wir einen Fokus darauf, über unsere Bewegung hinaus Allianzen zu schaffen und Mehrheiten für ambitioniertere Klimapolitik sichtbar zu machen.

Die Letzte Generation kündigt an, in den kommenden Wochen „Berlin zum Stillstand“ zu bringen. Sie setzt auf Störungen des Alltags. Sie kritisieren das. Was oder wen verliert man durch solche radikalen Aktionen?

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Es braucht breiten Protest. Den zu organisieren sehen wir als unsere Aufgabe. Die aktuelle Klimapolitik führt uns mitten in eine 4,4 Grad heißere Welt. Mit dieser katastrophalen Politik lagern Olaf Scholz und seine Ministerinnen und Minister die Debatten und die Konflikte um Klimaschutz in die Gesellschaft aus, die dringend politisch gelöst werden müssten.

Wenn aber politisch gehandelt wird, sei es das EU-Neuzulassungs­verbot für Verbrennerautos ab 2035 oder die Heizungs­modernisierung, gibt es heftigen Gegenwind und gesellschaftliche Widerstände. Erreicht man diese Kritikerinnen und Kritiker als Klimabewegung überhaupt?

Fridays for Future hat in den vergangenen Jahren gigantische Massen auf die Straßen gebracht und für einen radikalen Wandel in der Wahrnehmung von Klimaschutz gesorgt. Gesamtgesellschaftlich fordern große Mehrheiten mehr Klimaschutz und sehen die Notwendigkeit für ein Verbrenneraus, das zeigen auch die über 200.000 Unterschriften für den Rücktritt von Bundesverkehrs­minister Volker Wissing. Mit großen Demonstrationen haben wir erreicht, dass sich alle Parteien der Ampelregierung zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze bekannt haben. Sie haben damit gezeigt, dass sie sehen, dass die Mehrheit der Gesellschaft Klimaschutz will. Wir brauchen daher einen gemeinsamen Diskurs und kein politisches Anheizen des Konfliktes.

Vertreterinnen und Vertreter der Letzten Generation sagen, die Demos und Klimastreiks hätten wenig geändert. Jetzt brauche es andere Aktionen für dasselbe Ziel. Können Sie das nachvollziehen?

Wir haben wirklich viel erreicht. Es gab ein Verfassungs­gerichtsurteil, das wir mit erkämpft haben. Alle demokratischen Parteien haben sich bei der Bundestagswahl zu 1,5 Grad bekannt. Es ist ein Kohleausstieg beschlossen worden und es gab eine fundamentale Bewusstseinsänderung, die die Bedeutung von Klimaschutz in den Mainstream geschoben hat. Aber es ist nicht genug. Die aktuelle Klimapolitik ist meilenweit von einem 1,5-Grad-Pfad entfernt, deswegen ist es wichtig, weiterhin Maßnahmen einzufordern, die der Dringlichkeit der Klimakrise gerecht werden. Das passiert mit verschiedenen Mitteln und Aktionsformen.

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Extinction Rebellion und Letzte Generation haben zu Frühjahrsaktionen in Berlin aufgerufen – wird sich Fridays for Future beteiligen?

Wir gehen am Freitag zum FDP-Parteitag auf die Straße. Wir werden vor dem Verkehrsministerium gemeinsam mit anderen Akteuren laut sein, solange Volker Wissing und seine Partei, die FDP, es anscheinend als ihre einzige Aufgabe in dieser Bundesregierung sehen, Klimaschutz zu blockieren. Auch für die kommenden Monate sind diverse Aktionen geplant: Wir werden im Mai und im Sommer für den Kohleausstieg im Osten einstehen und auf Hauptversammlungen von Unternehmen präsent sein, um die Aufmerksamkeit auf die Klimakiller in der Wirtschaft zu lenken. Und im Herbst wird es einen globalen Klimastreik geben.

Sehen Sie die Demonstration am Freitag in Berlin als Teil gemeinsamer Frühjahrsaktionen mit Extinction Rebellion und Letzter Generation – oder sprechen Sie inzwischen eine andere Klientel an?

Wir teilen die Analyse, dass die Regierungspolitik uns mitten in die Klimakatastrophe geführt hat und dass die Dringlichkeit, zu handeln, nie höher war. Gleichzeitig haben wir unterschiedliche Rollen und Strategien. Ich spreche auch mit Menschen, denen Klimaschutz sehr wichtig ist, aber die die Aktionen der Letzten Generation persönlich nicht verstehen. Auch diese Menschen braucht es auf der Straße. Bei unserer Demonstration am Freitag sind alle Menschen, die die Notwendigkeit für konsequenten Klimaschutz sehen, aufgefordert, sich anzuschließen.

Ende der Atomkraftära in Deutschland
15.04.2023, Niedersachsen, Lingen: Christian Meyer, Niedersachsens Umwelt- und Energieminister schaltet symbolisch das AKW-Emsland aus. Mit der Trennung der Kernkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim und Emsland vom Stromnetz geht heute die Ära der kommerziellen Stromerzeugung mit Atomkraftwerken in Deutschland zu Ende. Foto: Lars Klemmer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Samstag wird ein historischer Tag für die Energiepolitik in Deutschland, der Atomausstieg tritt in Kraft. Die Debatte über die Kernkraft schwelt dennoch weiter.

Führen die Blockaden der Letzten Generation dazu, dass es weniger Akzeptanz für Klimaschutz gibt? Ändern Menschen ihre Meinung, wenn sie wegen einer Klebeaktion im Stau stehen und sagen: Meinen Diesel gebe ich jetzt nicht mehr her?

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Das Klima wird durch mangelndes politisches Handeln zerstört. Was katastrophal ist, sind die abstrusen Vergleiche von Politikern, die gezielt Protest delegitimieren, um vom eigentlichen Diskurs abzulenken. Noch einmal: Das eigentlich Radikale und Problematische ist das Nichthandeln der Politik. Dort liegt auch die Verantwortung, für Akzeptanz zu werben.

Radikale Klimaschützer haben Sie persönlich angegriffen und Ihre Kritik als „Blutgrätsche“ bezeichnet. Wie gehen Sie damit um?

Wir sprechen in der Klimagerechtigkeits­bewegung viel miteinander, natürlich auch mit der Letzten Generation. Wir haben einen sehr offenen und ehrlichen Austausch und überlegen, was passieren muss, damit politisch mehr ins Handeln gekommen wird. Darauf liegt meine Aufmerksamkeit.

Zum Abschluss: Ist ziviler Ungehorsam generell etwas Gutes?

Ziviler Ungehorsam ist ein essenzieller Bestandteil des Protests der Klimabewegung und hat auch für historischen Fortschritt gesorgt. Am Ende braucht es verschiedene Ebenen. Es braucht Akteure, die auf der Hauptversammlung eines großen Konzerns sprechen, es braucht gleichzeitig disruptiven Protest vor der Halle und es braucht weiterhin die großen Demonstrationen.

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