Freiwillige vor: Wie die Bundeswehr den Kampf um die Helfer verschärft

  • Mit dem neuen „Freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz” will Annegret Kramp-Karrenbauer junge und engagierte Menschen für die Bundeswehr anwerben.
  • Wohlfahrts- und Umweltverbände sind alarmiert.
  • Gräbt die Verteidigungsministerin ihnen mit Steuermitteln das Wasser ab?
Tammo Kohlwes, Juliane Schultz
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Berlin. Für Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ist es eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit: Was hält die Gesellschaft zusammen? Ihre Antwort hat die CDU-Politikerin auf olivgrüne Riesenposter drucken lassen, die derzeit deutschlandweit zur Verschönerung von Bushaltestellen und Bahnhöfen beitragen. „Unser ‚Wir‘ braucht mehr von Dir” steht auf den Plakaten oder „Dein Jahr für Deutschland”.

Es ist eine Kampagne, mit der das Verteidigungsministerium den von Kramp-Karrenbauer erfundenen „Wehrdienst im Heimatschutz” bewirbt. Sieben Monate Grundausbildung, sechs Jahre Reservistenstatus, garantiert keine Auslandseinsätze – so lautet das Versprechen der Bundeswehr.

Der Dienst sei eine „Chance für Männer und Frauen, die sich für Deutschland engagieren wollen”, sagt die Ministerin. Was AKK nicht sagt: Der Dienst ist auch eine Chance für sie persönlich, ihr Profil als konservative Politikerin zu schärfen.

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Auch zehn Jahre nach der Aussetzung des Wehrdienstes und der damit einhergehenden Abschaffung des Zivildienstes findet die Idee, jungen Menschen ein Dienstjahr für die Allgemeinheit abzuverlangen, erstaunlich viele Anhänger. Rund zwei Drittel der Bundesbürger geben in Umfragen an, eine allgemeine Dienstpflicht bei der Bundeswehr oder im sozialen Bereich zu befürworten. Unter Unionswählern ist die Zustimmung noch höher. Von einem „Herzensanliegen” spricht deshalb die CDU-Chefin. Sie selbst hat schon 2018 eine allgemeine Dienstpflicht angeregt. Die neue Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Eva Högl (SPD), will gar über eine Reaktivierung der Wehrpflicht diskutieren.

Gleichzeitig gibt es große Zweifel daran, dass eine allgemeine Dienstpflicht mit dem Grundgesetz vereinbar wäre. Die Wirtschaft warnt vor einer Verschärfung des Fachkräftemangels. Und auch Verteidigungspolitiker sind wenig begeistert. Wehrpflichtigenarmeen gelten als verstaubtes Konzept des Kalten Krieges. Angehörige moderner Streitkräfte benötigen Fähigkeiten, die sich nicht in ein paar Monaten Grundausbildung erlernen lassen.

Wohlfahrts- und Sozialverbände fürchten neue Konkurrenz

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Deshalb bleibt es bis auf Weiteres bei den freiwilligen Diensten, von denen es schon heute eine Menge gibt: Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Bundesfreiwilligendienst, Freiwilligendienste in Kultur und Bildung – die Angebotspalette ist weit gefächert.

So weit, das etablierte Träger den Wettstreit mit dem neuen Wehrdienst im Heimatschutz fürchten. „Eine Konkurrenz der Angebote für Freiwilligendienste, die über signifikante Unterschiede in der Bezahlung entsteht, sehen wir kritisch”, schreibt Gerda Hasselfeldt, Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in einem Brief an Kramp-Karrenbauer und Familienministerin Franziska Giffey (SPD).

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Eine Vergütung von 1.500 Euro monatlich sowie kostenlose Bahntickets sollen die Freiwilligen im „Heimatschutz” künftig bekommen. Damit kann der Bundesfreiwilligendienst, der 2011 als Ersatz für den Zivildienst geschaffen wurde, nicht mithalten. Dort wird maximal ein Taschengeld von 400 Euro gezahlt. Auch von landesweiten Werbekampagnen können die meisten zivilen Einrichtungen nur träumen. Sie fürchten, dass sie beim Ringen um den Einsatz von Ehrenamtlichen ins Hintertreffen geraten könnten – einfach weil die finanziellen Mittel fehlen.

Die ersten Bewerberzahlen haben nicht dazu geführt, dass diese Sorgen kleiner geworden sind. Gut 1.800 Interessenten hatten sich zum Bewerbungsbeginn im September beim Verteidigungsministerium gemeldet, dabei sind insgesamt nur 1.000 Plätze vorgesehen. Und richtig losgehen soll es erst mit dem Start des Programms im April, wenn die ersten Rekruten in die Kasernen einrücken.

Viele Bufdis brechen ihren Dienst vorzeitig ab

Hinzu kommen hausgemachte Probleme der klassischen Freiwilligendienste. Beim Bundesfreiwilligendienst etwa ist die Abbrecherquote erschreckend hoch. Fast ein Drittel der „Bufdis” bricht den sechs bis 24 Monate dauernden Dienst in sozialen und gesellschaftlichen Bereichen sowie im Zivil- und Katastrophenschutz vorzeitig ab, wie das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleinen Anfrage der Linksfraktion im Deutschen Bundestag erfuhr. Von den 40.387 Menschen, die den Dienst im Jahr 2019 durchlaufen haben, machten 12.517 vor dem regulären Ende Schluss. Das entspricht fast einem Drittel.

Ein Teil der Freiwilligen steige zwar wegen eines Studiums oder einer Ausbildung aus, sagt Katrin Werner, Sprecherin für bürgerschaftliches Engagement der Linken im Bundestag. Trotzdem müsse auch nach anderen Ursachen gesucht werden. „Eine bessere Kontrolle der Arbeitsbedingungen und der pädagogischen Begleitung in den Einsatzstellen sowie eine Verbesserung der Inklusion für Menschen mit Behinderungen wären ein Anfang”, so die Linken-Politikerin. „Die Bundesregierung muss hier mehr tun und mehr Mittel bereitstellen, auch um jungen Menschen aus ärmeren Familien den Zugang zu Freiwilligendiensten durch zusätzlich finanzielle Unterstützung zu erleichtern.“

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Ein weiteres Problem: Nicht alle Freiwilligen nehmen an den eigentlich verpflichtenden Fortbildungen teil. Lediglich 28.662 Bufdis besuchten die Seminare an insgesamt 17 Bildungszentren des Bundes. Das entspricht nur 71 Prozent. Auffällig: Unter 27-Jährige nutzen fast alle die Möglichkeit zur Fortbildung (96,3%), während die über 27-Jährigen dies fast gar nicht mehr tun (7,4 Prozent). „Es liegt der Verdacht nahe, dass das Bildungsprogramm für Menschen über 27 Jahre nicht geeignet ist”, sagt Werner. „Für ein Programm, das auf Lernen und Bildung abzielt, ist das ein Armutszeugnis.”

Kostenlose Bahnfahrten auch für Bufdis, FSJ-ler und Co.?

Immerhin: das zuständige Familienministerium arbeitet daran, den Dienst attraktiver zu machen. So sollen die Freiwilligen in Zukunft möglicherweise wie Bundeswehrsoldaten auch kostenfrei oder vergünstigt mit der Bahn oder anderen Verkehrsmitteln fahren dürfen. „Die Bundesregierung prüft eine solche Lösung”, heißt es aus dem Ministerium von Franziska Giffey.

Eine Besserstellung der Freiwilligendienste fordert auch CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor – und zwar über das kostenlose Bahnfahren hinaus: „Wer sich für die Gesellschaft in einem gesonderten Dienst engagiert, rechtfertigt dadurch auch eine individuelle Besserstellung und eine Anerkennung seines Dienstes”, sagt der Abgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern im Gespräch mit dem RND. „Das könnte man etwa durch stärkere Förderinstrumente, Erleichterungen bei der Rückzahlung von BAföG oder durch eine Bevorzugung bei der Studienplatzvergabe umsetzen.”

Von einer Konkurrenz zwischen Wohlfahrtsverbänden und dem „Heimatschutz” der Bundeswehr will Amthor nichts wissen. Im Gegenteil: Er glaubt, dass beide Dienste sogar voneinander profitieren könnten, wenn man es geschickt genug anstellt. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass beispielsweise unter dem verbindenden Dach eines ,Deutschlandjahres’ alle Beteiligten von einer starken Werbe- und Außenwirkung profitieren. So würde auch das Bewusstsein gefördert, mit der freiwilligen Arbeit einen Dienst für die Gesamtgesellschaft zu erbringen“, so der Abgeordnete. Den Streitkräften müsse zwar eine gewisse Sonderrolle zukommen, dennoch dürfe man Bundeswehr und die Wohlfahrtsverbände nicht gegeneinander ausspielen, sagt Amthor. „Unsere Gemeinschaft braucht beide.”

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