„Jetzt reicht es“ – Spitzenfrauen fordern mit #ichwill-Kampagne die Quote

  • Eine Managerin, eine Schauspielerin, eine Fußballspielerin, eine Autorin und eine Wissenschaftlerin sagen: Es reicht!
  • Sie fordern eine verbindliche Frauenquote für deutsche Großkonzerne, wie Familienministerin Franziska Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht sie vorschlagen.
  • Unter dem Hastag „ichwill“ bekommen sie dabei jede Menge Unterstützung in den sozialen Medien.
Marc R. Hofmann
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Berlin. Ein Netzwerk prominenter Frauen um Schauspielerin Maria Furtwängler und die ehemalige Arbeitsdirektorin im Siemens-Vorstand, Janina Kugel, fordern eine verbindliche Regelung für den Anteil von Frauen in Führungsetagen großer Unternehmen. Unter dem Hashtag „ichwill“ haben sie eine Kampagne in den sozialen Medien gestartet.

Die Frauen fordern die Bundesregierung auf, das von Frauenministerin Franziska Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht (beide SPD) vorgelegte sogenannte Führungspositionsgesetz 2 (FüPoG 2) umzusetzen. Der Entwurf der Ministerinnen sieht eine verbindliche Frauenquote von mindestens 30 Prozent für den Vorstand großer deutscher Unternehmen vor, wie sie bereits seit 2016 für Aufsichtsräte gilt. Dagegen regt sich jedoch Widerstand in der Union.

Janina Kugel, Managerin

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Janina Kugel. © Quelle: imago images/Jürgen Heinrich

„Es reicht jetzt“, sagt Janina Kugel, die bis Anfang des Jahres im Vorstand von Siemens tätig war und nun mehrere Aufsichtsratsmandate inne hat, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Berlin. Frauen stünden in diesem Land immer unten auf der Agenda. Sie fordert daher „Einfluss, Macht, Sichtbarkeit und Gerechtigkeit“ in gleichem Maße wie für Männer.

Die bisher geltende Regel für Aufsichtsräte habe nicht zu der befürchteten „Pleitewelle“ geführt. In den Vorständen der Unternehmen sei das jedoch noch nicht angekommen, sagt die Managerin. Dort sei nur etwa jede zehnte Führungskraft weiblich, in Schweden hingegen liege der Anteil bei 34 Prozent. Dabei zeigten Studien, dass Unternehmen mit Frauen in Führungsgremien sogar besser an der Börse abschnitten.

Weiter sei es eine Mär, dass Frauen nicht in die Gremien wollten. „Sie haben nur weniger Rollenvorbilder und bekommen weniger Chancen“, ist Kugel überzeugt. „Wir brauchen gesetzliche Vorgaben, um gesellschaftliche Strukturen zu verändern“, so die Managerin.

Maria Furtwängler, Schauspielerin

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Maria Furtwängler. © Quelle: imago images/Metodi Popow

Was das mit Frauen macht, verdeutlicht Maria Furtwängler. Die promovierte Ärztin und Schauspielern sagt: „Einer meiner Hauptcharakterzüge ist der Selbstzweifel.“ Bis heute hätten sich Vorurteile gegen Frauen gehalten, so Furtwängler unter Hinweis auf jüngste Äußerungen von drei männlichen Bahnvorständen, die vor „erheblichen negativen Auswirkungen“ gewarnt hatten, falls der Staatskonzern eine Frauenquote erfüllen müsse.

Furtwängler, Mitgründerin der Malisa-Stiftung, die sich für die Sichtbarmachung aller Geschlechter einsetzt, sagte mit Bezug zur Berichterstattung über die Corona-Pandemie: „Frauen kamen nur halb so oft vor wie Männer.“

Nora Bossong, Schriftstellerin

Nora Bossong. © Quelle: imago images/Jürgen Heinrich

Genialität sei nur zu einem Prozent eine Frage der Begabung, sagt die Schriftstellerin Nora Bossong. Der Rest seien Fleiß, Ausdauer, Durchsetzungskraft – aber eben auch eine Frage der Strukturen. „Als ich nach meinem sechsten Buch 500 Euro für einen Leseabend gefordert habe, hat das für irritierte Rückfragen gesorgt.“ Eine beabsichtigte Erhöhung nach Buch Nummer sieben würde ihren „Ruf ruinieren“, habe es aus dem Verlag geheißen. Das sei bereits einem männlichen Kollegen passiert. „Allerdings hat der doppelt so viel gefordert“, so Bossong.

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Vor zehn Jahren, als junge Künstlerin, sei sie gegen eine Quote gewesen. „Da habe ich alles für möglich gehalten.“ Mit 38 sehe sie das nun jedoch anders. „Heute bin ich fast nur noch von Männer umgeben.“ Während bei ihnen nach wie vor eine Versorgungsrolle eingepreist werde, werde diese Frauen nicht zugestanden. Wer sich so nur gerade eben über Wasser halten könne, arbeite auch schlechter. „Transparenz ist ein Leichtes, wenn man sie nur will.“

Katja Kraus, Geschäftsführerin

Katja Kraus. © Quelle: imago images/Jürgen Heinrich

Katja Kraus, ehemaliges Vorstandsmitglied des Hamburger Sport-Vereins und heute Geschäftsführerin der Agentur Jung von Matt Sports sagt: „Erst seit Oktober gibt es wieder eine Frau im Vorstand eines Bundesligaklubs.“ Ansonsten gebe es im Sport mit Ausnahme des Deutschen Olympischen Sportbundes auf Funktionärsebene kaum weibliche Führungskräfte.

„Unter den 100 bestbezahlten Sportlern gab es im vergangenen Jahr nur eine Frau – Serena Williams auf Platz 63“, so Kraus. Auch werde den Damen bis heute weniger Kompetenz beigemessen. Das erlebe sie auch persönlich: „Niemand redet mit mir fachlich über das Spiel“, so die siebenmalige Fußball-Nationalspielerin. Dabei müsse die Bedeutung des Sports genutzt werden, um die Sache der Frauen voranzubringen.

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Jutta Allmendinger, Professorin

Jutta Allmendinger. © Quelle: imago images/Jürgen Heinrich

„Ich habe eine Quotenkarriere gemacht“, bekennt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung in Berlin. Ihre Mitgliedschaft in zahlreichen Gremien habe darauf gefußt, diesen als Frau Legitimität zu verleihen. Dabei gebe es in Deutschland „keine Willkommenskultur“ für Frauen. Als einziges weibliches Mitglied habe sich Allmendinger am Anfang den Männern anpassen müssen. Erst ab einer „magischen“ Grenze von 30 Prozent ändere sich die Wahrnehmung der Frauen in entsprechenden Gremien.

Durch die Mitgliedschaft allein sei jedoch noch nicht viel gewonnen gewonnen. Die Arbeitsbelastung nehme den Frauen wichtige Zeit für Forschung und Publikation. „Sie führt damit nicht in Toppositionen in Gremien ohne Quote“, so die Wissenschaftlerin. Ändere sich daran nichts, würden Frauen lediglich vorgeführt, ohne in Entscheidungspositionen zu kommen. Dabei habe Deutschland im internationalen Vergleich in Sachen Geschlechtergerechtigkeit sogar verloren, das Problem sich durch die Schließung von Schulen und Kitas im Frühjahr noch einmal verschärft.

Sie setze deswegen große Hoffnung in Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren Regierung den Koalitionsvertrag weitgehend abgearbeitet habe. Die Umsetzung des Gesetzes sei „ein überfälliges Signal, gerade in Zeiten, in denen so viel von Frauen abverlangt wird“, so die Wissenschaftlerin.

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