Frankreichs Rentensystem – was steckt hinter den Streiks?

  • Angesichts diverser Rentenkassen und Sonderregelungen gleicht das französische Rentensystem einem schwer durchschaubaren Dschungel.
  • Die Regierung will es vereinfachen und zugleich das Milliardendefizit abbauen.
  • Damit hat sie nun jedoch die Berufstätigen gegen sich aufgebracht, die Gewerkschaften reagierten mit einem Generalstreik.
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Paris. Es gibt genau betrachtet nicht ein einziges französisches Rentensystem – sondern es ist in 42 unterschiedliche Rentenkassen für die diversen Berufsgruppen aufgeteilt. So existieren Kassen für die Angestellten der Privatwirtschaft, für die in der Landwirtschaft Beschäftigten sowie für Selbstständige.

Hinzu kommen die Spezial-Kassen für die Beamten, Angestellte öffentlicher Unternehmen wie der Staatsbahn SNCF oder der Pariser Verkehrsbetriebe RATP, aber auch für bestimmte Freiberufler wie die Anwälte. Die Komplexität des aktuellen Systems vergrößert sich noch durch komplementäre Kassen, die an manche Arbeitnehmer Zusatzrenten überweisen.

Durchschnittliches Renteneintrittsalter: 60,8 Jahre

Das reguläre Renteneintrittsalter liegt derzeit für die meisten Berufstätigen – abgesehen von jenen, die von Sonderregelungen profitieren – bei 62 Jahren. In manchen Fällen besteht die Möglichkeit, früher in Rente zu gehen, etwa bei besonders beschwerlicher Arbeit, einer langen Karriere oder einer Behinderung. Um regulär die Vollrente zu erhalten, müssen allerdings je nach Alter zwischen 41 Jahren und neun Monaten und 43 Jahren eingezahlt worden sein. Ab dem Alter von 67 Jahren ist die Vollrente automatisch. Das Renteneintrittsalter insgesamt liegt in Frankreich durchschnittlich bei 60,8 Jahren. Bestimmte Beamte vor allem im Militärdienst können früher in den Ruhestand gehen.

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Bei den Demonstrationen gegen die geplante Rentenreform in Frankreich ist es in Paris zu Ausschreitungen gekommen.  @ Quelle: imago images/Hans Lucas

Um die Höhe der Pension zu berechnen, werden derzeit bei Angestellten der Privatwirtschaft die 25 Jahre mit dem besten Einkommen herangezogen, bei den Beamten die letzten sechs Monate vor der Verrentung. Von diesem Referenz-Einkommen erhalten in der Privatwirtschaft Beschäftigte 50 Prozent und Staatsdiener 75 Prozent. Im Jahr 2017 lag die Rente durchschnittlich bei 1422 Euro, wobei diese bei Frauen deutlich niedriger ausfiel als bei Männern.

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Das Milliardendefizit

2018 wies das französische Rentensystem ein Defizit von 2,9 Milliarden auf. Falls es nicht reformiert wird, droht das Minus im Jahr 2025 einem Bericht der Rentenkommission zufolge bei 7,9 bis 17,2 Milliarden Euro zu liegen – abhängig von der Wirtschaftslage.

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Mit ihrer Reform will die Regierung einerseits dieses Minus abbauen und sogar bis in rund 25 Jahren eine ausgeglichene Rentenkasse erreichen. Dazu wird wohl die Lebensarbeitszeit erhöht, allerdings nicht über das Renteneintrittsalter, sondern vielmehr die notwendige Einzahldauer, um eine vollständige Rente zu erhalten. Außerdem hat Präsident Emmanuel Macron ein Ende der 42 verschiedenen Rentenkassen versprochen, das er durch ein einheitliches Punktesystem ersetzen will. Der Sonderbeauftragte für die Rentenreform, Jean-Paul Delevoye, schlägt einen Punkt pro eingezahlte 10 Euro vor, ebenso wie die Möglichkeit von Bonuspunkten, etwa im Fall von Mutterschaftsurlaub oder der Pflege eines Angehörigen. Auf Basis der während der Karriere angesammelten Punkte soll dann die Höhe der Rente errechnet werden. Die französische Regierung sieht offenbar auch eine Grundrente von 1000 Euro im Monat vor, die allerdings an das Renteneintrittsalter gebunden sein könnte. Details sollen erst Mitte der kommenden Woche bekannt werden.

Noch ist nichts beschlossen

Doch längst sind sehr viele Franzosen besorgt, weil sie eine Verschlechterung ihrer Situation, geringere Pensionsansprüche und längere Lebensarbeitszeit befürchten. So würden den Beamten durch eine veränderte Berechnung ihrer Ansprüche – nämlich eine Anpassung an die anderen – Nachteile entstehen. Auch jene, die bislang Sonderkonditionen unterworfen sind, wie die Angestellten der öffentlichen Verkehrsbetriebe und der Bahn, dürften das Nachsehen haben. Profitieren könnten hingegen Frauen, deren Mutterschaftsurlaub mit angerechnet wird, sowie Landwirte und andere Geschäftstreibende, deren Pension derzeit oft unterhalb der künftig garantierten Minimalrente von 1000 Euro pro Monat liegt.

Noch ist allerdings nichts in Stein gemeißelt. Die Reform wird wohl kaum vor den Kommunalwahlen im kommenden März ins Parlament kommen und möglicherweise erst im Sommer beschlossen. Auch gilt noch als unsicher, ab wann sie in Kraft tritt: War zunächst die Rede vom Jahr 2025, so könnte eine Übergangsphase eingerichtet oder der Termin nach hinten verschoben werden. Damit würde die Regierung die Zahl der Betroffenen und damit der Gegner der Reform verringern.