Wie stehen die Franzosen zu Macron?

Emmanuel Macron: Ein so perfekter junger Mann

Emmanuel Macron wurde als französischer Präsident wiedergewählt (Archivbild).

Emmanuel Macron wurde als französischer Präsident wiedergewählt (Archivbild).

Paris. Bloß nicht überheblich und triumphierend erscheinen, sondern bescheiden und mit Demut auftreten – das hatte sich Emmanuel Macron offenkundig vorgenommen für seine Rede am Sonntagabend, nachdem er erneut zum französischen Präsidenten gewählt worden war. „Ich denke an alle unsere Landsleute, die sich enthalten haben“, sagte der 44-Jährige mit nachdenklichem Blick, vor dem Eiffelturm stehend. „Ihr Schweigen bedeutet die Verweigerung, eine Wahl zu treffen, auf die wir antworten müssen.“ Er wisse auch um die Enttäuschung all derer, die für Le Pen gestimmt hatten, und versicherte, er sei nicht mehr der „Kandidat eines Lagers, sondern der Präsident aller Französinnen und Franzosen“.

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Wenige Tage zuvor, im TV-Duell gegen seine Herausforderin Marine Le Pen, hatte Macron noch ganz anders gewirkt. Alleine mit seiner Körperhaltung drückte er seine Verachtung für die Rechtsextreme aus. Verschränkte die Arme und fixierte sie mit blitzenden Augen. „Hören Sie doch auf, alles durcheinander zu bringen“, rief er einmal aus. „Die Nummer kenne ich“ – damit spielte er auf das TV-Duell fünf Jahre zuvor an, bei dem sie sich völlig verzettelt hatte, während er seine Rivalin in Grund und Boden argumentierte, ohne auch nur zu stocken.

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Präsident aus der Oberschicht

Es war der Macron, den ein Teil der Franzosen bewundert: smart, wortgewandt, ein intellektueller Überflieger. Und zugleich jener Macron, den ein ebenfalls wesentlicher Teil der Menschen im Land ablehnt, mitunter sogar hasst: besserwisserisch und weit entfernt vom „einfachen Volk“, das Le Pen vorgibt zu vertreten. Der gebürtige Nordfranzose aus Amiens, ein Liebhaber von Literatur und Philosophie, absolvierte zwei Elitehochschulen, bevor er zunächst Finanzinspektor im Finanzministerium wurde, dann eine rasante Karriere bei der Privatbank Rothschild machte, bis er in die Politik ging.

„Ein so perfekter junger Mann“, lautete der Titel einer der ersten Biografien über den Politiker, der 2017 mit 39 Jahren zum jüngsten Präsidenten Frankreichs wurde. Eine Portion Glück half Macron damals, denn der konservative Ex-Premierminister François Fillon hatte beste Wahlchancen, bis er über eine Affäre um die jahrelange Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau Penelope stolperte, wegen der beide inzwischen verurteilt wurden. Aber Macron, der nichts dem Zufall überlässt, war auch bestens vorbereitet. Ein Jahr vor der Wahl hatte er seine Bewegung „En marche!“ („In Bewegung!“) gegründet, die seine Initialen trug und später in „La République en marche“ umbenannt wurde. Bei den Parlamentswahlen erreichte sie die Mehrheit in der Nationalversammlung, was Macron ermöglichte, viele seiner Projekte umzusetzen. Ob das nochmals gelingt, ist unsicher.

Auch hatte er, dem ein unbestreitbarer Charme nachgesagt wird, wichtige Persönlichkeiten aus der Wirtschaftswelt und der Kulturszene für sich eingenommen, die ihm durch Spenden nicht zuletzt das für den Wahlkampf notwendige finanzielle Polster boten. Dass ihm seine Frau Brigitte stets eine unverzichtbare Stütze war, betont er oft. Bei einem Wahlkampf-Auftritt Anfang April ließ er „sie, die mir am meisten bedeutet, die mir am meisten gibt“, von tausenden Anhängern bejubeln. Noch als Jugendlicher hatte er seine damalige Lehrerin, Mutter dreier Kinder in seinem Alter, bei einem Schultheater-Projekt kennengelernt – und wohl auf dieselbe stürmische Art erobert, mit der er die Franzosen zu überzeugen versuchte, ihm zu vertrauen. Zweiteres mit gemischtem Erfolg.

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Sein Amt packte er mit sagenhaftem Ehrgeiz an. Das Land wollte er nicht nur reformieren, sondern komplett „transformieren“. Vor allem ging es Macron, dem ehemaligen Wirtschaftsberater und -minister unter Präsident François Hollande, darum, den Arbeitsmarkt so zu reformieren, dass die Wirtschaft wieder wuchs, Frankreich attraktiver für Investoren wurde und die Arbeitslosigkeit endlich sank. Das gelang ihm trotz der Corona-Pandemie. Der Preis aber war hoch: Denn indem er Unternehmen die Entlassung von Mitarbeitern erleichterte oder die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes reduzierte, verfestigte sich bei vielen das Bild eines „neoliberalen“ Präsidenten, der den Sozialstaat aushöhle – mochte er während der Corona-Krise auch die Wirtschaft, Selbstständige oder Künstler mit Milliardenhilfen gestützt haben.

Einerseits ist Macron ein kontaktfreudiger Mann, der offen auf andere zugeht. Leidenschaftlich lässt er sich auf Diskussionen mit Bürgern ein, suchte das Gespräch bei seinen Veranstaltungen rund um die „Große Debatte“, die er als Reaktion auf die massiven Proteste der „Gelbwesten“-Bewegung lanciert hatte – auch wenn er bei diesen Bürgerversammlungen oft monologisierte. Andererseits stieß er viele mit schnell fallen gelassenen Aussagen vor den Kopf. Mal nannte er die Franzosen „störrische Gallier“, die sich naturgemäß gegen Reformen stemmten, mal riet er einem arbeitslosen Gärtner, es doch in der Gastronomie zu versuchen: „Ich gehe über die Straße und finde einen Job für Sie“, so Macron. Es war einer dieser Sätze, die hängen blieben.

Die internationalen Partner bekamen diese Lust an der aufrüttelnden Provokation ebenfalls zu spüren, etwa wenn der französische Präsident in einer Europa-Rede weitreichende Visionen aufzeichnete oder in einem Interview die Nato als „hirntot“ bezeichnete. Zwar gab Macron sich stets als großer Pro-Europäer, doch ließ er nie einen Zweifel daran, dass er die EU nach seinen Vorstellungen mitgestalten, nicht etwa mehr Macht an die Kommission in Brüssel oder das EU-Parlament in Straßburg abgeben wollte.

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Auch die französischen Abgeordneten überging der Staatschef oft, den die Presse anfangs als „Jupiter“ verspottete. Denn ob bei der Umsetzung der Rentenreform oder der Anti-Corona-Maßnahmen, Macron entschied alleine, umgab sich nur mit einem engen Kreis von Beratern und verstärkte somit die Machtkonzentration. Nun versprach er eine neue Methode, die zweite Amtszeit sei nicht einfach eine Fortführung der ersten. Das allerdings hat er erst noch unter Beweis zu stellen.

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