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Frankreichs Präsident im Porträt

Emmanuel Macron, der ewige Klassenbeste

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron möchte eine zweite Amtszeit im Élysée-Palast erleben.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron möchte eine zweite Amtszeit im Élysée-Palast erleben.

Paris. Letztlich konnte er es sich doch nicht verkneifen. Er solle nicht arrogant auftreten, die Gegnerin keinesfalls von oben herab behandeln, warnten viele Emmanuel Macron vor der großen Fernsehdebatte mit Marine Le Pen am Mittwochabend. Denn sein Image eines neunmalklugen Klassenstrebers ist die große Schwachstelle des französischen Präsidenten, der am Sonntag in der Stichwahl auf Le Pen trifft.

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Dann aber drückte Macron alleine mit seiner Körperhaltung seine Verachtung für die Rechtsextreme aus. Verschränkte die Arme und fixierte sie mit ungläubigem Blick, so als versuche er, ihr zu folgen. „Hören Sie doch auf, alles durcheinanderzubringen“, rief er einmal aus. „Die Nummer kenne ich“ – damit spielte er auf das TV-Duell vor fünf Jahren an, bei dem sie sich völlig verzettelt hatte, während er seine Rivalin in Grund und Boden argumentierte, ohne auch nur zu stocken.

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Smart und wortgewandt - überheblich und besserwisserisch

Es war der Macron, den ein Teil der Franzosen bewundert: smart, wortgewandt, ein intellektueller Überflieger. Und zugleich jener Macron, den ein ebenfalls wesentlicher Teil der Menschen im Land ablehnt, mitunter sogar hasst: überheblich, besserwisserisch, weit entfernt vom „einfachen Volk“, das Le Pen vorgibt zu vertreten.

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Der gebürtige Nordfranzose aus Amiens, ein Liebhaber von Literatur und Philosophie, absolvierte zwei Elitehochschulen, bevor er zunächst Finanzinspektor im Finanzministerium wurde, dann eine rasante Karriere bei der Privatbank Rothschild machte, bis er in die Politik ging. „Ein so perfekter junger Mann“, lautete der Titel einer der ersten Biografien über den Politiker, der 2017 mit 39 Jahren zum jüngsten Präsidenten der Fünften Republik wurde.

Eine Portion Glück half Macron damals, denn der konservative Ex-Premierminister François Fillon hatte beste Wahlchancen, bis er über eine Affäre um die jahrelange Scheinbeschäftigung seiner Ehefrau Penelope stolperte, wegen der beide inzwischen verurteilt wurden. Aber Macron, der nichts dem Zufall überlässt, war auch bestens vorbereitet.

Die Rolle von Macrons Frau Brigitte

Ein Jahr vor der Wahl hatte er seine Bewegung „En marche!“ („In Bewegung!“) gegründet, die seine Initialen trug und später in „La République en marche“ umbenannt wurde. Bei den Parlamentswahlen erreichte sie die Mehrheit in der Nationalversammlung, was Macron ermöglichte, viele seiner Projekte umzusetzen.

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Auch hatte er, dem ein unbestreitbarer Charme nachgesagt wird, wichtige Persönlichkeiten aus der Wirtschaftswelt und der Kulturszene für sich eingenommen, die ihm durch Spenden nicht zuletzt das für den Wahlkampf notwendige finanzielle Polster boten. Dass ihm seine Frau Brigitte stets eine unverzichtbare Stütze war, betont er oft. Bei einem Wahlkampfauftritt Anfang April ließ er „sie, die mir am meisten bedeutet, die mir am meisten gibt“, von Tausenden Anhängern bejubeln.

Emmanuel Macron (l.), Präsident von Frankreich, geht mit seiner Frau Brigitte Macron am Strand spazieren.

Emmanuel Macron (l.), Präsident von Frankreich, geht mit seiner Frau Brigitte Macron am Strand spazieren.

Noch als Jugendlicher hatte er seine damalige Lehrerin, Mutter dreier Kinder in seinem Alter, bei einem Schultheaterprojekt kennengelernt – und wohl auf dieselbe stürmische Art erobert, mit der er die Franzosen zu überzeugen versuchte, ihm zu vertrauen. Zweiteres mit gemischtem Erfolg.

Der Präsident und die Wirtschaft

Sein Amt packte er mit sagenhaftem Ehrgeiz an. Das Land wollte er nicht nur reformieren, sondern komplett „transformieren“. Vor allem ging es Macron, dem ehemaligen Wirtschaftsberater und -minister unter Präsident François Hollande, darum, den Arbeitsmarkt so zu reformieren, dass die Wirtschaft wieder wuchs, Frankreich attraktiver für Investoren wurde und die Arbeitslosigkeit endlich sank. Das gelang ihm trotz der Corona-Pandemie.

Der Preis aber war hoch: Denn indem er Unternehmen die Entlassung von Mitarbeitern erleichterte oder die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes reduzierte, verfestigte sich bei vielen das Bild eines „neoliberalen“ Präsidenten, der den Sozialstaat aushöhle – mochte er während der Corona-Krise auch die Wirtschaft, Selbstständige oder Künstler mit Milliardenhilfen gestützt haben.

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Die „störrischen Gallier“

Einerseits ist Macron ein kontaktfreudiger Mann, der offen auf andere zugeht. Leidenschaftlich lässt er sich auf Diskussionen mit Bürgern ein, suchte das Gespräch bei seinen Veranstaltungen rund um die „Große Debatte“, die er als Reaktion auf die massiven Proteste der „Gelbwesten“-Bewegung lanciert hatte – auch wenn er bei diesen Bürgerversammlungen oft monologisierte.

Andererseits stieß er viele mit schnell fallen gelassenen Aussagen vor den Kopf. Mal nannte er die Franzosen „störrische Gallier“, die sich naturgemäß gegen Reformen stemmten, mal riet er einem arbeitslosen Gärtner, es doch in der Gastronomie zu versuchen: „Ich gehe über die Straße und finde einen Job für Sie“, so Macron. Es war einer dieser Sätze, die hängen blieben.

Macrons umstrittene Art der Politik

Die internationalen Partner bekamen diese Lust an der aufrüttelnden Provokation ebenfalls zu spüren, etwa wenn der französische Präsident in einer Europa-Rede weitreichende Visionen aufzeichnete oder in einem Interview die Nato als „hirntot“ bezeichnete. Zwar gab Macron sich stets als großer Pro-Europäer, doch ließ er nie einen Zweifel daran, dass er die EU nach seinen Vorstellungen mitgestalten, nicht etwa mehr Macht an die Kommission in Brüssel oder das EU-Parlament in Straßburg abgeben wollte.

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Auch die französischen Abgeordneten überging der Staatschef oft, den die Presse anfangs als „Jupiter“ verspottete. Denn ob bei der Umsetzung der Rentenreform oder der Anti-Corona-Maßnahmen, Macron entschied alleine, umgab sich nur mit einem engen Kreis von Beratern und verstärkte somit die Machtkonzentration. Diese totale Personalisierung der Politik erklärt, warum er bisweilen so geliebt oder auch gehasst wird für das, was er ist – oder zu sein scheint.

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