Engpässe im Winter befürchtet

Frankreich simuliert den Blackout: Geht der Atomnation der Strom aus?

Ein Paar steht an der Seine und betrachtet den Sonnenuntergang hinter dem Eiffelturm

Ein Paar steht an der Seine und betrachtet den Sonnenuntergang hinter dem Eiffelturm

Paris. Emmanuel Macron versuchte zu beschwichtigen, doch da waren die Sorgen um einen Blackout und die Furcht vor Stromabschaltungen längst in der Welt und auf den Titelseiten der Zeitungen. „Keine Panik, das bringt nichts“, sagte der französische Präsident am Wochenende in einem TV‑Interview. „Stoppt die Angstszenarien“, wiederholte der französische Präsident zu Wochenbeginn: „Wir sind ein großes Land, wir haben ein großes Energiemodell, wir werden diesen Winter durchstehen.“

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Die von ihm kritisierte Panik vor Elektrizitätsengpässen in Frankreich war allerdings von Macrons eigener Regierung mit angefacht worden. Bildungsminister Pap Ndiaye erklärte es für möglich, dass der Vormittags­unterricht in Schulen in manchen Gebieten ausfalle. Drohe ein Abschalten, dürften Züge oder S‑Bahnen nicht losfahren, um nicht auf offener Strecke stehen zu bleiben, sagte Transportminister Clément Beaune. Und um zu beweisen, dass man auf den Extremfall vorbereitet sei, machte Premierministerin Élisabeth Borne einen Runderlass an die Präfekten der Departements öffentlich, die Notfallpläne erstellen müssen.

Krankenhäuser sollen am Netz bleiben

Demnach könnte mancherorts mit vorheriger Warnung die Elektrizität bis zu zwei Stunden lang abgestellt werden. An diesem Freitag führen der Übertragungsnetzbetreiber Réseau de Transport d‘Électricité (RTE) und der Verteilungsnetzbetreiber Enedis eine landesweite Simulation durch. Es geht unter anderem darum sicherzustellen, dass im Ernstfall Notrufnummern erreichbar bleiben und es Lösungen für Menschen gibt, die Beatmungsgeräte zu Hause haben. Die Bevölkerung muss informiert werden, falls Ampeln und Straßen­laternen, Mobilfunk- und Festnetze ausfallen.

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Ein großer Teil der industriellen Unternehmen und bis zu 60 Prozent der Menschen in Frankreich könnten sich zeitweise ohne Strom wiederfinden. Krankenhäuser, Labore, Pflegeheime oder essenzielle Einrichtungen wie Polizeistationen und Feuerwehren bleiben hingegen am Netz. Ländliche Regionen dürften stärker von Abschaltungen betroffen sein als Metropolen, wo mehr kritische Infrastruktur versorgt werden muss. Zuletzt wurde eine spezielle App, die die Auslastung des nationalen Stromnetzes anzeigt und vor kritischen Situationen warnt, tausendfach heruntergeladen.

 Zaporizhzhia Nuclear Power Plant Six VVER-1000 pressurized light water nuclear reactors, each generating 950 MWe, make the Zaporizhia Nuclear Power Station the largest NPP in Europe and among the top 10 largest in the world, Enerhodar, Zaporizhzhia Region, southeastern Ukraine, July 9, 2019.NO USE RUSSIA. NO USE BELARUS. Enerhodar Zaporizhzhia Region Ukraine PUBLICATIONxNOTxINxFRA Copyright: xDmytroxSmolyenkox originalFilename: ukrinform-zaporizh190709_npxNc.jpg

Das Atomkraftwerk Saporischschja und die Angst vor dem GAU

Die Menschen im südukrainischen Nikopol werden fast jede Nacht von russischen Truppen beschossen. Ihre größte Sorge aber gilt dem nahen AKW Saporischschja. Ausgerechnet ein Erfolg der Ukraine auf dem Schlachtfeld könnte die Gefahr einer Atomkatastrophe drastisch erhöhen.

Energieknappheit nur zum Teil kriegsbedingt

Für Macron und die Regierung ist das Thema auch deshalb heikel, weil die Energieknappheit des Landes nur bedingt aus dem Krieg in der Ukraine und dem Ausfall bisheriger russischer Gaslieferungen resultiert. Vielmehr laufen weiterhin 20 der 56 französischen Reaktoren nicht – im Sommer fielen mehr als 30 aus. Teilweise finden dort planmäßige Wartungsarbeiten statt, um Laufzeitverlängerungen zu ermöglichen und den hohen Sicherheitsstandards zu genügen. Doch in zwölf Reaktoren müssen immer noch Probleme mit Korrosion behoben werden. Dem Betreiber der französischen Atomkraftwerke, EDF, gelingt es voraussichtlich nicht, sein Versprechen einzuhalten, bis Februar wieder alle Reaktoren hochzufahren. Längst muss das Land vermehrt Strom importieren. Infolge von Energiesparplänen für öffentliche Einrichtungen und Unternehmen und entsprechende Appelle an die Bürgerinnen und Bürger konnte der Verbrauch zuletzt um 8,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr reduziert werden. In Frankreich funktioniert ein großer Teil der Heizungen elektrisch.

Während diese Situation Zweifel an der französischen Energiestrategie aufkommen lässt, will Macron Milliarden in den Bau neuer Reaktoren stecken und die große Abhängigkeit von der vergleichsweise umweltschonenden Kernkraft auch in den nächsten Jahrzehnten erhalten. Diese Strategie ist jedoch auch in der Opposition kaum umstritten: Die Kernenergie gehört unverbrüchlich zum französischen Selbstverständnis.

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