Streik wegen Frankreichs Corona-Politik: Dem Schulpersonal reicht es

  • Mehrere französische Gewerkschaften haben am Donnerstag zu einem Streik aufgerufen.
  • Sie bemängeln schlechte Kommunikation mit dem Erziehungsministerium, chaotische Anti-Corona-Politik und komplizierte Regeln.
  • Viele Eltern unterstützten den Streik.
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Paris. Viele französische Klassenzimmer blieben am Donnerstag unbesetzt – und diesmal nicht unbedingt, weil sich Schüler mit dem Coronavirus infiziert hatten. Gähnende Leere herrschte auf etlichen Pausenhöfen – die Einhaltung der Abstandsregeln war ausnahmsweise ein geringeres Problem.

Aus Protest gegen das Corona-Krisenmanagement der französischen Regierung in den Schulen hatten fast alle Gewerkschaften für Schulpersonal, darunter Lehrerinnen und Lehrer, Schulleiterinnen und -leiter, aber auch Schulkrankenschwestern, zu einem Streik- und Demonstrationstag aufgerufen. Viele Eltern unterstützten diesen.

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Dem Erziehungsministerium zufolge beteiligten sich 31 Prozent der Betroffenen, die Gewerkschaften sprachen hingegen von 75 Prozent. Diese Diskrepanz illustriert bereits die verhärteten Fronten und die mangelnde Kommunikation zwischen Vertretern und Vertreterinnen der Schulen und der Regierung. Kritisiert wird vor allem deren Schlingerkurs. Seit Ende der Weihnachtsferien am 3. Dezember wurden die Maßnahmen dreimal geändert, weil sie jeweils kaum umsetzbar waren.

Gewerkschafterin fühlt sich nicht respektiert

Auch Verantwortungsträger erfuhren dies nicht auf direktem Weg, sondern über Interviews, die Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer der Presse gab. Man fühle sich von Blanquer nicht respektiert, der seine Entscheidungen „ohne jeden sozialen Dialog trifft“, sagte die Generalsekretärin der Gewerkschaft Snuipp-FSU, Guislaine David, in der Zeitung „Figaro“. „Es ist, als wären die Lehrer nur da, damit die Eltern arbeiten können und damit die Wirtschaft auch in Zeiten von Corona läuft.“

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„Wir werden nicht geschützt“: Lehrpersonal in Frankreich will wegen Corona-Risiko streiken
1:49 min
Dreiviertel der Lehrerinnen und Lehrer wollen nicht zum Unterricht erscheinen. Die Hälfte der Schulen soll geschlossen bleiben.  © Reuters
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Auch heißt es, die geltenden Regeln störten den Schulablauf. Gibt es einen positiven Corona-Fall in der Klasse, müssen Grundschulkinder innerhalb von fünf Tagen zunächst einen PCR-Test und zwei Selbsttests absolvieren – und die Unterrichtenden dies überprüfen. Inzwischen fällt der PCR-Test weg. Doch da die Eltern die Tests organisieren müssen, bilden sich oft lange Schlangen vor den Apotheken. Gerade außerhalb der Metropolen kann es schwierig sein, einen Termin für einen PCR-Test und ein rasches Ergebnis zu erhalten.

Ein weiteres Problem ist der Ausfall etlicher Lehrkräfte, welche an Covid-19 erkrankt sind. Bei Krankheitszeiten unter zwei Wochen müssen dies Kolleginnen und Kollegen abfedern, Ersatz gibt es nicht. Das beunruhigt wiederum die Eltern von Jugendlichen, welche sich auf wichtige Prüfungen oder das Abitur vorbereiten. Die Lage spitzt sich zu, da die Omikron-Welle in Frankreich derzeit zu Infektionszahlen in bisher ungekannter Höhe führt. Am Mittwoch wurden knapp 370.000 neue Fälle gemeldet, die landesweite Inzidenz liegt bei fast 3000.

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Regierung ist stolz auf offene Schulen

Die Regierung ist stolz darauf, abgesehen vom ersten Lockdown im Frühjahr 2020 die Schulen weitgehend offen gelassen und damit den Kindern und Jugendlichen den Schulbesuch mehr ermöglicht zu haben als in vielen Nachbarländern. Auch jetzt schließt eine Klasse nicht automatisch, selbst wenn mehrere Schülerinnen und Schüler positiv getestet wurden. Blanquer hatte stets betont, die Schulen seien keine großen Verbreitungsherde. „Unsere Priorität ist, dass sie offen bleiben“, wiederholte er.

Die jetzige Eskalation ist auch eine Folge des großen Drucks, der in der Folge dieser Politik auf dem Personal lastet. Selbst Präsident Emmanuel Macron, dessen Ehefrau Brigitte selbst lange Lehrerin war, mischte sich nun ein. Er sprach von einer „sehr schwierigen Situation für alle“ und forderte mehr Planbarkeit und eine bessere Kommunikation.

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In drei Monaten finden die französischen Präsidentschaftswahlen statt und der Amtsinhaber, der voraussichtlich erneut antritt, möchte keinesfalls Millionen Eltern und das Schulpersonal gegen sich aufbringen.

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