Frankreich: Dritte Corona-Welle, aber kein dritter Lockdown

  • Trotz steigender Infektionszahlen verzichtet Frankreich weiterhin auf härtere Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus.
  • Geschäfte sind ebenso wie Schulen und Kindergärten weiter offen.
  • Die Mehrheit der Franzosen bescheinigt Präsident Macron ein mieses Krisenmanagement.
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Paris. Ist es die Angst der französischen Regierung vor dem wachsenden Unmut der Bürger über die Anti-Corona-Maßnahmen? Ist es eine für manche Virologen und Mediziner unerträgliche Leichtigkeit im Umgang mit einer neuerlichen Pandemiewelle, die sich fast unaufhaltsam anzukündigen scheint? Oder das kluge Miteinbeziehen der schweren sozialen und psychologischen Folgen von Ausgangsbeschränkungen?

Während sich die Nachbarländer derzeit im Lockdown befinden, verzichtet Frankreich weiter auf striktere Maßnahmen, um eine Ausbreitung des Coronavirus und der britischen Mutante zu verhindern. Und das, obwohl seit geraumer Zeit landesweit täglich rund 20.000 Neuinfektionen gemeldet werden und inzwischen mehr als 76.000 Menschen an oder nach einer Erkrankung gestorben sind.

Dennoch kündigte Premierminister Jean Castex bei seiner letzten Pressekonferenz überraschend keine neuen Ausgangssperren an, sondern lediglich die Beibehaltung der bereits geltenden Sperrstunde ab 18 Uhr sowie die Verschärfung der Einreiseregeln: Wer aus dem EU-Ausland kommt, muss einen negativen PCR-Test vorweisen können, während das Einreisen aus einem Nicht-EU-Land nur noch mit einem zwingenden Grund erlaubt ist.

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Geschäfte, Kindergärten und Schulen weiter offen

Davon abgesehen können die Franzosen weiterhin in Geschäften einkaufen. Schließen müssen lediglich Einkaufszentren mit einer Fläche von mehr als 20.000 Quadratmetern, sofern sie keine Lebensmittel anbieten. Dass Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten offen bleiben, ist ein besonderes Anliegen der Regierung, wenn auch die zweiwöchigen Frühjahrsferien um eine weitere Woche verlängert werden. „Ich habe Vertrauen in uns“, schrieb Präsident Emmanuel Macron auf Twitter. „Die Stunden, die wir erleben, sind entscheidend. Tun wir alles, um die Epidemie gemeinsam zu bremsen.”

Dem Meinungsforscher Emmanuel Rivière zufolge geht Macron damit das Risiko ein, „das Gefühl zu vermitteln, zu spät zu kommen“, sollte doch noch ein dritter Lockdown entschieden werden – vor allem wenn dieser letztlich umso länger und härter ausfällt. Einer Umfrage zufolge bescheinigen 61 Prozent der Franzosen ihrem Präsidenten ein schlechtes Krisenmanagement.

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Zu einem großen Vertrauensverlust kam es bereits bei Ausbruch der Pandemie, als es zunächst an Masken und Ausrüstung in den Krankenhäusern mangelte, später an Tests und vor allem an einer klaren Kommunikation.

Regierung fürchtet Revolte

Die Regierung fürchtet eine Revolte, vor allem angesichts der Verzweiflung der Kulturschaffenden, Gastronomen und Studenten. Nach einem Aufruf an Restaurants in den sozialen Netzwerken, am Montag verbotenerweise Gäste zu empfangen, warnte Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, dies ziehe für die Betroffenen einen Stopp der staatlichen Hilfszahlungen nach sich.

Solche Drohungen sind aber selten; die Regierung bemüht sich erkennbar darum, die Gemüter zu besänftigen. Das schlug sich auch in der anfänglichen Impfstrategie wieder: Die Kampagne startete sie bewusst nur zögerlich, um die vielen Impfgegner oder -skeptiker nicht zu verschrecken, die zunächst bis zu 60 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Doch deren Zahl sinkt und bald mussten sich die Verantwortlichen fragen lassen, warum Frankreich bei den Impfungen im internationalen Vergleich so stark zurückblieb. In der Folge holte es auf: Inzwischen haben rund 1,5 Millionen Franzosen mindestens einen ersten Piks erhalten.

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