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Organisation will in Forschung investieren

Foodwatch-Bericht: So kommt Europa aus der Pestizidabhängigkeit

Die Stralsunder Stadtverwaltung duldet auf eigenen landwirtschaftlichen Nutzflächen, die sie an verschiedene Bauern verpachtet hat, auch weiterhin den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat.

Foodwatch hat einen Bericht vorgelegt, der die Abhängigkeit der EU-Landwirtschaft von Pestiziden beleuchtet.

Eingeschlossen im eigenen Körper, sich der Umgebung vollkommen bewusst, aber unfähig, sich zu bewegen: Das Locked-in-Syndrom ist ein seltenes neurologisches Krankheitsbild – und eine perfekte Analogie zur Unfähigkeit des europäischen Agrarsystems, sich von Pestiziden zu lösen. Zu diesem Schluss kommt ein aktueller Bericht des gemeinnützigen Vereins Foodwatch, dessen Schwerpunkt auf der Wahrung der Rechte und der Beratung von Verbraucherinnen und Verbrauchern in Lebensmittelfragen liegt. Demnach ist das Agrarsystem der Europäischen Union in großem Maße vom Einsatz von Pestiziden abhängig.

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Der Grund laut Foodwatch: Der größte Teil landwirtschaftlicher Erzeugnisse werde an einige wenige Konzerne und Großhändler verkauft, die Preise, Sorten und Qualität der Produkte bestimmen. Im globalen Wettbewerb zwischen Millionen von Bauern und Bäuerinnen können diese nur dann einen Gewinn erzielen, wenn sie die Produktionskosten senken oder mehr Einheiten zu den gleichen Kosten produzieren. Das erreichen sie unter anderem mit dem Einsatz von Herbiziden, Pestiziden und Pflanzenwachstumsregulatoren.

Hinzu komme eine Art Dominoeffekt: Ein neues Pestizid ermöglicht Landwirten und Landwirtinnen, ihre Pflanzen kostengünstiger oder optisch ansprechender als konkurrierende Betriebe zu produzieren – was ihre gesamte Konkurrenz wiederum dazu zwingt, mitzuziehen und das Pestizid ebenfalls anzuwenden. Foodwatch spricht von einem „Race to the Bottom“, einem „Wettlauf nach unten“: Waren Pestizide ursprünglich als nützliches Instrument zur Schädlings- und Krankheitsbekämpfung gedacht, so dienen sie mittlerweile dazu, „zutiefst fragile landwirtschaftliche Produktionssysteme“ aufrechtzuerhalten. Darunter leiden Umwelt, Landwirtinne, Landwirte, Verbraucherinnen und Verbraucher. Gewinner dieser Situation seien nur die Unternehmen auf der Angebots- (Pestizide, Düngemittel, Saatgut, Futtermittel) und Nachfrageseite.

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In zwölf Schritten aus der Abhängigkeit

Foodwatch legt in seinem Bericht auch einen Zwölf-Punkte-Plan vor, wie die EU dem „Lock-in“ entkommen kann. Ein Punkt im „Aktionsplan für eine pestizidfreie EU“ ist die Besteuerung von Pestiziden entsprechend ihrer externen Kosten, die durch Landflucht, Umweltzerstörung, Überproduktion und hohe Subventionen „erschütternd“ hoch seien – Foodwatch schätzt sie auf mehrere Milliarden Euro jährlich. Angepasst an diese realen Kosten sollten auch die Gebühren für die Zulassung und Regulierung von Pestiziden erhöht werden. Die EU müsse des Weiteren CO₂-Preise einführen und Direktvermarktung sowie lokale und regionale Wertschöpfungsketten finanziell unterstützen.

Der Plan sieht außerdem eine Reformierung der bisherigen europäischen Agrarpolitik vor, deren Ziel die Pestizidreduzierung sein müsse. Subventionierungen für Fleisch- und Milchprodukte sollten abgeschafft, Betriebe auf die Produktion klimafreundlicher, gesunder Lebensmittel umstellt werden. Subventionierungen sollten an neue Bedingungen geknüpft sein: So müssten Betriebe, um die Gelder zu erhalten, Blühstreifen anlegen, bei mehrjährigen Kulturen eine Gründecke zwischen den Reihen erhalten, Lebensräume beispielsweise in Form von Hecken schaffen oder brachliegendes Land bewirtschaften.

Notwendig seien auch „ein Rechtsrahmen mit Vorschriften über die verbindliche Einhaltung der Menschenrechte und der ökologischen Sorgfaltspflicht“ sowie eine kohärente Pestizidgesetzgebung mit rechtlich verbindlichen Regeln für jede Kulturpflanze und Fruchtfolgegesetze.

Foodwatch fordert außerdem, die angewandte landwirtschaftliche Insektenforschung in die Ausbildung von Landwirten und Landwirtinnen aufzunehmen und regt Investitionen in die Forschung zu dem Thema an, um „Wissenslücken zu schließen“.

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Schädlichkeit seit Jahrzehnten bekannt

Frankreich, Deutschland und die Niederlande sind die größten Pestizidanwender in der Europäischen Union. Negative Nebenwirkungen des Pestizideinsatzes sind seit Langem bekannt: resistente Schädlinge, Gesundheitsbelastungen für Bäuerinnen und Bauern sowie Verbraucherinnen und Verbraucher, verschmutztes Grundwasser, sterbende Nützlinge. Trotzdem ist der Einsatz von Pestiziden in den letzten Jahrzehnten nicht zurückgegangen, im Gegenteil, weltweit ist er seit den 90er-Jahren sogar um 80 Prozent gestiegen, wie eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung belegt.

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Laut Foodwatch gibt es in anderen Teilen der Welt positive Vorbilder: Afrikanische und asiatische Landwirte und Landwirtinnen stellen demnach Lebensmittel wesentlich effizienter her. Europa könne den Absprung ebenfalls schaffen: „Der Weg zur Pestizidfreiheit in der EU ist überschaubar. Alle notwendigen Instrumente stehen bereits zur Verfügung. Ein Produktionsrückgang ist nicht zu befürchten.“

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