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Auf der Belarus-Route: Hayders Weg

Eine Tränengasgranate zerfetzte bei Protesten in Bagdad sein Gesicht. Jetzt hat es Hayder Yousif Mohammed über die Belarus-Route nach Berlin geschafft und will sich operieren lassen.

Berlin.Der Schleuser hatte Mitleid. Der junge Mann, der ihm entgegenkam, hatte nicht nur den Fluss hinter sich, nicht nur die vier Tage im Wald im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen. Er musste den schmalen jungen Mann nur anschauen. Es war nicht zu übersehen, dass er noch einen anderen Grund hatte als die anderen, sich auf den teuren und für einige tödlichen Weg zu machen.

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Er hatte etwas hinter sich. Etwas, das Hayder Yousif Mohammed, 23 Jahre alt, aus Bagdad, das halbe Gesicht zerstört hat.

Ein junger, optimistischer Mann – so sah Hayder in seinem ersten Leben aus.

Ein junger, optimistischer Mann – so sah Hayder in seinem ersten Leben aus.

Es war eine Tränengasgranate, abgefeuert von einer irakischen Miliz, doch dazu später. Erst einmal will Hayder auf dem schnellsten Weg nach Berlin. Berlin ist die Stadt seiner Träume, hier kennt er Gleichgesinnte, Iraker wie er, Influencer in den sozialen Netzwerken wie er. Sie werden ihm helfen, wenn er erst einmal dort ist. Und in Deutschland, so haben sie es ihm in Bagdad immer wieder gesagt, gäbe es die besten Ärzte. Spezialisten, die ihm seine Gesundheit, sein Gesicht wiedergeben könnten.

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1000 US-Dollar musste Hayder dem arabisch sprechenden Schleuser zahlen für den Platz auf der Ladefläche. 3000 Dollar kassierte der Mann von den anderen, berichtet er. Fast 30 Personen waren sie schließlich im Transporter. Knapp 90.000 Dollar für eine Fuhre. Riskant, aber äußerst lukrativ. Männer waren dabei, aber auch Familien mit kleinen Kindern. 800 Kilometer sind es einmal quer durch Polen, vom Grenzfluss Bug im Osten zum anderen Grenzfluss im Westen, der Oder. Dahinter liegt Deutschland. Dazwischen die Angst vor den Polizeikontrollen. Der Fahrer hielt nur zum Tanken an.

Fünf Tage lang war Hayder Yousif Mohammed nach der Attacke bewusstlos.

Fünf Tage lang war Hayder Yousif Mohammed nach der Attacke bewusstlos.

Die Babys durften nicht weinen. Niemand durfte sprechen. Hayder berichtet: „Wir haben also geschwiegen. Kein einziges Wort geredet. Dann waren wir in Frankfurt an der Oder.“

Immerhin war Verpflegung im Preis inbegriffen: eine große Tasche mit Obst, Süßigkeiten und Wasser, die der Schleuser in den Laderaum gestellt hatte. „Wir haben ihn angerufen und gesagt, dass wir großen Hunger haben“, berichtet Hayder. Den Kontakt zum Schleuser hatte er aus den sozialen Netzwerken. Auf Facebook, Instagram und Youtube schildern die Flüchtenden ihre Route, hier werben die Schleuser und Reisebüros, hier mischen sich praktische Tipps mit gewissenloser Propaganda.

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Die globalen Netzwerke wie Tiktok und Instagram sind auch Hayders Welt. Er hat 1,5 Millionen Follower bei Tiktok, 300.000 Abonnenten bei Youtube. Bei Instagram folgten ihm 600.000 Menschen, bis sein Account von Unbekannten gehackt wurde. Dort hat er über die Demonstrationen in seiner Heimat berichtet. Er bekam Drohnachrichten von anonymen Absendern.

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Er war zur Zielscheibe geworden. Kein Mitleid, sondern Hass schlug ihm entgegen. Dass es gefährlich werden könnte auf der Belarus-Route, „das war mir bewusst. Aber nicht gefährlicher als im Irak, vor allem, wenn dich die Milizen im Auge haben. Ich musste weg.“

Nun klappt er schnell das Schlafsofa im Wohnzimmer einer Hochparterrewohnung an einer vierspurigen Straße in Berlin-Schöneberg ein. Seit sechs Wochen ist er in Deutschland. Seinen Asylantrag hat er gestellt, jetzt übernachtet er bei den irakischen Freunden, mit denen er zuvor nur gechattet hat. Sie haben ihm Hilfe versprochen, nun kümmern sie sich wie alte Freunde um ihn.

Eine Granate im Irak veränderte sein Leben: Die Flucht von Hayder nach Berlin

2019 demonstrierte Hayder in Bagdad gegen die irakische Regierung – an diesem Tag veränderte sich sein Leben schlagartig. Nun ist er nach Berlin geflüchtet.

In der dunklen Hochparterrewohnung erzählt Hayder den Reportern vom RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) seine Geschichte. Sie beginnt im Herbst 2019, als junge Iraker massenhaft gegen die Regierung von Ministerpräsident Adil Abd al-Mahdi protestieren.

„Wir wollten eine Revolution, uns hat man die Freiheit geraubt“, sagt er. „Wir sind auf die Straße gegangen, um unsere Rechte einzufordern.“ Wochenlang gab es damals Aufruhr im Land, immer wieder werden Demonstranten erschossen. Am 24. Oktober versuchen die Aufständischen, in die geschützte „Grüne Zone“ in Bagdad einzudringen. Zwischen 50 und 67 Tote vermelden unterschiedliche Berichte für diesen Tag, darunter auch folgendes Detail: „In Bagdad wurden vier Personen getötet, weil Sicherheitskräfte mit Tränengasgranaten direkt auf ihre Köpfe schossen.“

Hayder spricht ohne besondere Gefühlsregung

Hayder hat in der arabischen Welt schon oft von diesem Tag berichtet, zuletzt im arabischen Kanal Al-Aan TV bei der Star-Journalistin Jenan Moussa. Auch gegenüber dem RND spricht er ausführlich und ohne besondere Gefühlsregung von den Minuten, die sein Gesicht zerstörten und sein Leben komplett veränderten:Ich habe gefilmt, als wir die ,Grüne Zone‘ betreten haben. In dem Moment wurde ich getroffen. Ich bin auf den Boden gefallen. Ich habe in den Himmel geschaut und alles nur schwarz gesehen. Ich wollte aufstehen, aber es ging nicht. Ich konnte meinen Kopf nicht bewegen. Ich hatte das Gefühl, dass aus meinem Mund, meinen Ohren, meinen Augen Rauch herauskommt. Einfach überall.“

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Fünf Tage lang lag er im Koma. Als er wach wurde, bat er seinen Vater um einen Spiegel. Der zögerte. Hayder bestand darauf. Und verstand, dass sein erstes Leben zu Ende war.

Die Gesundheitsbehörde lehnte ab, ihm zu helfen. „Du hast gegen die Regierung demonstriert, warum sollen wir etwas für dich tun?“ Eine Operation in Indien kostete 15.000 US-Dollar. Mit der Hilfe einer Freundin hat er das Geld dafür gesammelt. Die deutschen Ärzte aber seien die besten, hörte er. Sie könnten sein Gesicht zu 95 Prozent wieder herstellen.

Hayder träumt von Berlin

Berlin wurde sein Traum, sein Ziel. Unerreichbar. Ein Schengen-Visum, eine Einladung – aussichtslos. Bis im Sommer dieses Jahres ein neues Versprechen auftauchte: ein Weg via Minsk und Polen. Die Belarus-Route. Die Werbung dafür läuft dort, wo Hayder ohnehin unterwegs ist: in den sozialen Netzwerken. Von den Gefahren steht in den Posts der Reisebüros nichts, aber es gibt genügend Migranten, die ihre Erfahrungen von der Route live auf Tiktok und Co. schildern, mit Musik unterlegt, als wäre das Ganze ein Spiel. Ein paar Tausend Dollar und das eigene Leben sind der Einsatz. Der Hauptpreis: Berlin.

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Je kälter es in den Wäldern im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen wird, desto gefährlicher wird sie. Mindestens ein Dutzend Menschen sind dort gestorben. Zwei Tote gab es auf deutschem Gebiet, einer vor Wochen in Sachsen, einer in Brandenburg. Die stundenlange Fahrt auf der Ladefläche nach den Tagen, teilweise Wochen im Wald – am Ziel holte sie der Tod ein.

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Tausende harren in einem improvisierten Lager auf der belarussischen Seite des Grenzpostens in Bruzgi aus. Dutzende versuchen jede Nacht, die Grenze zu stürmen. Polnische Grenzschützer zeigen in Videos, dass die belarussischen Uniformierten dabei helfen: mit hölzernen Treppenkonstruktionen, die über den Stacheldrahtzaun gelegt werden. Mit Blendlichtern in der Nacht.

10.648 Menschen haben auf der Belarus-Route dieses Jahr bereits Deutschland erreicht. Auch Hayder gehörte dazu, am Morgen des 14. Oktober. Nachmittags saß er schon im Zug nach Berlin.

Hayder berichtet detailliert über Reise

Detailliert berichtet der junge Iraker, wie die Reise abläuft. Sie deckt sich mit vielen anderen Berichten, auch aus diesen Tagen, und zeigt, dass die Route noch längst nicht gesperrt ist – weder an den Flughäfen des Nahen Ostens noch in den Wäldern an der EU-Außengrenze.

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Ein anderer Migrant auf der Route, ein syrisches Model namens Khalid Slayman, hat aktuell seine gesamte Reise dokumentiert, ebenfalls auf Tiktok. Die letzten Sequenzen zeigen, wie er am Montag die nächtliche Oderbrücke nach Deutschland überquert und schließlich in Berlin ankommt. In einem auf Englisch gedrehten Video dankt er den polnischen Flüchtlingshelfern, die warme Kleidung und Essen in den Wäldern auslegen. „Ohne euch hätten wir es nicht geschafft. Ihr behandelt uns wie Menschen“, sagt der Mann.

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Margaritis Schinas, Vizepräsident der EU-Kommission, hat vor drei Wochen unter anderem Dubai und den Libanon besucht. Er zeigte sich beide Male „beeindruckt von dem Engagement der Behörden, mit uns zusammenzuarbeiten, um diesen Praktiken ein Ende zu setzen.“ Gemeint sind die Direktflüge nach Minsk. Doch auf der Website der Linie Flydubai ist auch im Dezember weiter ein täglicher Nonstopflug nach Belarus zu buchen.

Am 6. Oktober besteigt Hayder ein Flugzeug von Bagdad nach Dubai. 2000 US-Dollar kosteten Visum und One-Way-Ticket. Von Dubai ging es dann mit Flydubai, der staatlichen Billigfluggesellschaft des Emirats, nach Minsk.

Zwei Tage blieb Hayder in der belarussischen Hauptstadt. 500 Dollar gab er für Schlafsack, warme Stiefel und Winterkleidung aus. Vier Tage lang dauerte der Weg durch die Wälder. Er hatte kein Essen mehr, kein Wasser und keinen Strom für das Handy. Der Fluss war die Grenze, der einzige Weg war durch das bitterkalte Wasser, beschreibt Hayder seinen Weg.

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Dann der Schleuser, noch einmal 1000 Dollar, der Transporter. Und nun ist er in Berlin, ist da und doch nicht da. „Jeden Tag laufe ich mit meinen Freunden durch die Stadt, erkunde Berlin – und kann es doch nicht glauben“, sagt er. Bald wollen sie mit Ärzten sprechen, mit Krankenkassen, sie suchen Hilfe für die Operation.

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Vor Kurzem hat Hayder wieder einmal ein Tiktok-Video aufgenommen, in seinem neuen WG-Wohnzimmer mit den Sofas und dem Kronleuchter mit den Neonkerzen. Er hat es mit der Superman-Titelmusik unterlegt.

Mit einem geviertelten Bildschirm inszeniert er sich in Trainingsanzug und Baseball-Kappe, als würde er über den Boden schweben. Die Fäuste voran. 174.000 Herzen hat er dafür bereits eingesammelt.

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