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Flüchtlingshelferin im Libanon: „Jeder Tag ohne Bildung ist ein Drama“

  • Hunderttausende Flüchtlingskinder leben in Lagern im Libanon und in Syrien – ohne die Möglichkeit, zur Schule zu gehen.
  • Jacqueline Flory sorgt dafür, dass die Kinder nicht im Analphabetismus enden – ihr Verein baut Zeltschulen in den Camps und versorgt täglich über 25.000 geflüchtete Menschen.
  • Doch inmitten von Corona-Krise, Staatszerfall und Winter ist die Notsituation ernster denn je.
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12:46 min
Der von ihr gegründete Verein versorgt täglich über 25.000 geflüchtete Menschen in Camps im Libanon und in Syrien - nicht nur mit Bildung.  © RND
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Hunderttausende syrische Flüchtlingskinder leben im libanesisch-syrischen Grenzgebiet in provisorischen Zeltstädten, ohne Zugang zu Bildung. Jacqueline Flory (45) sorgt dafür, dass einige dieser Kinder nicht im Analphabetismus aufwachsen.

Mit ihrem 2016 unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise ins Leben gerufenen Verein Zeltschule e. V. baut sie Schulen in Flüchtlingscamps im Libanon und in Syrien. Im Libanon, dem Land, in das die meisten Syrer geflohen sind, haben sie sonst kein Recht auf Schulbildung. Den Unterricht übernehmen syrische Lehrer, die ebenfalls geflüchtet sind und in den Lagern leben. Inzwischen betreut die Münchnerin so mehr als 25.000 Menschen.

Im RND-Interview erzählt Flory von ihrem Kampf gegen Kinderarbeit, dem Winter in den Lagern – und wie die Corona-Pandemie das Leben der geflüchteten Menschen dort bedroht.

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Frau Flory, mittlerweile haben Sie 30 Zeltschulen aufgebaut. Gleichzeitig gefährdet im fünften Jahr seit Gründung des Zeltschule e. V. ein Virus die Bewohner. Wissen Sie, wie viele positive Corona-Fälle es in den Camps gibt?

Nein, denn die Geflüchteten bekommen keine Corona-Tests. Wir haben uns schon früh gefragt, was wir tun können, damit es nicht zu einem Massensterben in den Camps kommt. Abstand halten ist dort nicht möglich, die Zelte sind teilweise nur 30 Zentimeter auseinander – und in jedem Zelt leben zehn Menschen auf 15 Quadratmetern. Wir haben in Eigenregie ein Quarantänezelt errichtet, in dem wir Menschen mit Symptomen für zwei Wochen untergebracht haben, bis sie wieder symptomfrei waren. Davon hatten wir ungefähr 60 Fälle, Gott sei Dank ohne schwere Verläufe.

Aber sowohl uns wie auch den Geflüchteten ist sehr bewusst, dass sie im Notfall keinerlei Anspruch oder Aussicht auf eine medizinische Versorgung hätten. Uns war von Anfang an klar, dass wir präventiv alles tun müssen, was möglich ist, denn wenn wir die Krankheit in den Camps haben, gibt es nichts mehr, was man tun kann.

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Zeltschule-Initiatorin Jacqueline Flory (45) ist eigentlich Übersetzerin für Arabisch, Englisch und Spanisch. Als 2015 vor allem aus Syrien viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, konnte sie nicht tatenlos zusehen und rief einen Verein ins Leben mit dem Ziel, eine Schule für Flüchtlingskinder zu bauen. Fünf Jahre später hat sie 30 Zeltschulen in der libanesischen Bekaa-Ebene und in Nordsyrien aufgebaut, weitere sollen folgen. Flory ist Mutter zweier Kinder und lebt in München. © Quelle: Zeltschule e.V./Anne Kaiser

Ein Grund für Ihr Hilfsprojekt ist das Arbeitsverbot für volljährige syrische Flüchtlinge im Libanon, welches aber nicht für Kinder gilt. Wie schaffen Sie es denn, dass die Kinder überhaupt in die Schulen kommen?

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Es ist ganz essenziell wichtig, dass wir die Last von den Schultern der Kinder nehmen, die Familie versorgen zu müssen. Das Problem ist, dass die erwachsenen syrischen Flüchtlinge keinerlei Unterstützung bekommen. Sie dürfen nur ins Land und haben keine Möglichkeit, selbst für ihre Familie zu sorgen. Das einzige Schlupfloch, das ihnen bleibt, ist, ihre Kinder zur Arbeit zur schicken. Die syrischen Kinder sind beliebte und günstige Erntehelfer. Wenn wir also nur Schulen bauen würden, wären sie leer, weil die Kinder auf den Feldern arbeiten müssten.

Viele dieser Kinder sind seit Jahren ohne Bildung – dabei sind sie es, die einmal zurückkehren sollen in ihr Heimatland, um es wieder aufzubauen. Es ist also schrecklich, dass man diese ganze Generation junger Syrerinnen und Syrer verliert.

Da setzt unser Verein an, indem wir als Zeltschule sagen: Wir geben euch alles, was ihr an Wasser, Lebensmitteln und – seit Beginn der Corona-Pandemie verstärkt auch – Hygieneartikeln und Medikamenten benötigt, damit ihr zur Schule gehen könnt. Nur das macht den Schulbesuch überhaupt erst möglich.

Corona ist bei Weitem nicht das einzige Problem in den Lagern. Wir erinnern uns an die wirkliche Katastrophe in der Hauptstadt Beirut im August 2020, als im Hafen über 2700 Tonnen Ammoniumnitrat explodiert sind. Wie wirkt sich die libanesische Staatskrise auf Ihre Hilfsarbeit aus?

Die Staatskrise hat die Probleme, die das Land und die Geflüchteten ohnehin schon hatten, noch einmal massiv verschärft. Das Land befindet sich im freien Fall. Als wir vor fünf Jahren angefangen haben, gab es bereits eine Reisewarnung für den Libanon. Schon damals war es ein Staat am Rande des Abgrunds. Seitdem hat sich die Situation weiter rapide verschlechtert. Mittlerweile leben 80 Prozent aller libanesischen Bürger unter der Armutsgrenze.

Video
Straßenkämpfe im Libanon bei Anti-Lockdown-Protesten
1:30 min
Die Protestierenden gingen mit Molotowcocktails, Handgranaten und Steinen gegen die Einsatzkräfte vor. Die Polizei setzt scharfe Munition ein. Ein Mann starb.  © Reuters

Die Toleranz für die schiere Masse an Geflüchteten im Land – gut zwei Millionen Menschen in einem Land mit knapp sieben Millionen Einwohnern – ist da natürlich sehr gering. Die Ungeduld der Libanesen wächst, die Syrer zurückzuschicken, damit sich das Land um die eigenen Probleme kümmern kann, was aber die völlig korrupte Regierung nicht tun wird.

Die Explosionskatastrophe im August hat den Staatsbankrott noch mal vorangetrieben, das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, genau wie das Bankensystem. Das Land befindet sich in einer Hyperinflation, und es ist unglaublich schwierig und teuer geworden, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat 25.000 Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen.

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Darüber hinaus ist gerade auch noch Winter ...

Ich finde die öffentliche Empörung über das, was auf den griechischen Inseln passiert – klirrende Kälte und unter Wasser stehende Zelte – bemerkenswert. Wir erleben das in den libanesischen Flüchtlingslagern jedes Jahr, und es interessiert niemanden. Nachts müssen bei zweistelligen Minusgraden im Stundentakt die Zelte vom Schnee befreit werden, damit sie unter der Last nicht einbrechen.

Tagsüber steigen die Temperaturen dann auf bis zu plus zehn Grad, der Schnee schmilzt, und das ganze Camp steht unter Wasser. Unser Hilfsbedarf ist enorm: Wir brauchen Schuhe, Feuerholz, Heizdecken und Matten. Wir sind immer sehr froh, wenn diese schwierige Jahreszeit Anfang März vorbei ist.

Wenn das Klima insgesamt so flüchtlingsfeindlich ist, wollen die Menschen dann nicht schnell weg von dort?

Ich war mittlerweile in Hunderten von Flüchtlingscamps, weil wir auch jedes Mal, wenn wir vor Ort sind, schauen, wo wir potenziell neue Zeltschulen bauen können. Und in diesen Hunderten von Camps bin ich noch nie von irgendjemandem gefragt worden: „Kannst du uns helfen, nach Europa zu kommen?“

Die Menschen möchten in ihrer Region bleiben, wenn ihnen das irgendwie möglich gemacht wird. Wenn es natürlich so ist, dass sie auch in den Nachbarländern verhungern, erfrieren, im Winter bis zu den Knien im Wasser stehen, dann sind sie gezwungen, weiter zu fliehen, das wollen sie aber eigentlich nicht.

Es ist dort aber auch allen klar, dass der Libanon langfristig keine Perspektive ist. Ohne die Milliarden an Spendengeldern internationaler Hilfsorganisationen aus dem Ausland, die im Land hängen geblieben und nie an die Flüchtlinge weitergegeben worden sind, wäre der Staatsbankrott viel früher eingetreten.

Sie leisten das, was sich in der deutschen Politik viele wünschen, nämlich aktive Bekämpfung von Fluchtursachen vor Ort. Ist das nicht Aufgabe internationaler Organisationen?

Eigentlich sollte das natürlich nicht unsere Aufgabe sein. Meine Hoffnung wäre, dass die Zeltschule eines Tages überflüssig wird, weil die großen internationalen Hilfsorganisationen, die UN, die europäische Außenpolitik die Aufgabe übernommen haben, die wir jetzt versuchen zu stemmen – und natürlich nicht in der Größenordnung stemmen können, in der sie gebraucht wird.

Jede Lösung, die vor Ort umgesetzt wird, muss aber die libanesische Regierung umgehen, da sonst die Hälfte der Gelder dort stecken bleiben würde. Damit könnte ich nicht leben. Unsere Spendengelder kommen genau dort an, wo sie gebraucht werden.

Durch die Corona-Krise fürchten auch hierzulande immer mehr Menschen wirtschaftliche Nöte oder stecken mittendrin. Bekommen Sie das durch eine gesunkene Spendenbereitschaft zu spüren?

Tatsächlich scheinen Spenden aktuell bei vielen von uns nicht oben auf der Prioritätenliste zu stehen. Es gibt aber eine große Diskrepanz zwischen dem, was wir als unzumutbar empfinden, und der Situation, unter der diese Menschen seit einem Jahrzehnt leben. Wir können zu Hause bleiben, wir haben ein Zuhause, die Menschen dort nicht.

Unsere Kinder haben Laptops und Handys und können online unterrichtet werden. Die Kinder dort waren jahrelang nicht in der Schule. Jeder wochenlange Lockdown ist ein Drama für sie, weil er bedeutet, dass sie Tag und Nacht in kalten, unmöblierten Zelten ausharren müssen und wieder wertvolle Bildungszeit versäumen. Wir können als Zeltschule nur dazu auffordern, diese Diskrepanz zu sehen und über die Möglichkeit einer Spende nachzudenken. Die Menschen dort brauchen es dringend. Selbst wenn es nur eine ganz kleine Spende ist, viele kleine Spenden machen den Unterschied.

Wer den Zeltschule e. V. unterstützen möchte, findet Informationen auf der Website www.zeltschule.org. Dort kann man auch gezielt an einzelne Projekte spenden, etwa einem Kind die Schulmaterialien finanzieren.

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