Flüchtlinge in Athen: Ein Leben wie menschliches Treibgut

  • Griechenland bringt Tausende anerkannte Asylbewerber aus den Insellagern aufs Festland.
  • Dort leben sie legal – aber ohne Obdach, Arbeit oder Sozialhilfe.
  • Ein Besuch im Nichts, mitten in der Stadt.
Cedric Rehman
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Athen. Die Stadtverwaltung hat die Bänke entfernen lassen. Niemand soll darauf sitzen oder gar liegen können. Also lagern die Menschen auf den Betonplatten und in den Beeten rund um die Bäume. Familien breiten Decken aus, Mütter legen ihre Kinder darauf schlafen. Männer liegen Schulter an Schulter auf dem Boden. Sie starren vor sich hin, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ihr bisschen Hab und Gut stapelt sich in Rucksäcken und Tüten um sie herum.

Auf dem Viktoriaplatz im Zentrum Athens leben die Migranten wie menschliches Treibgut. Geflohen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika, gestrandet erst auf Lesbos, im Flüchtlingslager Moria, von den Wellen der europäischen Flüchtlingspolitik weitergetragen mitten in die griechische Hauptstadt. Ins Nichts. In ein unfassbar aussichtsloses Leben.

Sobald sich jemand nähert, der ein Helfer sein könnte, bildet sich eine Traube von Menschen um ihn herum. Es sammeln sich Fußlahme, Gebeugte, Mütter mit Kindern, denen der Rotz aus der Nase läuft. Sie rufen im Durcheinander auf Englisch Worte wie „Blood“, „Urin“, „Doctor“, „Please“ und weisen auf schmerzende Stellen an ihren Körpern.

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Sie sind alle ganz legal hier in Athen. Als anerkannte Asylbewerber. Sie zücken Plastikkarten mit einem blauen Stempel. So sieht in Griechenland der Ausweis aus, der den Flüchtlingsstatus dokumentiert. Sie halten ihn den Besuchern wie ein großes Fragezeichen entgegen. Sieht so die sichere Zuflucht aus, die Griechenland mit den Asylpapieren verspricht? Ohne ärztliche Versorgung, ohne Essen und Wasser, ohne Dach über dem Kopf, unter freiem Himmel?

Aus dem Lager auf die Straße

Amena Nowrozi hält einen rosafarbenen Bußgeldbescheid der Athener Verkehrsbetriebe in der Hand. Ein Kontrolleur stellte ihr den Schein am 2. September aus. Sie soll 72 Euro an die Stadtverwaltung bezahlen, wegen Schwarzfahrens.

Mit 60 Euro Startgeld kamen die 30-jährige Afghanin und ihr Mann Ramazan Ali Nowrozi Ende Juli aus Lesbos in Athen an. Ramazan sitzt schweigend neben seiner Frau am Viktoriaplatz, während sie ihre Geschichte erzählt. Niemand vom Migrationsministerium oder der Stadtverwaltung habe sie mit Informationen über eine Unterkunft oder Hilfe für die ersten Tage am Pier im Hafen von Piräus empfangen. „Wir hörten von den anderen aus Moria, dass Afghanen in Athen am Viktoriaplatz schlafen“, erzählt sie.

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RND-Reporterin auf Lesbos: Angst vor dem zweiten Moria
2:03 min
Nach dem Brand von Moria wollen die Geflüchteten auf Lesbos nicht in das derzeit errichtete Behelfslager einziehen.  © RND

Die Nowrozis kauften sich von ihren 60 Euro also zwei Tickets von Piräus zum Viktoriaplatz, Medikamente und SIM-Karten für ihre Mobiltelefone. Sie tauschten mit ihrer Anerkennung als Asylbewerber ein Zelt im inzwischen abgebrannten Lager Moria gegen einen Platz auf Beton im Zentrum von Athen.

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Nowrozi erinnert sich: „Ich war glücklich, als es endlich aufs Festland gehen sollte.“ Dann erfuhren sie und ihr Mann, dass das UN-Flüchtlingswerk UNHCR nach einem positiven Asylbescheid innerhalb von 30 Tagen ihre Geldkarte sperrt und sie als anerkannte Asylbewerber kein Recht mehr auf einen Platz in einer Unterkunft haben. Die griechische Regierung hatte diese Gesetzesänderung im Frühjahr entschieden.

Wer anerkannt ist, soll sich ab sofort wie jeder griechische Bürger selbst um Unterhalt und Obdach kümmern, verkündete im Mai der griechische Migrationsminister Notis Mitarakis. Nur: Die meisten Geflüchteten sprechen nicht einmal Griechisch. Und wo sollen sie einen Job finden, bei einer Arbeitslosenquote von 18 Prozent? Und wer gibt ihnen eine Wohnung, wenn sie kein Einkommen haben?

Ein Landsmann nimmt das Ehepaar vorübergehend auf

Erst von anderen Afghanen auf dem Viktoriaplatz haben die Nowrozis von einem EU-finanzierten Programm namens Helios erfahren, erzählt Amena Nowrozi. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) bietet dabei anerkannten Geflüchteten Integrations- und Sprachkurse an und unterstützt bei der Suche nach Wohnung und Arbeit.

Helios schien der Schlüssel zu einer besseren Zukunft. Aber auch diese Hoffnung hatte einen Haken. Asylbewerber brauchen eine Steuernummer und ein Bankkonto, um vom Helios-Programm Hilfe zu erhalten. Beides können in Griechenland nur Menschen beantragen, die eine feste Wohnung haben.

So ist das jetzt: Flüchtlinge benötigen eine Wohnung, um von Helios Hilfe bei der Wohnungssuche zu erhalten.

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Die Nowrozis hatten Glück, ein Landsmann nahm sie vorübergehend auf. Der Mann erlaubte ihnen, seine ­Adresse zu nutzen für den Antrag auf eine Steuernummer. Diese Hürde schien genommen. Doch wie sollten die Nowrozis die aus dem Internet heruntergeladenen griechischen Formulare für die Steuernummer ohne Hilfe ausfüllen?

Amena Nowrozi entschied sich am 2. September, das Risiko einzugehen, setzte sich in einen Bus, um einen anderen Afghanen zu treffen, der bereits Griechisch spricht und helfen wollte. Ihr Plan ging schief. Sie wurde beim Schwarzfahren erwischt. Noch einmal ein Bußgeld zu riskieren, um mit dem Übersetzer die für die Steuernummer nötigen Formalitäten zu erfüllen, traut sie sich nicht. Und Geld für ein Ticket hat sie nicht.

Flüchtlingscamps glichen virologischen Zeitbomben

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Zoe Kokalou von der Hilfsorganisation Arsis vermutet, dass Menschen wie Amena Nowrozi in den kommenden Monaten von den Straßen und Plätzen Athens verschwinden werden. Allerdings dürften die wenigsten ihren Weg in das Helios-Programm und damit in ein Leben unter eigenem Dach finden, vermutet sie. Sie befürchtet eher neue Lager. Kokalou genehmigt sich einen Schokoladenfrappé in einem Straßencafé unweit des Viktoriaplatzes. Eine Aufmunterung muss sich die Helferin in diesen Wochen nach dem Brand im Lager Moria zwischendurch mal gönnen.

Ihre Organisation mietet mit Geld von der EU für rund 2000 Geflüchtete Wohnungen in ganz Griechenland an. Nun sollen viele ihrer Klienten die Wohnungen räumen.

Kokalou beschreibt, warum seit Juli immer mehr Flüchtlinge wie Treibgut von den griechischen Inseln in den Hafen von Piräus gespült wurden und nun ratlos durch das Häusermeer der Hauptstadt ziehen. Die Behörden hätten zum einen seit Beginn der Corona-Pandemie in den Lagern auf den Inseln im Eilverfahren Asyl gewährt, erklärt Kokalou. Die Camps seien im März 2020 so überfüllt gewesen, dass sie virologischen Zeitbomben glichen: „So viele wie möglich sollten weg aus den Lagern.“

Gleichzeitig erließ die Regierung des Konservativen Kyriakos Mitsotakis jenes Gesetz, dass nach 30 Tagen die finanzielle Unterstützung von – laut UNHCR – 11.237 anerkannten Asylbewerbern beendet und Geflüchtete dazu verpflichtete, ihre mit EU-Geldern finanzierten Unterkünfte zu verlassen. So rollte im Sommer eine weitere Welle Obdachloser auf Athen zu. Und der Viktoriaplatz selbst gilt als Hotspot der Corona-Epidemie.

„Es stimmt zwar, dass bisher kein Geflüchteter zwangsgeräumt wurde. Aber viele verließen ihre Wohnungen freiwillig, solange noch ein Betrag auf ihrer Geldkarte war. So konnten sie sich wenigstens noch Kleidung und Essen kaufen, die sie auf der Straße benötigen“, sagt Kokalou. Aber aus der Obdachlosigkeit heraus sei es wegen der behördlichen Hürden fast unmöglich, in das Helios-Programm zu kommen.

Wie viele Flüchtlinge dürfen nach Europa?

Die Situation könnte sich schon bald weiter verschärfen. Die griechischen Behörden wollen 2500 Geflüchtete von Lesbos aufs Festland verlegen. Alles Menschen wie in der ersten Gruppe, die entweder das Asylverfahren erfolgreich durchlaufen haben oder als besonders gefährdet eingestuft sind, wie etwa Schwangere oder alleinstehende Frauen.

Flüchtlinge auf den Straßen von Athen. © Quelle: Cedric Rehmann

Unklar ist derzeit, wie viele dieser Migranten in andere europäische Länder ausgeflogen werden. Die Bundesregierung hatte im September angekündigt, 1553 anerkannte Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen. 139 unbegleitete Minderjährige sowie kranke Flüchtlingskinder und ihre Angehörigen landeten Ende September mit einer Maschine am Flughafen Hannover.

Doch Helfer wie Zoe Kokalou haben Zweifel, dass Griechenland die Geflüchteten wirklich ziehen lassen will. In der Öffentlichkeit wachse die Einschätzung, dass eine Aufnahme im Ausland die Probleme Griechenlands nicht lösen, sondern neue schaffen könnte, meint sie.

Die Regierung hatte nach dem Brand in Moria zunächst ausgeschlossen, dass Migranten in andere europäische Länder gebracht werden. Regierungssprecher Stelios Petsas bezeichnete wenige Tage nach dem Feuer eine Evakuierung als Belohnung für Brandstiftung.

Jede noch so kleine Hoffnung auf eine Zukunft in Deutschland oder Schweden könnte weitere Flüchtlinge in der Türkei dazu bewegen, sich in die Boote nach Lesbos oder Samos zu setzen, befürchten viele Griechen. Was bleibt? „Die Menschen wollen die Geflüchteten nicht als Nachbarn haben, sie werden sie aber auch nicht lange auf den Straßen dulden. Also bleiben nur neue Lager“, sagt Zoe Kokalou.

Lieber zurück nach Syrien

Anerkannte Geflüchtete könnten freiwillig in von der griechischen Armee bewachte Camps ziehen, um Hunger und Elend auf den Straßen von Athen und anderen Städten zu entfliehen, vermutet Kokalou. Helfer der griechischen Hilfsorganisation Refugee Support Aegean (RSA) berichten, dass die Polizei obdachlosen anerkannten Flüchtlingen bereits angeboten habe, hinter Zäune und Gitter in bewachte Abschiebezentren für illegale Migranten zu ziehen. Die Regierung hüllt sich dazu in Schweigen. Schriftliche Anfragen an den Sprecher des Migrationsministers Mitarakis bleiben genauso wie Anrufe unbeantwortet.

Qamar Almasi würde denn auch sofort ein Flugzeug besteigen, dass sie nach Syrien zurückbringt. Als sie 2017 ihre Heimatstadt Deir-ez-Zor verließ, war die Terrormiliz IS noch nicht besiegt. In Ostsyrien ist der IS heute zurückgedrängt. Doch selbst wenn die Gotteskrieger nach Deir-ez-Zor zurückkämen, lebte sie lieber dort zwischen den Ruinen als mit dem Rücken zur Wand in Athen.

Die 33-jährige Mutter sitzt mit ihrem Sohn auf einer Bank in einem Park unweit der Metrostation Kallithea. Vor einigen Tagen hat sie zuletzt versucht, Geld mit der Chipkarte für Flüchtlinge abzuheben. Da war das Konto leer. „Ich hatte die Hoffnung, dass alles besser wird, als wir auf Lesbos Asyl bekommen haben“, meint die Mutter resigniert.

Jetzt wartet sie, bis die Lebensmittel zur Neige gehen oder die Polizei vor der Tür steht. Denn die 30 Tage, in denen die Familie Almasi noch in ihrer von der EU finanzierten Wohnung bleiben kann, laufen demnächst ab. Noch versucht Zoe Kokalou einen Aufschub für die Familie zu erreichen. Almasis Mann und eine Tochter sind ihren Angaben zufolge chronisch krank. Nach 60 Tagen wäre allerdings auch eine Gnadenfrist vorbei. „Dann wohne ich hier im Park mit meinen Kindern“, sagt Almasi.

Was sie sich wünscht? Dass sie alle Sprachen der Welt sprechen könne, sagt sie, denn: „Dann würde ich den Menschen sagen: Kommt auf keinen Fall hierher.“

“Staat, Sex, Amen”
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