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Besuch der Baerbock-Delegation

Wie zwei Grundschülerinnen aus Afghanistan auf dem Weg nach Deutschland in Pakistan strandeten

Die Schwestern Zahra, neun Jahre, und Safia, sieben Jahre, haben Zuflucht im Schutzhaus der Kabul Luftbrücke in Islamabad/Pakistan gefunden. Aus Schutzgründen zeigen wir ihre Gesichter nicht.

Islamabad. Das Haus, in dem Safia und Zahra* jetzt wohnen, liegt hinter einer hohen Mauer. Einen Garten gibt es dort und eine Dachterrasse. Es gibt freundliche Betreuerinnen, die die beiden Schwestern in den Arm nehmen. Vor dreieinhalb Monaten sind sie aus Afghanistan nach Pakistan gekommen, allein, ohne Familie. Von dort sollten sie weiter nach Wiesbaden zu ihrer Tante zu reisen. Aber immer ist irgendwas mit den Dokumenten. Das Haus der Hilfsorganisation Kabul Luftbrücke in Islamabad ist jetzt ihr Zuhause. Safia ist sieben Jahre alt, Zahra neun Jahre.

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„Wir versuchen, eine Lösung zu finden“, sagt Herta Mirea von Kabul Luftbrücke. Sie klingt ein wenig hoffnungslos. Um sie herum sitzen im Garten des Hauses unter einem großen weißen Baldachin die Delegation von Außenministerin Annalena Baerbock. Die Ministerin nimmt wegen einer Corona-Infektion nicht teil.

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Angst vor der Zwangsverheiratung

Der Vater der Mädchen sei bei einem Unfall, die Mutter sei bei einem Anschlag ums Leben gekommen, erzählt Mirea. Ein Großonkel habe sie versteckt, damit die Taliban die Mädchen nicht mit einem der ihren zwangsverheirateten. Schließlich hat er seine Großnichten doch lieber weggeschickt.

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Nun gibt es Unterlagen, die beschafft werden müssen, auch solche der verstorbenen Eltern. „Es sind sehr viele Dokumente für zwei Mädchen ohne Erziehungsberechtigten“, sagt Migrationsexpertin Sophia Eckert von der Kinderschutzorganisation Terre des hommes, die den Fall mitbetreut.

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Die zuständige Ausländerbehörde in Deutschland habe der Aufnahme der Mädchen zugestimmt, heißt es. Das deutsche Familiengericht habe deutlich gemacht, dass der Tante das Sorgerecht zugeteilt werde. Auch Plätze in der Schule seien besorgt.

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Taliban und Frauenrechte

Mit Safia und Zahra warten in dem Haus der Kabul Luftbrücke 21 andere Afghaninnen und Afghanen, die vor den Taliban geflohen sind: die Universitätsdozentinnen Fahima und Freba* zum Beispiel, Spezialgebiet Seh- und Hörbehinderungen. „Ich durfte plötzlich nicht mehr in mein Büro“, erzählt Fahima. Sie verlor ihre Leitungsfunktion, weil die bei den Taliban nicht mehr von Frauen besetzt sein dürfen. Bunte Kleidung – verboten. Gespräche mit männlichen Kollegen – verboten. Unterrichten – nur die Mädchen. Künftig wollen die beiden in Hildesheim forschen, Fachbereich Gender und Behinderung.

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Die Hochschullehrerinnen Fahima und Freba aus Afghanistan berichten im Schutzhaus der Kabul Luftbrücke in Islamabad darüber, wie die Taliban ihr Leben eingeschränkt haben.

Die Hochschullehrerinnen Fahima und Freba aus Afghanistan berichten im Schutzhaus der Kabul Luftbrücke in Islamabad darüber, wie die Taliban ihr Leben eingeschränkt haben.

Zuflucht gefunden haben auch Ali und Sami*, zwei junge Männer, die Kindern in Kabul Kurse für Freestylefahren mit BMX-Rädern gegeben haben. Kunststücke auf kleinen Fahrrädern, für Mädchen und Jungen – die Taliban schlossen die kleine Schule. Nun bringen die beiden BMX-Fans anderen Wartenden das Fahrradfahren bei. Es gibt auch ein bisschen Unterricht: Lesen und Schreiben, jeden zweiten Tag Deutschstunden. Eine geflohene Kunststudentin macht Zeichenworkshops.

Sie alle harren seit Monaten in Islamabad aus, ein paar Schicksale von vielen.

Rund 20.000 Afghaninnen und Afghanen hat Deutschland aufgenommen, seit die Taliban vergangenen Sommer nach dem Abzug der internationalen Truppen die Macht übernommen haben, auf den Evakuierungslisten stehen ehemalige Ortskräfte deutscher Organisationen und solche, die etwa als Menschenrechtler als besonders schutzbedürftig eingestuft wurden.

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Bei denen, die im KLB-Haus warten, geht es oft einfach darum, der Familie nachzureisen, die bereits in Deutschland ist.

Die Kriterien für den Familiennachzug müssen weiter gefasst werden. Geschwisternachzug muss ermöglicht werden.

Sophia Eckert,

Mitarbeiterin von terre des hommes

Die Mitarbeitenden des Auswärtigen Amtes hören zu, wie die Geflüchteten ihre Geschichten erzählen. Ein Botschaftsmitarbeiter sagt: „Wir tun unser Bestes, um die Sache zu beschleunigen.“ Beschränkte Personalkapazitäten führt er an und rechtliche Voraussetzungen, die nun mal erfüllt sein müssten. Und manchmal, sagt er, klappten Ausreisen ja auch in zwei Wochen.

Migrationspaket der Regierung

Sophia Eckert von Terre des hommes setzt beim rechtlichen Rahmen an: „Die Kriterien für den Familiennachzug müssen weiter gefasst werden. Geschwisternachzug muss ermöglicht werden. Und es kann nicht sein, dass Jugendlichen nicht mehr zur engeren Familie gehören sollen, sobald sie 18 sind. Damit werden Familien auseinandergerissen“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Sie fordert: „Die Bundesregierung muss das in ihrem angekündigten Migrationspaket berücksichtigen.“ Erleichterungen beim Familiennachzug seien schließlich im Koalitionsvertrag der Ampelregierung angekündigt.

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Auf Seite 111 heißt es dort unter anderem: „Familienzusammenführung muss im Sinne der Integration und der Aufnahmefähigkeit der Gesellschaft gestaltet werden.“ Und: „Wir werden beim berechtigten Elternnachzug zu unbegleiteten Minderjährigen die minderjährigen Geschwister nicht zurücklassen. Zum Ehepartner oder zur Ehepartnerin nachziehende Personen können den erforderlichen Sprachnachweis auch erst unverzüglich nach ihrer Ankunft erbringen.“

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat angekündigt, dass die Koalition noch vor der Sommerpause den ersten Schritt zur Neuordnung des Migrationsrechts gehen werde. Mit dem sogenannten Migrationspaket soll vor allem das Aufenthaltsrecht reformiert werden.

Vor ein paar Tagen ist die Tante von Safia und Zahra aus Deutschland nach Islamabad gereist. Sie wohnt nun mit den Schwestern in deren Zimmer. Ihr Visum für Pakistan hat wenige Wochen Gültigkeit.

* Hinweis der Redaktion: Aus Schutzgründen werden nur die Vornamen der Geflüchteten genannt.

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