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  • Feuerhölle von Moria: Flucht aus dem Flüchtlingslager - Was wird aus 13.000 Bewohnern?

Flucht aus der Feuerhölle von Moria

  • Ein Feuersturm, ausgelöst offenbar von Brandstiftern, fegt durch das Migrantenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos.
  • Schon zuvor lebten die fast 13.000 Bewohner des Camps in katastrophalen Verhältnissen.
  • Was wird nun aus ihnen?
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Athen. Moria gibt es nicht mehr. Das größte und zugleich verwahrloseste Flüchtlingscamp Europas liegt in Schutt und Asche. Der Pressefotograf Giorgos Moutafis, der als einer der ersten Reporter am Mittwochmorgen das Camp erreichte, berichtete telefonisch im Sender Mega TV: “Alles ist vernichtet. Hier sieht es aus, als habe eine Bombe eingeschlagen”.

Die Zeitbombe tickte seit langem. “Jetzt ist die Situation regelrecht explodiert”, sagt Stratos Kytelis, der Bürgermeister von Mytilini auf Lesbos. Moria liegt zwölf Kilometer von der Inselhauptstadt entfernt. Die “Hölle” nannten Bewohner das fünffach überbelegte Camp. Mit dem Feuersturm, der in der Nacht zum Mittwoch das Lager verwüstete, bekommt dieses Wort eine neue, schreckliche Bedeutung.

Kurz vor Mitternacht begann das Feuer

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Augenzeugen berichten, dass kurz vor Mitternacht im Umkreis des Lagers Flammen aufloderten. Es soll sich um etwa ein Dutzend kleiner Brandherde gehandelt haben. Starke Nordwinde fachten die Flammen an. Schnell griffen sie auf die Zelte und Wohncontainer über. Die Lagerbewohner, darunter viele Familien mit Kindern, flohen vor den Flammen in die umliegenden Wälder und Hügel. Die Feuerwehr setzte zehn Löschfahrzeuge und einen Löschhubschrauber ein. Erst am Morgen gelang es ihr, den Brand zu löschen. Ob Menschen verletzt oder getötet wurden, war zunächst noch unklar.

Alles deutet auf Brandstiftung hin. Anders ist nicht zu erklären, dass an so vielen Stellen gleichzeitig Feuer ausbrachen. Wer dahinter steckt, ist noch unklar. Der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas sagte, Lagerbewohner selbst hätten die Brände gelegt. Schon bei früheren Protesten hatten Migranten Wohncontainer in Brand gesteckt. Für diese Version spricht auch, dass die Feuerwehrleute bei den Löscharbeiten von Migranten massiv mit Steinwürfen behindert wurden. Manche riefen triumphierend “Bye, bye Moria!”

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Überfülltes Flüchtlingslager Moria auf Lesbos niedergebrannt
2:28 min
Auf der Insel wurde laut Medienberichten der Notstand ausgerufen. Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl forderte die Bundesregierung zum sofortigen Handeln auf.  © Reuters

Lager unter Corona-Quarantäne

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Dem Brand waren am Dienstagabend Unruhen im Lager vorausgegangen. Auslöser war die Corona-Epidemie. Vor einer Woche wurde erstmals ein Lagerbewohner positiv auf das Virus getestet. Die Regierung verhängte daraufhin eine Quarantäne über das Lager und begann mit Tests. Am Dienstag wurde bekannt, dass sich weitere 35 Migranten mit dem Virus infiziert hatten. Sie, ihre Familien und Kontaktpersonen sollten in eine Isolierstation außerhalb des Lagers gebracht werden. Dagegen regte sich Widerstand. Derweil versuchten andere Lagerbewohner, das Camp zu verlassen, aus Angst, sie könnten sich dort anstecken. Es kam zu heftigen Streitigkeiten, die offenbar später zu den Brandstiftungen führten.

Als Reaktion auf die Katastrophe beschloss die norwegische Regierung, sofort 50 Asylbewerber aus dem Lager aufzunehmen. Die Entscheidung sei gefallen, als man am Morgen die Bilder von dem Feuer gesehen habe, sagte Ministerpräsidentin Erna Solberg. “In dieser Situation müssen wir einfach in Gang kommen”, so Solberg. Bundesaußenminister Heiko Maas sprach von einer “humanitären Katastrophe”. Er forderte die Aufnahme von Migranten aus Moria unter aufnahmewilligen Ländern in der EU. Amnesty International mahnte eine menschenwürdige Unterbringung der 13.000 Schutzsuchenden an. Die Obdachlosen müssten sofort in Sicherheit gebracht werden. Dazu gehöre “die Evakuierung der geflüchteten Menschen auf das griechische Festland und die weitere Umverteilung in andere europäische Staaten”, sagte die Amnesty-Asylexpertin Franziska Vilmar. EU-Innenkommissarin Yiva Johansson versprach schnelle Hilfe. Sie sei in Kontakt mit den lokalen Behörden, schrieb die schwedische Politikerin auf Twitter.

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Bundesweite Proteste nach Brand in Moria
1:58 min
Die Demonstranten forderten die Bundesregierung auf, die Menschen aus dem völlig überfüllten Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos aufzunehmen.  © Reuters

Pro Asyl: Bund und EU verantwortlich

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl machte die Bundesregierung und die EU für die Katastrophe in Moria verantwortlich. Sie sei “eine Folge der skandalösen und menschenverachtenden deutschen und europäischen Politik”, sagte Pro Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. In den Lagern seien Tausende Menschen “psychisch zermürbt” worden. Anstatt für faire Asylverfahren zu sorgen, hätten alle EU-Staaten zugeschaut.

Das Camp Moria wurde im Rahmen des EU-Flüchtlingspakts mit der Türkei 2016 gebaut. Seinen Namen hat es von dem nahegelegenen Dorf Moria. Lesbos ist ein Hauptziel der Migranten, die von der etwa 15 Kilometer entfernten türkischen Küste ins EU-Land Griechenland zu gelangen versuchen. Moria war konzipiert als eines von fünf Erstaufnahmelagern. Weitere gibt es auf Chios, Leros, Kos und Samos. In diesen sogenannten “Hotspots” werden die ankommenden Geflüchteten registriert und warten auf ihre Asylbescheide. Abgelehnte Asylbewerber sollten in die Türkei zurückgeschickt werden. Die Behörden wurden jedoch schnell von dem großen Ansturm überfordert. Die Asylverfahren zogen sich immer weiter in die Länge, auch wegen vieler Einsprüche. Deswegen funktionieren auch die im Flüchtlingspakt vorgesehenen Rückführungen in die Türkei nicht. Moria hat Unterkünfte für 2757 Personen, zeitweilig lebten dort aber über 15.000 Menschen. Aktuell sind es nach offiziellen Angaben 12.589, darunter etwa 4000 Kinder.

Das Lager war dauerhaft überfüllt

Die Zustände im Lager waren katastrophal. Menschenrechtsorganisationen nennen Moria “die Schande Europas”. Weil es in den Wohncontainern des eigentlichen Lagers längst keine freien Schlafplätze mehr gab, hausten die meisten Menschen in Zelten und Unterschlägen, die sie sich aus Latten, Pappe und Plastikplanen in den umliegenden Olivenhainen gezimmert haben. Hunderte mussten sich einen Wasserhahn teilen, es gab nur wenige Toiletten und Duschen. Ähnlich sieht es in den anderen Lagern aus. Das Camp Vathy auf der Insel Samos ist mit 4815 Bewohnern sogar mehr als siebenfach überbelegt. Insgesamt leben auf den fünf Inseln nach offiziellen Angaben 27.123 Menschen – in Unterkünften, die für 10.334 Personen ausgelegt sind.

Ein Grund für die Überfüllung liegt im Flüchtlingspakt. Er schreibt vor, dass die Migranten bis zum Abschluss der Asylverfahren auf den Inseln festzuhalten sind. So soll verhindert werden, dass sie auf Schleichwegen in andere EU-Staaten gelangen. Auf den Inseln sind die Aufnahmemöglichkeiten aber begrenzt. Pläne der Regierung zum Bau weiterer Lager stoßen auf erbitterten Widerstand der örtlichen Bevölkerung. Im Lager Vathy auf Samos lebten im vergangenen Jahr zeitweilig mehr Migranten als die gleichnamige Inselhauptstadt Einwohner hat. Seit Jahren fordert die griechische Regierung eine gerechtere Umverteilung der Migranten und der Asylverfahren in der EU. Dazu müsste die EU ihre Asylpolitik ändern. Diese Reformpläne kommen aber nicht voran. Einige osteuropäische Länder wollen überhaupt keine Migranten aufnehmen.

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Habeck: “Wir können Griechenland nicht alleine lassen”
1:07 min
Der Co-Vorsitzende der Grünen fordert, Menschen aus Moria "in größeren Kontingenten" in Deutschland aufzunehmen.

Griechenland im Krisenmodus

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Die griechische Regierung hat noch am Mittwochmorgen den Notstand über Lesbos verhängt. Mit einem Transportflugzeug der Luftstreitkräfte wurden am frühen Morgen zusätzliche Polizeikräfte auf die Insel geflogen. Sie sollen die Lagerbewohner nun vor allem davon zurückhalten, in die Inselhauptstadt Mytilini zu marschieren. Dort fürchtet die Bevölkerung, dass die Migranten in der Stadt campieren werden – und dort das Coronavirus verbreiten.

Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis beriet mit den zuständigen Ministern und dem Chef der Zivilschutzbehörde in einer Krisensitzung über die Lage. Mitsotakis erklärte nach der Sitzung: “In Moria kann es nicht so weitergehen wie bisher. Das ist eine Frage der öffentlichen Gesundheit, der Humanität und der nationalen Sicherheit.” Offen war zunächst, was nun aus den obdachlosen Lagerbewohnern werden soll. Sie campierten am Mittwoch auf den umliegenden Feldern und warteten auf den Straßen. Die UN-Flüchtlingsagentur UNHCR teilte in Genf mit, eine vorübergehende Lösung zur Unterbringung der betroffenen Menschen sei in Arbeit. Es dürfte zunächst nichts anderes übrigbleiben, als die Obdachlosen in Zelten unterzubringen. Das kann aber nur eine Übergangslösung sein. Noch ist es warm und sonnig auf Lesbos. Aber in wenigen Monaten beginnt der Winter.

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