„Entwertet die Arbeit von Tausenden Menschen“: Mediziner kritisieren Ferdinand von Schirachs „Gott“

  • Die Spitze der deutschen Palliativmedizin hat sich in einem offenen Brief an Ferdinand von Schirach gewandt.
  • Vor der Ausstrahlung der Verfilmung von „Gott“ kritisieren sie die Vorlage zum Teil massiv.
  • Von Schirachs Stück greife ein wichtiges Thema auf, sei aber einseitig, klischeehaft und verzerrend.
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Hannover. Vor der Premiere des Fernsehfilms „Gott“ nach dem Theaterstück von Ferdinand von Schirach am Montagabend in der ARD haben führende Palliativmediziner das Werk in einem offenen Brief an den Autor als klischeehaft, überholt und suggestiv kritisiert. Zwar begrüßten sie, dass von Schirach die ethische Diskussion über den assistierten Suizid in Deutschland fördern wolle. Allerdings entsprächen die Figuren „zum Teil einem Zerrbild“, bemängeln die Ärzte.

Zudem spiegelten die Positionen nicht den aktuellen wissenschaftlichen Stand wieder. Vor allem jedoch gingen Stück und Film an der eigentlichen Frage vorbei. Diese „lautet nicht: Gibt es ein Recht auf einen Suizid? Sie lautet: Gibt es einen Rechtsanspruch auf einen assistierten Suizid?“, heißt es in dem Brief, den unter anderem Professor Lukas Radbruch, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), sowie der Vizepräsident Bernd Oliver Maier unterzeichnet haben. Der Brief soll an diesem Samstag auf der Homepage der DGP veröffentlicht werden.

Die Darsteller in „Gott“ (von links): Christiane Paul (rechtliche Sachverständige Prof. Litten), Ina Weisse (Dr. Keller, Mitglied des Ethikrats), Anna Maria Mühe (Dr. Brandt, Ärztin von Gärtner), Matthias Habich (Richard Gärtner), Ulrich Matthes (Bischof Thiel), Barbara Auer (Vorsitzende des Ethikrats), Lars Eidinger (Rechtsanwalt Biegler), und Götz Schubert (Prof. Sperling, medizinischer Sachverständiger). © Quelle: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter
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In „Gott“ berät ein fiktiver Ethikrat über den Wunsch eines gesunden 78-jährigen Mannes, sein Leben zu beenden. Nach dem Film werden die Zuschauer zu einer Liveabstimmung aufgefordert. Sie sollen darüber entscheiden, unter welchen Umständen man einem Menschen helfen darf, sich das Leben zu nehmen, sowie darüber, ob der Staat selbstbestimmtes Sterben ermöglichen muss. Die Ergebnisse sollen anschließend in der Sendung „Hart aber fair“ bekannt gegeben und diskutiert werden.

Mediziner, Psychologen, Pflegekräfte: Sie alle „kommen nicht zu Wort“

Die Kritik der Mediziner gilt unter anderem der Figur des Ärzte­kammer­präsidenten in dem Film, der gar nicht versuche, den Sterbewilligen zu verstehen und seinen Wunsch zu respektieren. „Diese Darstellung negiert und entwertet die Arbeit von Tausenden in Deutschland tätigen Menschen, die als Mediziner, Psychiater, Psychologen, Palliativ­mediziner, Pflegekräfte, Seelsorger, Mitarbeiter von Hospizen, Krisendiensten und Beratungsstellen, der Polizei, Feuerwehr oder einfach ehrenamtlich engagiert mit suizidalen Menschen zu tun haben“, schreiben die Verfasser des offenen Briefes, der direkt an von Schirach gerichtet ist.

Diese Menschen kämen in dem Stück nicht zu Wort. Gerade Palliativ­mediziner und die in der Suizid­prävention versuchten aber in der Realität stets, mit den Menschen gemeinsam zu einer selbstbestimmten Entscheidung zu gelangen. Dies könne in einen Suizid münden; meist jedoch fänden sich andere Lösungen. „Allerdings endet diese Arbeit nicht darin, dem Protagonisten ein Suizidmittel zur Verfügung zu stellen.“

Von Schirachs Stück „Gott“ wurde im September in Düsseldorf und Berlin uraufgeführt. Es spielt vor dem Hintergrund des Bundes­verfassungs­gerichts­urteils vom Februar, das das bisherige weitgehende Verbot der Suizidassistenz aufhob und „als Ausdruck persönlicher Autonomie ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ proklamierte. Kritiker störten sich an der Einseitigkeit der Vorlage, zugleich jedoch ist es sehr erfolgreich: Zahlreiche weitere Inszenierungen sind an deutschen Theatern derzeit in Vorbereitung.

Die Palliativ­mediziner halten von Schirach in dem Brief zugute, dass er zahlreiche Argumente im Zusammenhang mit der Suizidassistenz nenne, letztlich aber doch ein verzerrendes Stück geschrieben habe, das ein falsches Bild auch von der palliativ­medizinischen Realität zeichne. So sei die Alternative zum assistierten Suizid nicht, wie in „Gott“ suggeriert, „sabbernd“ und „an Schläuchen hängend“ im Krankenhaus zu sterben. Dies sei Ausdruck der mangelhaften Aufklärung der Bevölkerung über medizinische Maßnahmen am Lebensende. „Auch ‚Gott‘ klärt hier nicht auf“, monieren die Verfasser des Briefs.

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