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Fall Protassewitsch: Roland Jahn beklagt „Menschenraub“ – Parallelen zur DDR

  • Der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, hat die Entführung des belarussischen Journalisten Roman Protassewitsch kritisiert.
  • Zugleich erinnerte er an Parallelen zum SED-Regime in der DDR.
  • Tatsächlich sind die Übereinstimmungen verblüffend.
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Berlin. Der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, hat die Entführung des belarussischen Bloggers Roman Protassewitsch verurteilt und an Parallelen zu Praktiken des SED-Regimes in der DDR erinnert. „Menschenraub ist das, was der Diktator Lukaschenko und sein Regime dem Journalisten Roman Protassewitsch antun“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Neu ist das nicht. Menschenraub war eine Methode der Stasi schon in den 1950er-Jahren. So können wir es dutzendfach in den Stasiunterlagen erkennen.“

Jahn betonte, es sei „zu hoffen, dass der Raub von Roman Protassewitsch die demokratischen Länder wachrüttelt, dieses Unrechtsregime nicht zu akzeptieren, damit sich die Menschen in Weißrussland nicht alleingelassen fühlen.“

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400 Menschen entführt

Das Ministerium für Staatssicherheit hat rund 400 Menschen aus West-Berlin und der Bundesrepublik in die DDR entführen lassen. Das ergaben Recherchen der Historikerin Susanne Muhle, die sie in dem Buch „Auftrag Menschenraub“ zusammenfasste. Dabei griff die Stasi oft auf die Hilfe von Kriminellen zurück. Die Taten waren meist von langer Hand und sorgfältig geplant. Sie sollten Macht demonstrieren und abschreckend auf andere Oppositionelle wirken, obwohl sie offiziell geheim gehalten wurden.

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Ein berühmter Fall war der des damals 25-jährigen Journalisten Karl Wilhelm Fricke, der aus dem heutigen Sachsen-Anhalt stammte. Er weigerte sich, in die FDJ einzutreten, wurde bereits 1949 aus politischen Gründen verhaftet, entkam aber aus der Haft und floh nach Westen. 1955 wurde Fricke schließlich in West-Berlin betäubt und von der Stasi nach Ost-Berlin gebracht, wo man ihm den Prozess machte. Der heute 91-jährige Fricke, der sich kritisch mit der DDR beschäftigt hatte, saß vier Jahre in einer Einzelzelle und ging später zum Deutschlandfunk.

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Ein zweiter berühmter Fall ist der des in Posen geborenen ehemaligen SED-Funktionärs Heinz Brandt, der 1958 ebenfalls aus politischen Gründen aus der DDR floh, 1961 in eine Falle gelockt und in die DDR entführt wurde. Seine Familie wusste zunächst gar nicht, was mit Brandt geschehen war.

Der seinerzeit 51-Jährige war in Frankfurt am Main Redakteur bei „Metall“, dem Organ der gleichnamigen Industriegewerkschaft und kam 1964 auf vielfältigen internationalen Druck hin frei. An seiner Entführung war ein anderer IG-Metall-Mitarbeiter beteiligt, der im selben Haus wohnte.

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Ziel: kritische Journalisten

Fricke und Brandt waren also wie Protassewitsch kritische Journalisten und kamen aus dem Land, in das sie später entführt wurden. Anders als die DDR, die auf manche Entführung aus Angst vor deren Bekanntwerden und den internationalen Konsequenzen verzichtete, verzichtete Lukaschenko im Fall Protassewitsch allerdings nicht. Sowohl Ost-Berlin als auch Minsk konnten unterdessen auf den Rückhalt aus Moskau zählen.

Protassewitschs in Polen lebende Eltern sind weiter in Angst. „Wir wissen nicht, wo unser Sohn ist, auch seinen Gesundheitszustand kennen wir nicht“, sagte sein Vater Dmitri Protassewitsch am Donnerstag in Warschau. Seine Mutter Natalia erklärte: „Meine Seele schreit: Rettet Roman, rettet meinen Sohn!“

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