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  • Explosionen in Beirut: Dem Libanon zu helfen ist in Europas Interesse

Die Explosion von Beirut ist der Testfall für Europa

  • Der Libanon braucht jetzt alle Hilfe, die er kriegen kann.
  • Die EU-Kommission hat bereits 100 Katastrophenhelfer nach Beirut geschickt, doch das kann nur der Anfang sein, kommentiert RND-EU-Korrespondent Damir Fras.
  • Dem Libanon zu helfen ist auch im ureigensten europäischen Interesse.
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Berlin. Es ist eine Katastrophe – in vielerlei Hinsicht. Die verheerende Explosion in Beirut hat unermessliches Leid über viele Menschen in einem bereits geschundenen Land gebracht. Doch sie könnte auch dazu führen, dass der Libanon als Staat zusammenbricht. Das wiederum würde zu neuen Spannungen in der ohnehin instabilsten Ecke der Welt führen – womöglich mit dramatischen Folgen für Europa.

Noch weiß niemand genau, was der Auslöser der Detonation war. Man sollte vorerst nicht für bare Münze nehmen, dass US-Präsident Donald Trump bereits wenige Stunden nach der Explosion von einem Anschlag sprach. Das passt vielleicht in sein Weltbild. Mit der Realität muss das nichts zu tun haben.

Mehr spricht derzeit dafür, dass Tausende Tonnen von Ammoniumnitrat in die Luft geflogen sind. Der Stoff, aus dem sich Sprengsätze ebenso wie Düngemittel herstellen lassen, soll über Jahre hinweg ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen von Beirut gelagert worden sein. Obwohl auch diese Ursache noch nicht gesichert ist, wäre es kein Wunder in einem Land, das viele Merkmale eines zerfallenen Staates trägt. Die Menschen verarmen. Der Staat hat keine Ordnungsfunktion. Die Korruption grassiert.

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RND-Videoschalte: EU-Parlamentarier Gahler warnt vor Zusammenbruch Libanons
7:01 min
Der CDU-Europa-Abgeordnete Michael Gahler fürchtet einen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung im Libanon.  © RND

Gewaltige Folgen

Was auch immer der Grund für die Detonation gewesen ist, eines lässt sich jetzt schon sagen: Ihre Folgen werden gewaltig sein. Schon zu Beginn des Jahres stand der Libanon kurz vor dem wirtschaftlichen und politischen Kollaps. Dann kam Corona. Und jetzt auch noch die Explosion von Beirut.

Der Libanon muss dringend stabilisiert werden. Ein Rückfall in die Zeiten des Bürgerkriegs, wie ihn der Libanon zwischen 1975 und 1990 durchmachen musste, kann keine Option sein. Der Brand im Nahen Osten ist schon so groß genug. In Syrien herrscht Bürgerkrieg. Die Türkei spielt ihr eigenes Spiel in der Region, Russland auch. Der Iran und Israel sind sich spinnefeind. Teheran unterstützt die schiitische Hisbollah-Miliz, die im Libanon wie ein Staat im Staat agieren kann und ihrerseits im Konflikt mit Israel steht. Die Gemengelage ist nicht nur unübersichtlich. So chaotisch wie heute war es selten im Nahen Osten. So gefährlich auch nicht.

Europa ist gefragt

Ein Hoffnungsschimmer könnte sein, dass sowohl Israel als auch der Iran Hilfe angeboten haben. Es wird jetzt vor allem darauf ankommen, dass der Libanon die Hilfe aus Israel annimmt. Da ist Europa gefragt. Die Diplomaten der EU müssen sich einschalten. Die USA fallen derzeit als Krisenmanager aus. Trump denkt nur noch an den Wahltag im November. Das bestimmt sein Handeln.

Zwar ist es wichtig und richtig, dass die EU-Kommission nun mehr als 100 Katastrophenhelfer in den Libanon schicken will. Doch kann das nur der erste Schritt sein. Es muss mehr kommen.

Das ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch im ureigenen europäischen Interesse. Europa ist die Nachbarregion des Nahen Ostens. Und es würde die Folgen eines Auseinanderbrechens des Libanons unmittelbar zu spüren bekommen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der Libanon in Relation zur eigenen Bevölkerung mehr Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen hat als jeder andere Staat.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat zu Beginn ihrer Amtszeit davon gesprochen, dass sie eine “geopolitische Kommission” führen wolle. Europa, hieß es damals, müsse die “Sprache der Macht” lernen, um sich gegenüber den Schwergewichten in der Welt behaupten zu können. Die Explosion in Beirut ist der Testfall, ob dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird.

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Bundesregierung unter Zugzwang

Das erhöht den Druck auf die Bundesregierung. Sie hat bis zum Jahresende die EU-Ratspräsidentschaft inne und kann zumindest versuchen, zögerliche EU-Partner mitzuziehen.

Denn Deutschland genießt Ansehen in der Region. Abgesehen von der Hisbollah, die auf der EU-Terrorliste steht, gelten die Europäer bei den restlichen Gruppierungen im Libanon noch als ehrliche Makler.

Die Bundesregierung muss jetzt ihren Einfluss spielen lassen. Die Lage ist katastrophal. Aber ohne entschiedenes Handeln der Europäer könnte sie unbeherrschbar werden.

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