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Wenn sich die Trauer der Libanesen in Wut umwandelt

  • Die Explosion in Beirut war wohl nicht das Resultat eines Anschlags.
  • Das macht die tödliche Katastrophe für die Libanesen jedoch nicht weniger politisch.
  • Auf die Explosion werden weitere politische und soziale Erschütterungen in dem krisengebeutelten Land folgen.
Karim El-Gawhary
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Beirut. Der Begriff „grob fahrlässig“ lässt sich eigentlich nicht steigern. Aber für die Explosion, die am Dienstag weite Teile Beiruts erschüttert und im Hafen und dessen benachbarten Vierteln ein Bild der Verwüstung angerichtet hat, müsste eigentlich eine noch gröbere Bezeichnung erfunden werden, mit der das Handeln der Verantwortlichen beschrieben werden kann.

2750 Tonnen Ammoniumnitrat waren im Hafen von Beirut gelagert. Die Chemikalie kann bei Hitze Gase bilden und sich bei Verunreinigung, etwa mit Öl, selbst entzünden. Das Ammoniumnitrat war bereits vor sechs Jahren von einem Schiff gelöscht worden und wurde unsachgemäß gelagert. Inkompetenz - und wahrscheinlich Korruption - wurden am Dienstag in Beirut zum Massenmörder.

Leben in einem gescheiterten Staat

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Dass das ganze anscheinend kein Anschlag war, macht es für die Libanesen nicht weniger politisch. Denn für sie ist es ein weiterer Beweis dafür, dass sie inzwischen in einem völlig gescheiterten Staat leben. Die einstige Schweiz des Nahen Ostens, als die sich der Libanon gerne vermarktet hat, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.

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Zahl der Todesopfer nach Explosion in Beirut steigt weiter
1:55 min
Einen Tag nach der gewaltigen Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ist die Zahl der Todesopfer auf über 100 gestiegen.  © Reuters

Bereits letztes Jahr gingen die Libanesen monatelang gegen die Misswirtschaft und Korruption ihrer regierenden Eliten auf die Straße. Das Land erlebte eine Wirtschaftskrise bisher unbekannten Ausmaßes. In einem Weltbank-Bericht wurde bereits 2019 befürchtet, dass die Hälfte der Libanesen unter die Armutsgrenze fallen. Mit der darauf noch folgenden Covid-19-Krise wuchs das bereits existierende Desaster zu einer ausgewachsenen Katastrophe aus. Der damalige Sozialminister Ramzi Musharrafieh warnte bereits im Frühjahr, dass drei Viertel der Libanesen nicht mehr ohne finanzielle Unterstützung oder andere Arten von Hilfslieferungen über die Runden kommen.

Die Verzweiflung ist überall im Land zu spüren. Auf Facebook tauchten in den letzten Monaten vermehrt Seiten auf, auf denen Libanesen auch wegen ihrer fast täglich weiter abstürzenden Währung begannen, Waren zu tauschen. Nach dem Motto: „Ich habe ein paar schicke Frauenschuhe und brauche dringend Kinderkleidung.“ Die Verzweiflung hat viele Gesichter. Am 3. Juni 2020 schoss sich der 61-jährige Ali Al- Hiq mitten auf der Beiruter Einkaufsstraße Al-Hamra mit einer Pistole in den Kopf. Neben ihm auf dem Boden lag eine libanesische Flagge, ein polizeiliches Führungszeugnis, das ihm Unbescholtenheit attestiert, und eine Abschiedsnotiz: „Nicht ich bin ein Ungläubiger, der Hunger ist der Ungläubige.“

Die politische Elite schafft keinen Wandel

Bei all dem erweisen sich die untereinander zerstrittene politische Elite und die regierenden Familienclans als vollkommen unfähig, die Krise zu meistern. Sie arbeiten immer noch in den alten, überkommenen konfessionellen Schemen und sind nicht bereit, das System oder sich selbst zu ändern. Stattdessen versuchen sie sich durch die üblichen Kuhhandel untereinander durch die Krise zu schmuggeln.

In dieser angespannten Situation hat die gestrige Explosion in Beirut nicht nur eine unglaubliche Zahl von Toten und Verletzten gekostet und hat das Leben tausender Familien zerstört, die gigantische Detonation hat auch die ohnehin wackeligen Grundfesten des politischen Systems im Libanon erschüttert. Schon am Tag nach der Explosion sprachen die Libanesen davon, dass sie wieder auf die Straße gehen wollen, zu noch größeren Demonstrationen. Der Ärger gegen Misswirtschaft, Nachlässigkeit und Korruption dürfte seit gestern keine Grenzen mehr kennen. Und die Regierung verhängte zunächst einen zweiwöchigen Ausnahmezustand, wohl nicht nur um die Scherben zusammenzukehren, sondern auch in Erwartung dessen, was geschieht, wenn sich die jetzige Trauer der Libanesen in Wut verwandeln wird. Insofern war die Explosion nur der Anfang. Ihr werden sehr wahrscheinlich mindestens so große politische und soziale Erschütterungen folgen.

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