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Evangelische Kirche will Opfer besser beteiligen

Evangelische Kirche: Neustart bei Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

Schwierige Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt im Schatten des Kreuzes.

Berlin. In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist das Tauziehen zwischen Betroffenen und Kirchenführung einstweilen beendet. Die EKD will den Aufarbeitungsprozess für Fälle sexualisierter Gewalt neu starten. Dabei soll ein neues „Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt“ den Betroffenenbeirat ersetzen. Das Gremium wurde vom Rat der EKD am vergangenen Wochenende für aufgelöst erklärt.

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Am Wochenende hatten bei einer Klausurtagung in Kassel einzelne Mitglieder des ursprünglichen Betroffenenbeirats sowie Vertreterinnen und Vertreter der EKD über eine Neuausrichtung der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt innerhalb der Kirche beraten und einen entsprechenden Vorschlag einstimmig verabschiedet.

Der neue Plan wurde somit knapp ein Jahr nach Aussetzung der Arbeit des Betroffenenrats durch den Rat der EKD verkündet. Ursachen des Scheiterns waren Konflikte zwischen Betroffenen und Kirchenführung, fehlerhafte Konzepte und Streitigkeiten innerhalb der Betroffenengruppe.

Arbeit mit Konfliktmanagerin

Von Vertuschung und Aufarbeitung – sexueller Missbrauch in der Kirche

Lisa Meyer (Name geändert) wurde als Kind von einem Diakon schwer missbraucht. Jahrzehnte später kämpft sie um die Aufarbeitung.

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Die neue Struktur wurde nun zusammen mit der externen Konfliktmanagerin Birgit Mangels-Voegt aus dem niedersächsischen Schwanewede entwickelt. Grundlegend dafür sei eine aktive Rolle Betroffener in der Gestaltung von Aufarbeitung, Prävention, Intervention, Unterstützung und Anerkennung in der Evangelischen Kirche und Diakonie, teilte die EKD am Montag mit. Das Beteiligungsforum soll zum „zentralen Gremium“ innerhalb der EKD werden, das alle Fragen, die sexualisierte Gewalt betreffen, bearbeitet.

Das neue „Beteiligungsform Sexualisierte Gewalt“, das sich viermal im Jahr als eine Art Runder Tisch treffen soll, bringe alle in der Kirche mit dem Thema Beteiligten an einen Tisch, sagte Nancy Janz als Vertreterin der Betroffenen. „Die Betroffenen sitzen ganz gleichwertig in diesem Gremium mit drin, und das nicht nur beratend, sondern sie können auch funktional mit agieren.“

Der Sprecher des Beauftragtenrates der EKD, der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Mich stimmt hoffnungsvoll, dass jetzt alle Beteiligten an einem fest installierten, gemeinsamen Tisch Platz nehmen und alle Fragen zusammen klären – ohne dass sich jemand über- oder untergeordnet fühlt.“ Detlev Zander, Mitglied des ehemaligen Betroffenenbeirats, sprach von einem „Meilenstein in den Aufarbeitungsprozessen sexualisierter Gewalt in Deutschland“.

Kritik von Betroffenen

Kritischer sieht das Katharina Kracht, die der EKD vorwirft, sie ansatzlos aus dem Betroffenenbeirat „rausgeworfen“ zu haben. Bis heute habe es keine Evaluierung zum Scheitern des Beirats gegeben. „Die Kirche erträgt kritische Stimmen einfach nicht“, sagte Kracht am Montag, „der Umgang mit mir zeigt, was die EKD von Betroffenen hält.“

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Meyns hingegen meint: „Die Beiratsstruktur hat bei uns nicht funktioniert – unter anderem auch deshalb, weil innerhalb des Gremiums eine große Pluralität der Haltungen, aber auch Misstrauen gegenüber kirchlichen Strukturen herrschte und Rollen unklar beschrieben waren.“ Alle Beteiligten hätten das gemeinsame Interesse, dass es in der neuen Struktur besser funktioniere, so der Landesbischof. „Aber es gibt keine Garantie bei diesem Thema. Das habe ich gelernt. Es ist fachlich, menschlich und kirchenpolitisch komplex. Am Ende müssen die Dinge wirken, die wir gemeinsam anschieben.“

Ob die EKD wie die Katholische Kirche bereits 2020 mit der unabhängigen Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch (UBSMK), Kerstin Claus, eine „Gemeinsame Erklärung über verbindliche Kriterien für eine unabhängige Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs“ unterzeichnen kann, bleibt eine spannende Frage. Claus‘ Vorgänger Johannes-Wilhelm Rörig hatte daran zuletzt seine Zweifel. „Es wird völlig zu Recht die Frage gestellt, ob die Kirchen Missbrauch selbst aufarbeiten können und ob nicht eine viel stärkere staatliche Verantwortungsübernahme notwendig ist“, hatte er gesagt.

Kerstin Claus bewertet den aktuellen Vorschlag der EKD zurückhaltend. Ihr Amt wäre zwar zum Prozess der Expertise informiert worden, inhaltlich sei sie aber nicht eingebunden gewesen, sagte sie dem RND. „Es stellen sich mir aktuell verschiedene Fragen, etwa welche Mitwirkungs- und Gestaltungsrechte Betroffene über das Beteiligungsforum konkret erhalten und wie sie ihre Anliegen auch öffentlich sichtbar machen können – auch über die institutionelle Beteiligung hinaus.“

Die Journalistin Kerstin Claus ist seit 1. April 2022 Unabhängige Missbrauchsbeauftragte.

Die Journalistin Kerstin Claus ist seit 1. April 2022 Unabhängige Missbrauchsbeauftragte.

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Unabhängige Beauftragte skeptisch

Gerade vor dem Hintergrund des Aussetzens des Betroffenenbeirats vor einem Jahr sei es ihr wichtig, dass eine klare und transparente Mandatierung bei Prozessen der Betroffenenbeteiligung gesichert sei, so Claus. „Sobald wir das Konzept näher kennen, werden wir den mit der EKD begonnenen Prozess zu verbindlichen Strukturen der Aufarbeitung fortsetzen. Denn auch hier spielt strukturierte Betroffenenbeteiligung im Rahmen der einzurichtenden regionalen Aufarbeitungskommissionen eine entscheidende Rolle, zu der bisher noch keine Einigung mit der EKD erreicht werden konnte.“

Rund 900 Fälle sexualisierter Gewalt seit 1950 sind durch sogenannte Anerkennungskommissionen der Landeskirchen bestätigt. Sie zahlten insgesamt 7,5 Millionen Euro an Betroffene. Gutachten oder Studien wie in der Katholischen Kirche gibt es bei der EKD bislang nicht. 2020 startete ein Verbund ein Forschungsprojekt – erste Ergebnisse werden allerdings erst 2023 erwartet.

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