Engste Beraterin der Kanzlerin: 16 Jahre mit Merkel als Chefin

  • Eva Christiansen war seit 2005 Angela Merkels engste Beraterin im Kanzleramt, zuständig für Medien und politische Planung.
  • Wie hält man einen solchen Job mit derselben Chefin 16 Jahre lang aus?
  • Es zeigt sich: Im aggressiven Umfeld der Berliner Politik agierten beide Frauen als Verbündete.
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Nein, Eva Christiansen berichtet auch jetzt nichts aus den Morgen­runden mit der Kanzlerin. Das hat sie nie getan. Genau deshalb durfte sie daran auch immer wieder teilnehmen, 16 Jahre lang.

Christiansen, 51, groß, blond, blauäugig, ist eine Unbekannte geblieben für die breite Öffentlichkeit in Deutschland – obwohl sie als engste Beraterin Angela Merkels enormen Einfluss hatte. Die Geschichten, die Christiansen zu erzählen hätte, wären mehr als spannend. Zu sagen, dass es da Höhen und Tiefen gab, wäre untertrieben.

Das Team ist strahlend durch die Strato­sphäre geglitten, als Merkel international als mächtigste Frau der Welt gefeiert wurde, als jemand, der Deutschland ein ganz neues Image gegeben habe. Und das Team ist in Abgründe gestürzt, als Merkel von rechten Hassern im Inland auf Schritt und Tritt als „Volks­verräterin“ nieder­gemacht wurde und manche in der Union schon den Dolch im Gewande trugen.

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„Sie brauchen ja auch ihr freies Wochen­ende“

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Was da alles passiert ist, würde ausreichen für etliche Staffeln einer fesselnden Fernseh­serie, angesiedelt irgendwo zwischen Politik­drama und Thriller, mal mehr „Borgen“, mal mehr „House of Cards“.

Wie hält man als enge Mitarbeiterin solche Berg-und-Tal-Fahrten 16 Jahre lang aus? Ein Teil der Antwort steckt in einer kleinen Begebenheit, die immerhin bestätigt wird im Kanzleramt. Es geht dabei ja auch nur um Stil und Ton in Merkels Runden, nicht um den Inhalt.

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An einem Montag­morgen berichtet die Kanzlerin ihren Vertrauten, sie habe am Wochen­ende viel über das Thema X nachgedacht und dann die Lösung Y, aber auch die Lösung Z erwogen. Sie habe sich ehrlich gesagt ein bisschen gequält mit der Sache und sei kurz davor gewesen, telefonisch ihre engsten Mitarbeiterinnen hinzuzuziehen, Büro­leiterin Beate Baumann und Christiansen, ihre Medien­beraterin und politische Planerin. Doch dann habe sie alles verschoben: „Sie brauchen ja auch ihr freies Wochenende.“

Ein Trio, das seit 2005 stets zusammenhielt: Kanzlerin Angela Merkel, Medienberaterin Eva Christiansen und Büroleiterin Beate Baumann. © Quelle: Imago

Respekt vor dem Privat­leben enger Mitarbeiter bremst die deutschen Regierungs­geschäfte, zumindest ein bisschen: Das ist Merkel. Anderswo in der Welt gehen Regierende oft rücksichtslos mit ihren Referenten um und lassen sie, wenn ihnen gerade eine vermeintlich geniale Idee kommt, auch nachts um drei antreten. Manche treiben auch, wie Manager bestimmter Schulen, ihre Leute gelegentlich gegeneinander, um zu sehen, wie bei Tieren im Laborkäfig, wer sich wohl durchsetzt.

Die Kanzlerin bot und forderte Loyalität

All solche Dinge hat Merkel ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erspart. Sie bot Loyalität und Authentizität, allerdings forderte sie auch beides von anderen. Und natürlich vollen Einsatz. Einmal, während einer Erkältungs­welle, rutschte ihr der putzige Satz raus, sie habe „volles Verständnis für jeden, der mal krank ist, die Hauptsache ist ja, man macht seine Arbeit“.

Thomas de Maizière, Chef des Bundeskanzler­amts von 2005 bis 2009, stöhnte einst über die zwei abwechselnden Konstellationen, in denen Merkel ihn forderte. Grinsend bildete er in kleiner Runde bei einem Glas Bier einen langen Satz mit „da war“: „Wenn die Kanzlerin da war, rief sie mich gern mal zu sich und fand es gut, wenn ich da war, und wenn sie nicht da war, fand sie es gut, wenn ich da war – sodass immer einer von uns da war.“

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Die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu Solidarität im Kampf gegen die Corona-Ausbreitung aufgerufen.  © dpa

„Chef BK“ zu sein ist Stress pur. Der Kanzleramts­chef, zuletzt Helge Braun, soll die Arbeit sämtlicher Ministerien im Auge behalten, er soll für die Kanzlerin innenpolitische Deals vorbereiten – und dies alles, während in seinem Lage­zentrum oft beunruhigende Krisen­meldungen zusammen­laufen, rund um die Uhr. Nach vier Jahren in diesem Job sehnen sich die Amts­inhaber nach etwas anderem. Ronald Pofalla blieb von 2009 bis 2013, Peter Altmaier von 2013 bis 2018.

Christiansen und Baumann dagegen wurden nie ausgetauscht. Sie sind keine politischen Figuren. Sie waren aber auch mehr als nur Mitarbeiterinnen. Sie waren und sind Verbündete.

Ein Team seit den Tagen der Spenden­affäre

Ein solches Verhältnis ergibt sich nicht aus einem Anstellungs­vertrag. Zusammen­geschmiedet wurden Merkel und Christiansen in der Zeit der CDU-Spenden­affäre. Im Dezember 1999 wagte es die damalige CDU-General­sekretärin Merkel, ihrer Partei eine Loslösung von Helmut Kohl zu empfehlen. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb Merkel: „Die Partei muss laufen lernen, muss sich zutrauen, in Zukunft ohne ihr altes Schlacht­ross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen.“

Zwei Neulinge: Angela Merkel und die damalige CDU-Sprecherin Eva Christiansen beim Parteitag in Essen im Jahr 2000. Damals wurde Merkel erstmals zur Bundesvorsitzenden der CDU gewählt. © Quelle: dpa
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Christiansen arbeitete bereits in der Pressestelle der Partei, allerdings noch als Neuling. Die Volkswirtin, damals erst 29 Jahre alt, war noch von Merkels Vorgänger Peter Hintze eingestellt worden; man wollte wirtschaftsnahe Medien gezielter ansprechen.

Merkel machte Christiansen dann verantwortlich fürs große Ganze, als Sprecherin der CDU. Als Merkel im Jahr 2002 Friedrich Merz aus dem Amt des Oppositions­führers in Berlin kegelte, wurde Christiansen Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion. Nach der Wahl 2005 schließlich marschierte Christiansen hochschwanger in Merkels Büro im Kanzleramt. Jetzt musste sie nicht mehr selbst auf die Bühne, sondern durfte als engste Beraterin der Kanzlerin Sprecher und Sprecherinnen der Bundes­regierung aussuchen – und ihnen Hinweise geben auf die gewünschte Linie.

Immer ausgeschlafen in der Morgen­runde

Nach der Geburt ihrer Tochter arbeitete Christiansen zunächst in Teilzeit weiter, bis 14 Uhr. Dann holte sie ihr Kind aus der Kita ab. Manche Beobachter in Berlin tippten sich an die Stirn: Wie soll das gehen, Kommunikations­strategien für die endlosen Krisen im In- und Ausland entwerfen, aber nur halbtags?

Merkel aber fand das gut. Christiansen sollte sich aufs Wesentliche konzentrieren. Die Kanzlerin hielt sie fern vom gelegentlichen Irrsinn der Regierungs­maschinerie, von Auslands­reisen und hohläugigen Gipfel­nächten. Es war ihr lieber, dass die Vertraute ausgeschlafen in der nächsten Morgen­runde sitzt: als Referentin für Normalität.

Einzug ins Kanzleramt im Herbst 2005: Merkel holt ihre damals hochschwangere Medienberaterin an ihre Seite – und gibt ihr in den ersten Jahren einen Teilzeitjob. © Quelle: dpa

Mit Christiansen besprach Merkel Grundsätzliches, man zog Dinge vor die Klammer. Beispiel Terror: In Frankreich eilte der Präsident per Hubschrauber zu einer Kirche, in der ein Geistlicher von einem Islamisten enthauptet worden war. Soll auch Merkel zu Tatorten fahren, nach Selbstmord­anschlägen wie in Ansbach oder Beilattacken wie in Würzburg? Antwort: Nein, das verstärkt noch die verunsichernden Vibrationen, die solche Täter wollen. Kann es sein, dass solches Nichtreagieren als emotionslos empfunden wird? Antwort: Ja, aber im Zweifel hat die Würde des Amtes Vorrang. Das Handeln der Kanzlerin darf niemals erratisch wirken.

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Das Ziel: Glaubwürdigkeit auf der Lang­strecke

Beispiel Corona: Müsste die Kanzlerin stärker zufassen und die Krise den Medien gegenüber zur Chef­sache erklären? Antwort: Nein, das steigert erstens die Angreifbarkeit der Regierung durch allerlei missgünstige Kräfte und widerspräche zweitens der prinzipiellen Zuständigkeit der Länder für die Seuchen­abwehr, die nun mal eine Tatsache ist. Es wäre also unredlich.

Merkel und Christiansen war es lieber, wenn die Fernseh­sender ihre Kamera­teams ins Robert Koch-Institut dirigierten als ins Kanzleramt. Das entsprach dem wissenschafts­basierten Ansatz der Kanzlerin. Land und Leute sollten wissen: Es geht im Kern um eine Natur­katastrophe, etwas empirisch Messbares.

Beide nahmen es auch hin, wenn ein Minister­präsident mal wieder breitbeinig diese oder jene Erklärung abgab, als wisse er irgend­etwas besser. Den verbündeten Frauen im Kanzleramt ging es nie um Applaus im nächsten Moment. Es ging ihnen um Glaubwürdigkeit auf der Lang­strecke. Diese Grund­haltung hielt sie zusammen, zwei Jahrzehnte lang.

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