Europas Sorgen – von Moria bis Belarus

  • Vom Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist nach einem Brand nicht mehr viel übrig.
  • Derweil versuchen in Belarus vor allem die Frauen gegen den Machthaber Alexander Lukaschenko vorzugehen.
  • Wir sind für Sie vor Ort. In Moria und Belarus.
Das tägliche Briefing
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Stühle sind leer geblieben. 13.000 freie Plätze. Direkt vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Aufgebaut wurden sie am Montag von mehreren Hilfsorganisation. Als Protestaktion, Deutschland möge mehr Flüchtlinge aufnehmen. Die Stühle standen symbolisch für die Menschen, die derzeit im Migrantenlager Moria auf der griechischen Insel Lesbos leben.

Inzwischen sind die Stühle Nebensache. Moria aber ist allgegenwärtig. In der Nacht zu Mittwoch brach ein riesiges Feuer in dem Lager aus und spülte die Frage nach einer Unterbringung der Flüchtlinge wieder ins Gedächtnis der Politik. Von den dramatischen Stunden danach berichtet unser Autor Gerd Höhler.

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Überraschend ist die Katastrophe keineswegs. Das Elendslager ist seit Jahren überfüllt. Zuletzt lebten dort fast fünfmal mehr Menschen als vorgesehen. Männer, Frauen und vor allem Kinder, die stundenlang anstehen mussten für Wasser, Nahrung und den Gang zur Toilette. Die Enge, der Mangel und die hygienischen Bedingungen machten die Menschen krank, noch ehe das Coronavirus das Lager erreichte. Die unerträgliche Situation auf Lesbos eskalierte, nachdem jetzt erste Fälle von Covid-19 in Moria festgestellt wurden.

In ihrem Leitartikel kommentiert Berlin-Korrespondentin Marina Kormbaki: “Europa hat die Katastrophe billigend in Kauf genommen.”

Migranten fliehen am Mittwoch vor neu ausgebrochenen Feuern mit ihren Habseligkeiten aus dem Flüchtlingslager Moria, nachdem zuvor bereits mehrere Brände das Lager nahezu vollständig zerstört hatten. © Quelle: Socrates Baltagiannis/dpa

Kormbaki kennt die Situation in den griechischen Flüchtlingslagern. Zuletzt recherchierte sie im Februar in der Ägäis. Ihre Schilderungen vom Leben der Flüchtlinge und Einheimischen auf der Insel Samos ließen schon damals erahnen, dass die Situation in den überfüllten Lagern jederzeit eskalieren kann. Und das, obwohl Corona damals noch gar kein Thema war.

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Gestern machte sich meine Kollegin wieder auf den Weg nach Griechenland. Über die Stationen Paris und Athen auf die Insel Lesbos. Für eine Vor-Ort-Recherche aus dem Flüchtlingslager. Von heute an wird sie ihre Eindrücke umfassend auf RND.de schildern.

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Die Revolution der Frauen von Belarus

Eindrucksvoll und erschütternd sind auch die Erfahrungen, die derzeit viele Menschen in Belarus machen, die gegen Staatschef Alexander Lukaschenko auf die Straße gehen. Dabei ist die Bewegung vor allem eine Bewegung der Frauen. Sie waren es, die mit ihren Aktionen eine mögliche Eskalation der Gewaltspirale durchbrachen und den Protesten eine neue, friedliche Richtung gaben. Sie sind es immer noch, die männliche Demonstranten im öffentlichen Raum vor dem Zugriff der brutalen Polizeikräfte, ob nun in Uniform oder in Zivil, schützen.

“Die Frauen haben unsere Revolution gerettet”, heißt es heute in Belarus. Unsere Autorin Simone Brunner hat mit Beteiligten der Bewegung gesprochen und dabei festgestellt, dass Frauen längst nicht mehr so viel Schutz besitzen wie noch vor einigen Wochen. Besonders in dieser Woche häufen sich die Berichte darüber, wie auch Frauen von Polizisten abgeführt und geschlagen werden. Eine Grenzverschiebung selbst bei den nicht gerade für ihre humanitären Gesten bekannten “Silowiki” aus Lukaschenkos mächtigem Sicherheitsapparat. Bestes Beispiel: Die am Montag verschleppte Maria Kolesnikowa, die inzwischen in einem Minsker Untersuchungsgefängnis sitzt.

Eine Demoteilnehmerin wird in Minsk festgenommen. Bilder wie dieses häufen sich in dieser Woche in Belarus. © Quelle: imago images/ITAR-TASS

Zitat des Tages

Wir haben Ziele erreicht, die wir erreichen wollten. Wir haben auch gefeiert – aber jetzt ist es vorbei.

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Leseempfehlungen

Donald Trumps Kritiker bemängeln schon seit Langem, dass der US-Präsident die Gefahr durch das Coronavirus dramatisch herunterspiele. Jetzt haben sie eine offizielle Bestätigung erhalten. Gestern veröffentlichte der legendäre Watergate-Enthüller Bob Woodward Audiomitschnitte von insgesamt 18 Interviews, in denen der US-Präsident unumwunden zugibt, die Pandemie verharmlost zu haben. Bereits am 19. März gestand er: “Ich wollte es herunterspielen. Ich möchte es noch immer herunterspielen, weil ich keine Panik auslösen möchte.” RND-Autor Karl Doemens berichtet für uns aus Washington.

Am 10. September um 11 Uhr wird es laut in Deutschland, denn am heutigen Donnerstag findet der erste bundesweite Warntag statt, an dem unter anderem Sirenen aufheulen und Radiosendungen unterbrochen werden sollen. Doch nicht überall werden Sirenen zu hören sein, aus Kostengründen besitzen viele deutsche Städte keine ausreichende Sirenentechnik mehr. Hintergrund der Aktion: Die vorhandene Technik soll für besondere Risiken wie Unwetter oder Chemieunfälle getestet werden. Alles, was Sie zum Warntag wissen müssen, finden Sie hier.

In diesen unruhigen Zeiten wagen nur wenige den Schritt in die Selbstständigkeit. Unsicherheit und Zukunftsängste bremsen kreative Gründer aus. Unternehmerin und Autorin Verena Pausder sieht in der Corona-Zeit allerdings Chancen für Geschäftsmodelle, die sich der neuen Herausforderungen annehmen. “Vertrauen wir nicht mehr den Lösungen von vor hundert Jahren, sondern schaffen heute Lösungen für die nächsten hundert Jahre. Aus meiner Sicht gibt es keine bessere Zeit, weil alles gerade in Bewegung ist”, sagt sie im Interview mit RND-Redakteurin Mila Krull.

Wer aktuell einen Urlaub plant, hat viele Fragen: Wie sicher ist eine Reise in Land X oder Y? Mit welchen Einschränkungen muss ich vor Ort rechnen? Eine neue Karte will diese Fragen beantworten: die “Covid-19 Impact Map” von International SOS. Sie ist in erster Linie für Geschäftsreisende gedacht, bietet aber auch Orientierung für die Urlaubsplanung. Die Kollegen des Reisereporters schauen genauer hin.

Das Video des Tages

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Video
Bundesweiter “Warntag” am 10. September
0:58 min
Am heutigen 10. September werden in ganz Deutschland die Sirenen zu hören sein. Dabei handelt es sich jedoch nicht um einen Katastrophenalarm, sondern um eine Probe.  © RND

Die Termine des Tages

Die Ängste der Deutschen: Wie haben sich die Sorgen der deutschen Bevölkerung im Lauf der Zeit verändert? Die R+V-Studie “Die Ängste der Deutschen” ist bundesweit die einzige Umfrage, die die Befindlichkeiten der Bundesbürger über einen Zeitraum von mittlerweile fast 30 Jahren dokumentiert. Der Langzeitvergleich zeigt, welche Ängste seit 1992 Jahr für Jahr im Fokus standen, und gibt Aufschluss über die Intensität der unterschiedlichen Sorgen. Die jüngsten Ergebnisse werden heute um 11 Uhr vorgestellt.

Brexit: In London gehen heute die Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU zu Ende, das ab dem 1. Januar 2021 einen Absturz der britischen Wirtschaft ins Bodenlose verhindern soll. Der Ausgang ist ungewiss.

Der Schnappschuss des Tages

Die Veranstaltungsbranche wird symbolisch zu Grabe getragen. Am Mittwoch fand in Berlin eine Großdemonstration zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft im Zuge der Corona-Krise statt. © Quelle: imago images/Bettina Strenske

Jede Stunde neu: News zum Hören

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Tag,

aus dem Newsroom: Ihr Markus Merz

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