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EU-Banker Hoyer: „Wir sind Katalysator im Kampf für Klimaschutz“

  • Die Europäische Investitionsbank will eine Billion Euro für den Kampf gegen den Klimawandel mobilisieren.
  • Damit soll Europa bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden. Das ist eine gewaltige Aufgabe, sagt Bankpräsident Werner Hoyer.
  • Im RND-Interview spricht der Kölner über die Sorge vor dem Verlust von Arbeitsplätzen und sagt, warum es gut ist, dass die jungen Leute der Politik Druck machen.
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Luxemburg. Er bewegt Milliardensummen. Der FDP-Politiker Werner Hoyer aus Köln leitet seit 2012 die Europäische Investititonsbank (EIB). Der Kampf gegen den Klimawandel gibt der Bank eine neue Aufgabe. Das Interview mit dem 68 Jahre alten Hoyer, der viele Jahre im Bundestag saß und Staatsminister im Auswärtigen Amt war, findet in seinem Eckbüro auf dem Luxemburger Kirchberg statt.

Herr Hoyer, Europa soll bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. Wie fühlt es sich an, der oberste Klimabanker der EU zu sein?

Gut. Es ist schön, einen Teil zur Realisierung eines so wichtigen und ambitionierten Vorhabens beitragen zu können. Was wenige wissen, die EIB ist bereits heute bei Weitem der größte multilaterale Klimafinanzierer der Welt. Im Bewusstsein der Menschen hat sich das Thema Klima lange nicht festgesetzt. Das hat sich erst in diesem Jahr massiv verändert. Es gibt einen großen Trendbruch in der Bevölkerung und in der Politik. Das Klima spielt jetzt die Hauptrolle. Die jungen Leute machen Druck. Dieses Momentum verschwindet nicht mehr.

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Ist das Greta Thunberg geschuldet?

Da gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen. Manche sagen: Greta Thunberg ist das große Vorbild. Andere empfinden eher Mitleid mit der jungen Frau und sagen, sie sei fremdgesteuert. Ich will das aber nicht an einer Person festmachen. Millionen von jungen Menschen sehen den Kampf gegen den Klimawandel als das wichtigste Thema in ihrem Leben an. Darauf muss die Politik jetzt reagieren.

Ihre Bank will in den nächsten zehn Jahren eine Billion Euro für den Kampf gegen den Klimawandel mobilisieren. Reicht das für eine Menschheitsaufgabe?

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Ich will dieser gewaltigen Summe von 1000 Milliarden erst einmal den Schrecken nehmen. Wie Sie sagen, erstreckt sich das Vorhaben über einen Zeitraum von zehn Jahren. Das sind 100 Milliarden pro Jahr. Das ist natürlich immer noch äußerst ambitioniert, aber das können wir stemmen. Die EIB ist eine Bank, die mit sehr geringem Eigenkapital, aber sehr guten Projekten massive Mittel am Kapitalmarkt durch Anleiheverkäufe loseisen kann. Die Investoren vertrauen uns zwischen 70 und 80 Milliarden Euro pro Jahr an, und dem müssen wir durch die Qualität unserer Projekte gerecht werden.

Wie viel Geld muss die EIB also selbst aufbringen?

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Um 100 Milliarden Euro jährlich zu mobilisieren, muss die EU-Bank zwischen 30 und 35 Milliarden Euro aufbringen, das heißt, 300 bis 350 Milliarden über den gesamten Zeitraum. Der Rest kommt von der Privatwirtschaft und zu einem geringen Teil aus dem EU-Haushalt. Wir sind die Crowding-in-Bank und damit der Katalysator im Kampf gegen den Klimawandel.

Und reicht das Geld?

Das kann momentan niemand sagen. Aber versuchen müssen wir es. Denn die Wissenschaftler sagen uns, dass wir nicht mehr allzu viel Zeit haben, um den Trend zu einer stärkeren Erwärmung der Erde zu brechen oder einen weiteren Anstieg zumindest zu verlangsamen. Wenn wir also die nächsten Jahre nicht nutzen, dann wird es nichts mit der Klimaneutralität im Jahr 2050. Wir sind zwar auf dem richtigen Weg, aber wir liegen mit dem Zeitplan zurück.

Dennoch ist die Sorge groß, dass der Komplettumbau der Wirtschaft, wie ihn der Green Deal von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erfordert, viele Arbeitsplätze kosten wird.

Ich verstehe die Sorgen. Aber es muss sich auch mancher Verantwortliche in der Wirtschaft fragen lassen, ob er nicht die Entwicklung verschlafen hat. Dass der Weg der Automobilindustrie in die Elektromobilität, entweder über Batterien oder über Brennstoffzellen und Wasserstoff, Riesenauswirkungen vor allem auf die Zulieferer haben wird, das ist doch seit 15 oder 20 Jahren glasklar. Aber anstatt darauf einzugehen, haben viele erst mal abgewartet.

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Ich bin deshalb sehr misstrauisch, wenn jetzt Forderungen aus der Wirtschaft kommen, den Status-quo zu erhalten. Wir müssen neue Wege gehen. Ich sehe aber sehr wohl, dass dieser Prozess schmerzhaft wird. Mein Vater hat in der Hochzeit des Ruhrgebiets jeden als Träumer abgetan, der von einem blauen Himmel über der Ruhr sprach. Aber heute gibt es ihn. Natürlich war der industrielle Umbau in NRW schmerzhaft und hat viele Arbeitsplätze gekostet. Niemand wird über Nacht vom Bergmann zum Chef eines digitalen Start-ups. Aber die Transformation kann gelingen, wenn man den Willen dazu hat.

Die polnische Regierung scheinen diese Sorgen ganz besonders umzutreiben. Beim letzten EU-Gipfel in Brüssel wollte Warschau das gemeinsame Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, nicht mittragen.

Die Sorgen gibt es nicht nur in Polen. Wir haben 48 Kohleregionen in Europa. Und dort müssen wir uns ganz besonders darum kümmern, den strukturellen Wandel abzufedern und alternative Beschäftigung zu schaffen. Das ist auch eine Aufgabe gerade für die EU-Bank.

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Haben Sie Verständnis für die Haltung der polnischen Regierung?

Bei einem Kohleanteil von fast 80 Prozent am Energiemix muss Polen doch darauf drängen, möglichst viel Geld für den Umbau zu bekommen. Wir, die europäischen Partner, müssen Polen ermutigen und unterstützen, den Wandel so schnell wie möglich anzugehen. Es mag schwierig sein, aber ich bin zuversichtlich, dass wir dies schaffen.

Auch die Bundesregierung hat sich lange dagegen gesträubt, dass Ihre Bank von 2022 an keine Projekte mit fossilen Energieformen wie Öl und Gas mehr fördern soll.

Dazu gibt es in Berlin unterschiedliche Meinungen. Das ist eine Glaubensfrage, dazu will ich mich nicht äußern. Entscheidend ist, Deutschland hat den Beschluss mitgetragen. Und gerade für Deutschland gilt: Man muss aus dem Thema Klimawandel ein Business-Modell machen.

Ich will keine Verbote und Gebote. Das ist nicht mein Ansatz. Es geht um ambitionierte Technologieförderung. Wer hat eines Tages beim Thema Wasserstoff die Nase vorne? Wer bei den schwimmenden Windparks? Wer verkauft diese Technologien ins Ausland? Das ist eine Riesenchance für Deutschland und für ganz Europa. Da machen wir hier in der Bank sehr gerne mit.

Werden wir eine Renaissance der Atomkraft erleben? Immerhin müssen Länder wie Frankreich, die viel Atomstrom nutzen, weniger Geld aufbringen, um klimaneutral zu werden.

Atomkraft ist in Europa ein sehr ambivalentes Thema, das merken wir auch im Kreis unserer Anteilseigner. Die Positionen der EU-Mitgliedsländer sind zum Teil absolut konträr, da kriegen Sie keine einheitliche Linie hin.

Was also tun Sie?

Wir haben seit ewigen Zeiten nichts mehr mit neuen Atomprojekten zu tun. Und ich sehe nicht, dass sich das ändern wird.

Jedes EU-Mitglied verantwortet seinen eigenen Energiemix. Wünschen Sie sich manchmal, dass es auch in diesem Bereich einen gemeinsamen Markt gäbe? Würde das Ihre Arbeit erleichtern?

Nicht alles Heil kommt von Europa. Vieles sollte auch weiterhin dezentral geregelt werden. Aber tatsächlich mache ich mir Sorgen über einige Entwicklungen in der europäischen Politik. Die EIB soll seit ihrer Gründung vor mehr als 60 Jahren dazu beitragen, die großen regionalen Unterschiede in der EU auszugleichen und den gemeinsamen Markt voranbringen.

Wenn man aber genau hinguckt, ist dieses Ziel des einheitlichen Binnenmarkts bei weitem nicht erreicht. Das gilt neben der Digitalisierung besonders für den Energiesektor. Ich frage mich also durchaus: Müssen wir nicht mehr Mut zu einem gemeinsamen Markt haben? Das muss nicht die Entmündigung der Mitgliedsstaaten bedeuten, aber es würde in zentralen Bereichen Europa zu mehr Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit führen.

Video
Videografik: Strom aus erneuerbarer Energie
2:04 min
Grüne Technologien wie Windkraft- oder Solaranlagen gelten als entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel.  © AFP
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