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EU-Abgeordneter Lange: „Müssen verhindern, dass es in Wolfsburg bald so aussieht wie in Detroit“

  • Der Sozialdemokrat Bernd Lange ist der Vorsitzende des Handels­ausschusses im Europaparlament.
  • Im RND-Interview spricht er über die Klimaziele der EU, das Ende des Verbrennungsmotors und welche Perspektiven die in der deut­schen Automobilbranche Arbeitenden jetzt brauchen.
  • Denn: „Klar ist, dass schon in wenigen Jahren viel mehr Batterien in Europa hergestellt werden als heute.“
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Brüssel. Bernd Lange ist Vorsitzender des Handelsausschusses im Europaparlament. Der 65 Jahre alte Sozialdemokrat stammt aus Niedersachsen.

Herr Lange, das Ziel steht fest. Die EU will bis zum Jahr 2050 klimaneutral werden, Deutschland sogar schon bis 2045. Nun wollen die Staats- und Regierungschefs der EU am Montag und Dienstag bei ihrem Gipfeltreffen Leitlinien für den Kampf gegen den Klimawandel beschließen. Was erwarten Sie konkret?

Das große Ziel ist beschlossen. Aber jetzt erwarte ich mir konkrete Details, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Energiebesteuerung in den nächsten Jahren vorankommen sollen. Das wäre dann so etwas wie eine Leitschnur für die EU-Kommission, die vielleicht schon vor der Sommerpause, aber spätestens kurz danach konkrete Gesetze vorschlagen will. Die Zeit drängt. Wir dürfen uns keine Verzögerungen erlauben.

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Ein entscheidender Faktor im Kampf gegen den Klimawandel ist die Mobilität. Ist das Autoland Deutschland ausreichend vorbereitet auf das Zeitalter des Elektroautos?

Wir müssen viel mehr tun. Wir sind noch nicht genügend vorbereitet für den Umstieg von den Verbrennungsmotoren hin zum Elektroantrieb. Da fehlt es noch an allen Ecken und Enden von der Ladeinfrastruktur über die Batteriefertigung bis hin zur Digitalisierung der Branche. Wir sind heute bei den Halbleitern völlig abhängig von China, von den USA und von Taiwan. Wir müssen das Problem des Batterierecyclings in den Griff bekommen. Vor allem aber müssen wir endlich damit beginnen, uns um die Beschäftigten in der Automobilindustrie zu kümmern. Sie brauchen eine klare Perspektive, wenn es nicht mehr so viele Jobs in der herkömmlichen Autoindustrie gibt.

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Die wichtigsten Fakten zu Elektroautos
1:48 min
Mit einer Elektrooffensive wollen Autobauer den weltweit schärfer werdenden Klimaauflagen gerecht werden.  © AFP

Woran denken Sie?

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In erster Linie müssen wir die Beschäftigten für die Anforderungen der neuen Jobs fit machen. Das geht nur über Qualifi­zierung für neue Jobs zum Beispiel im Batterierecycling. Dazu braucht es heute schon gemeinsame Anstrengungen von Politik, Gewerkschaften und Arbeitgebern. Deutschland müsste dringend dem Beispiel Schwedens folgen. Dort gibt es bereits eine Agentur, die sich genau um das Thema dieses Strukturwandels kümmert. Wenn wir das bei uns nicht schaffen, dann bekommen wir ein großes gesellschaftliches Problem. Wir müssen verhindern, dass es in Wolfsburg, München oder Stuttgart in ein paar Jahren so aussieht wie in Detroit. Die einstige Metropole der US-Autoindustrie hat eine verheerende Deindustrialisierung durchgemacht. Und die Menschen wurden einfach sich selbst überlassen.

Sollte es in Deutschland ein verbindliches Datum für das Ende des Verbrennungsmotors geben?

Das wäre schön. Spanien hat schon ein Gesetz erlassen, dass das Ende von Verbrennungsmotoren bis 2040 vorschreibt. So etwas brauchen wir in Deutschland auch. Ich will mich da gar nicht auf ein Jahr festlegen. Die Hauptsache ist, dass wir endlich ein Zieldatum bekommen, das Sicherheit schafft.

Kernpunkt der E-Mobilität ist die Batterieproduktion. Nun könnten, so schätzt die EU-Kommission, schon 2025 bis zu 800.000 Fachkräfte in diesem Industriezweig fehlen. Das ist gar nicht mehr lange hin. Wie lässt sich das Problem lösen?

Klar ist, dass schon in wenigen Jahren viel mehr Batterien in Europa hergestellt werden als heute. Wir müssen also schleunigst damit beginnen, Fachkräfte für diese Jobs auszubilden. Wer bislang Kolben montiert hat, kann ja nicht einfach in die Hightech-Batterieindustrie wechseln.

Ein Elektroauto an einer Ladesäule. © Quelle: imago images/Jan Huebner
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Für Batterien braucht es seltene Erden wie Kobalt und Lithium. Das wird oft unter menschenunwürdigen Bedingungen in Staaten wie dem Kongo oder Peru gefördert. Wie verträgt sich das mit dem Anspruch der EU, dass es in den internationalen Lieferketten nicht zu Menschenrechtsverletzungen kommen darf?

Das ist ein Widerspruch, ganz klar. Wir müssen noch mehr darauf achten, bei wem wir einkaufen. Vor allem aber müssen wir die Recyclingquote dieser Stoffe dramatisch erhöhen. Bei Lithium, das in unseren Smartphones verbaut ist, beträgt die Quote derzeit 2 bis 3 Prozent. Der Rest wird einfach weggeschmissen. Das ist nicht akzeptabel. Bei Bleibatterien haben wir inzwischen eine Recyclingquote von fast 100 Prozent. Das hat viele Jahre gedauert. Bei den modernen Batterien muss das schneller gehen.

Das Modell eines Elektromoduls. © Quelle: Peter Endig/dpa-Zentralbild/dpa

Ein weiteres Thema beim EU-Gipfel wird erneut der Kampf gegen die Corona-Pandemie sein. Was halten Sie von dem Vorschlag von US-Präsident Joe Biden, der eine Freigabe der Patente für Impfstoffe vorgeschlagen hat?

So konkret hat Biden das ja gar nicht vorgeschlagen. Der US-Präsident hat nur gesagt, man müsse mal darüber diskutieren. Wir müssen zunächst einmal dafür sorgen, dass alle Produktionskapazitäten auch wirklich genutzt werden. Damit das gelingt, müssen die Lieferketten für Vorprodukte von Impfstoffen funktionieren. Die USA zum Beispiel lassen manche dieser Stoffe nicht aus dem Land. Das Nachsehen haben dann auch deutsche Impfstoffhersteller wie Curevac. Das muss sich schnell ändern.

Das wird das Problem aber nicht lösen.

Stimmt. Wir sind unter Zeitdruck. Deswegen brauchen wir dringend mehr Partnerschaften mit Impfstoffherstellern in weniger entwickelten Ländern. Bangladesch zum Beispiel hat eine kleine, aber feine pharmazeutische Industrie. Dort ließen sich Impfstoffe herstellen, wenn es einen Technologietransfer gibt. Die Umstellung einer Anlage auf die Produktion der neuartigen Impfstoffe dauert mindestens fünf Monate. Das ist angesichts der Pandemie eine lange Zeit, aber die Debatte um die Freigabe der Patente würde noch viel länger dauern.

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