• Startseite
  • Politik
  • Esther Bejarano ist tot: Holocaust-Überlebende mit 96 Jahren gestorben

Holocaust-Überlebende Esther Bejarano ist tot

  • Die Holocaust-Überlebende und antifaschistische Aktivistin Esther Bejarano ist tot.
  • Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, erklärte auf Twitter, die Hamburgerin sei am Samstagmorgen verstorben.
  • Die 96-jährige Jüdin überlebte den Aufenthalt als junge Frau im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.
1:01 min
Die engagierte Künstlerin gegen Rechts ist im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben.  © dpa
Anzeige
Anzeige

Hamburg. Sie überlebte den Holocaust, weil sie im Mädchenorchester von Auschwitz spielte. Jetzt ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben. Das bestätigte Helga Obens vom Vorstand des Auschwitz-Komitees am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Sie sei am frühen Morgen friedlich im Israelitischen Krankenhaus eingeschlafen. „Sie hat nicht gelitten“, sagte Bejaranos enge Freundin weiter. Zuvor hatten mehrere Medien berichtet.

Außenminister Heiko Maas würdigte Bejarano am Samstag auf Twitter als „wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus“. In seinem Post schrieb er weiter: „Die wundervolle Ester Bejarano überzeugte mit ihrer Lebenskraft und unglaublichen Geschichte. Ihre Stimme wird uns fehlen.“

Anzeige

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Kindern von Esther Bejarano zum Tod ihrer Mutter kondoliert. Der Bundespräsident schreibt:

„Die Nachricht vom Tod von Esther Bejarano hat mich sehr traurig gemacht. Wir verlieren mit ihr eine mutige Persönlichkeit, die sich bis zuletzt für die Verfolgten des Naziregimes eingesetzt hat.

Esther Bejarano hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, diskriminiert, verfolgt und gefoltert zu werden. Sie hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt, weil sie im Mädchenorchester Akkordeon gespielt hat.

Nach dem Krieg war es ihr eine innere Verpflichtung, als Zeitzeugin die Erinnerung an die Greueltaten des Naziregimes wach zu halten und vor allem junge Menschen vor den Gefahren des Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu warnen. Sie gründete das Auschwitz-Komitee und ermöglichte auf diese Weise viele Bildungsreisen in Konzentrationslager und Veranstaltungen gegen das Vergessen. Auch als Sängerin stand Esther Bejarano auf der Bühne. Wer sie je in ihrem musikalischen Element erlebt hat, wird sich immer daran erinnern: So mitreißend war sie!

Anzeige

In großer Dankbarkeit und Hochachtung denke ich in diesen Stunden an Esther Bejarano. Mit ihrem Tod haben wir einen großen Verlust erlitten. Sie wird immer einen Platz in unseren Herzen haben.“

Zahlreiche Auszeichnungen

Anzeige

Bejarano engagierte sich Jahrzehnte lang gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Zusammen mit ihrem Sohn Joram und ihrer Tochter Edna sang sie jüdische und antifaschistische Lieder, zuletzt tourten sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia durch Deutschland.

Esther Bejaranos Leben

Als die Nazis im Vernichtungslager Auschwitz ein Mädchenorchester gründen wollten, meldete sie sich als Akkordeonspielerin – ohne jemals ein solches Instrument in der Hand gehabt zu haben. Das rettete der damals 18-jährigen Esther Bejarano das Leben. In ihrer Autobiografie erinnerte sie sich: „Dann sollte ich den deutschen Schlager „Bel Ami“ spielen und es gelang mir auch.

Anzeige

„Das war wie ein Wunder.“ Jetzt ist die kleine Frau mit dem mutigen Herzen, die sich seit Jahrzehnten gegen das Vergessen und für mehr Toleranz eingesetzt hatte und unter anderem mit einer Kölner Hip-Hop-Band gegen Rechts rappte, im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben.

Esther Bejarano wuchs wohlbehütet mit ihren drei Geschwistern im damals französischen Saarlouis und später in Saarbrücken auf. Ihr Vater war Kantor in der jüdischen Gemeinde und führte sie an die Musik heran. Als 1935 das Saarland wieder an das Deutsche Reich angegliedert wurde, verschlechterte sich die Lage für Juden erheblich.

Sie schaffte es nicht mehr, nach Palästina auszuwandern, ihre Eltern wurden bereits 1941 von den Nazis in Litauen umgebracht. Die junge Frau musste in einem Lager Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde.

Video
Warum Auschwitz wichtig bleibt: Heiko Maas
0:45 min
Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) gibt sein Statement zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.  © RND

„Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern“, schreibt Bejarano in ihrer Autobiografie „Erinnerungen“. Darin schildert sie die Schrecken des Alltags im Lager und wie sie durch das Frauenorchester die Chance zum Überleben bekam. Am schlimmsten war für sie, dass das Orchester auch spielen musste, wenn neue Transporte ankamen, die direkt für die Gaskammern bestimmt waren.

Anzeige

„Als die Menschen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein“, erinnerte sie sich. Weil ihre Großmutter Christin war, wird sie ins Frauenstraflager Ravensbrück verlegt und überlebt den anschließenden Todesmarsch.

Auswanderung nach Israel

Nach dem Krieg wanderte die junge Frau nach Israel zu ihrer Schwester Tosca aus. Hier lernte sie auch ihren Mann Nissim kennen, die beiden bekommen die Kinder Edna und Joram.

Weil sie mit der israelischen Politik gegen die Palästinenser nicht einverstanden sind, kehrte die Familie 1960 nach Deutschland zurück, obwohl es ihnen schwer fiel, in das Land der Täter zurückzukehren. Als sie jedoch eines Tages Neonazis auf offener Straße beschimpfen, reichte es Bejarano: Sie entschloss sich, ihr jahrelanges Schweigen zu brechen und wurde politisch aktiv, unter anderem im Auschwitz-Komitee.

Zusammen mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete Esther Bejarano Anfang der 1980er Jahre die Gruppe Coincidence mit Liedern aus dem Ghetto und jüdischen sowie antifaschistischen Liedern. 2009 nahmen sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia die CD „Per la Vita“ (Für das Leben) auf, die für Verständnis zwischen den Kulturen wirbt.

Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".

Gemeinsam traten sie auch vor Schulklassen auf, was Esther Bejarano immer besonders am Herzen lag: „Ich sage immer: Ihr seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt.“

RND/dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen